Heiner Thorborg

Armin Laschet soll CDU-Kanzlerkandidat werden Der kleinste gemeinsame Nenner

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
In der Wirtschaft wird niemand CEO, nur weil er nett ist, halbwegs konsistent seine Meinung beibehält und möglichst wenig aneckt. In der CDU offenbar schon.
Kein Chef, der den Laden elektrisiert und mitreißt: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet

Kein Chef, der den Laden elektrisiert und mitreißt: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Die erste Pflicht und die Hauptaufgabe eines Vorstandsvorsitzenden in der Wirtschaft ist es, gemeinsam mit dem Aufsichtsrat die eigene Nachfolge gut, verlässlich und glaubwürdig zu regeln. Die zweite Pflicht ist, über die Zukunft nachzudenken und für Innovation zu sorgen, damit der Strom an guten Ideen nicht abreißt und die Organisation auch künftig wachsen kann. Übertragen auf die CDU – die Partei, die sich selbst beständig für die eigene Wirtschaftskompetenz lobt – kann man da nur sagen: "Angela Merkel, setzen! Note: sechs." Hat sie doch so lange alle weggebissen, bis für die Nachfolge nur noch die Wahl zwischen Kandidaten bestand, die nicht wirklich überzeugen.

Das jüngste Gezerre um die Kanzlerkandidatur war daher weder gut, noch verlässlich, geschweige denn glaubwürdig. Das Ergebnis ist entsprechend: CDU-Chef Armin Laschet (60) soll nun für die Konservativen antreten, obwohl ihn laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des "Handelsblatts" nur 12 Prozent als kanzlerfähig erachten und 46 Prozent der Befragten für CSU-Chef Markus Söder (54) stimmen würden.

Die CDU hat die Wahl schon so gut wie verloren

Tritt nun also Laschet an und nicht Söder, hat die CDU die Wahl schon so gut wie verloren. Bereits vor der Entscheidung für Laschet wollten wegen der Pannen im Corona-Management und dem Verlust des Merkel-Bonus nur noch 27 Prozent des Wahlvolks der Union ihre Stimme geben. Nun auch noch den aus Wählersicht falschen Kandidaten ins Rennen zu schicken, grenzt an Selbstaufgabe. Denn in der Wirtschaft gehen gute Mitarbeiter schnell von Bord, wenn sie die Führung für inkompetent halten – dasselbe droht der CDU. Mit Laschet als Kanzlerkandidaten werden viele ihrer Stammwähler zu Hause bleiben, die Union wird möglicherweise sogar die Position der stärksten Partei an die Grünen verlieren.

Innovation ist das Thema, das bei der CDU ganz oben auf der Agenda stehen müsste, wie bei jeder anderen Organisation, die zukunftsfähig werden und überleben will. Aber traut man dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten diese Lust auf Neues zu? Der 60-Jährige wirkt doch mehr wie ein Landarzt als wie ein durchsetzungsstarker Fürsprecher der größten Volkswirtschaft in der EU.

Laschets wirtschaftspolitische Position ist nicht klar

Wofür also steht der Mann aus Aachen? Nach seiner "großen politischen Idee" gefragt, nennt Laschet die soziale Marktwirtschaft "ergänzt um das Ökologische". Für ihn bedeutet das, "Klimaschutzziele (zu) erreichen, trotzdem Arbeitsplätze und Industrie (zu) sichern". Diese "Riesenidee" vertrete "in dieser Form zusammengeführt" nur die CDU. Da lachen die Grünen!

In der Stahlindustrie zum Beispiel, die in Nordrhein-Westfalen rund 50.000 Arbeitsplätze sichert, sieht Laschet "gigantische Chancen bei der Wasserstofftechnologie", denn bis 2050 soll die Branche klimaneutral werden, wenn es nach ihm geht. Laschet will den Rahmen dafür schaffen, dass Industrie und Klimaschutz zusammenpassen. Aber wie? Der Staat sei nicht der bessere Unternehmer, sagt Laschet, gleichzeitig sollte er doch Not leidenden Unternehmen helfen. Also, was denn nun? Würde er sich als Kanzler aus der Wirtschaft raushalten oder doch lieber aktive Industriepolitik machen?

In Nordrhein-Westfalen ging er mit einem "Entfesselungspaket" an den Start, das für Reformen und Entbürokratisierung sorgen sollte, um neue Freiheit zu schaffen und Innovationen loszutreten. Das nun wiederum klingt wie das Programm der FDP.

Es geht um die Zukunft des Landes, nicht um die Außenwirkung der CDU

Seine Freunde – und er hat welche, auch unter den Grünen und in der FDP – beschreiben Laschet als "integrativ" und auch unter schwierigen Umständen als "sehr verbindlich" im persönlichen Umgang. Zudem habe er in den vergangenen Jahren seine Positionen nicht so häufig gewechselt wie Söder und sei somit "weniger angreifbar im Wahlkampf", argumentieren seine Fans. Zudem sei er widerstandskräftig und lasse sich weder durch schlechte Umfragen noch durch miese Presse beeindrucken. Aber reicht das?

Für die CDU offenbar durchaus, galt es doch den Eindruck zu vermeiden, die Union sei in der Frage planlos, wie es nach der Ära Merkel weitergehen soll. Wer Führungsstärke beansprucht, muss Entschlossenheit signalisieren. Am Ende des Tages wäre es aus Parteisicht zudem das schlimmste Armutszeugnis gewesen, den eigenen Vorsitzenden für nicht gut genug zu halten und stattdessen den Kandidaten der Schwesterpartei zu bevorzugen.

Was bleibt, ist ein schlechter Geschmack im Mund, geht es doch um die Zukunft des Landes und nicht nur um die Außenwirkung der CDU. In der Wirtschaft zumindest wird niemand CEO, weil er persönlich nett ist, der Programmatik seiner Kollegen nicht widerspricht, halbwegs konsistent seine Meinung beibehält, Kritik abwettert und insgesamt wenig aneckt. Laschet ist der kleinste gemeinsame Nenner unter allen Beteiligten: vielleicht ein netter Kerl, aber kein Chef, der den Laden elektrisiert und mitreißt. Deutschland hätte mehr verdient.

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.