Freitag, 26. April 2019

Angst vor Jobverlusten Die hässliche Seite der Wirtschaft

Jobcenter in Gelsenkirchen (Archivbild)

Bislang folgt Rekord auf Rekord: Deutschlands Beschäftigungswunder geht immer weiter. Wie lange noch? Abschwung, Digitalisierung und Handelskrieg werfen Fragen auf.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Kaum ein Ereignis beeinträchtigt das Selbstwertgefühl von Menschen so stark wie der Verlust des Jobs. Massenarbeitslosigkeit lässt ganze Gesellschaften in Pessimismus verfallen; Deutschland hat es in den Neunziger- und frühen Nullerjahren erlebt. Und hohe Arbeitslosigkeit trägt dazu bei, das politische System zu destabilisieren - was den Wahlsieg der Populisten von Links und Rechts in Italien wenigstens teilweise erklärt.

Arbeitslosigkeit gehört zweifellos zur hässlichen Seite der Wirtschaft. Über Jahre war sie das dominierende Thema in Europa. Nach der Rezession infolge der Finanzkrise sahen die Bürger EU-weit kein anderes Problem als so gravierend an. Inzwischen hat sich die Stimmung zwar etwas entspannt. Aber das kann sich rasch wieder ändern.

Zwei Faktoren könnten die Arbeitsmärkte durcheinanderwirbeln: eine Rezession und die Digitalisierung. Schlimmstenfalls kommt beides zusammen: ein heftiger Abschwung und ein jobkillender Technologieschub. Wie groß ist diese Gefahr?

2019, Jahr des Abschwungs

Es sieht so aus, als würde die nächste Rezession eine raue Angelegenheit. Und sie könnte früher kommen als bislang in Konjunkturprognosen vorhergesagt. Reihenweise werden derzeit die Vorhersagen nach unten korrigiert, gerade für die Eurozone. Einen deutlichen Wachstumsrückgang sagt die OECD für Deutschland voraus. Italien steht 2019 eine abermalige Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts (pdf) bevor. (Achten Sie auf neue Zahlen vom Institut für Weltwirtschaft am Mittwoch sowie diverse Unternehmens- und Branchendaten im Laufe der Woche.)

Auch dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) abermals gezwungen sieht, in großem Stil Geld in die Märkte zu pumpen, zeigt, dass die Notenbanker die Lage für wacklig halten - und dass die EZB im Falle einer erneuten Rezession kaum noch Handlungsmöglichkeiten hat, denn die Zinsen sind schon bei null. Auch die Finanzminister können wenig tun: Die meisten EU-Länder sind bereits so hoch verschuldet, dass ihre Spielräume im Krisenfall begrenzt sind.

Ganz klar, ein heftiger, durch die Konjunkturpolitik kaum gebremster Abschwung wird zu Jobverlusten führen. Die Frage ist: Wie stark wird der Anstieg der Arbeitslosigkeit ausfallen? Meine Vermutung: relativ milde, verglichen mit früheren Rezessionen.

In der deutschen Industrie war bereits in der Rezession von 2008/09 ein neues Muster erkennbar: Die Unternehmen versuchen, Beschäftigte auch in schlechten Zeiten zu halten, weil sie wissen, dass es im nächsten Aufschwung schwierig wird, entsprechende Mitarbeiter zu finden. Eine Folge der demographischen Entwicklung und der zunehmenden Spezialisierung: Anders als in früheren Jahrzehnten ist es schwieriger, fähige Leute zu finden.

In der Baubranche wiederum wird ein Ende des Booms dazu führen, dass auch eine Menge Beschäftigte und Firmen aus anderen EU-Ländern betroffen wären, die derzeit auf deutschen Baustellen arbeiten. Sie kehren nach Hause zurück, wenn hier nichts mehr zu tun ist.

Aber neben dem zyklischen Auf und Ab der Wirtschaft sind auch strukturelle Verschiebungen im Gange. Und die dürften erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben.

Vier Millionen Jobs weg? Es könnte schlimmer kommen…

Tatsächlich kommt eine aktuelle Studie ("Digitale Arbeitswelt", PDF) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zu dem Ergebnis, dass infolge der Digitalisierung bis 2025 rund 1,3 Millionen Jobs wegfallen werden. Bis 2035 sollen es sogar vier Millionen sein.

Allerdings werden der Studie zufolge auch jede Menge neue Jobs entstehen: 2,1 Millionen bis 2025, mehr als eine Million weitere bis 2035. Die abgeschwächte Jobdynamik gegen Ende des Untersuchungszeitraums ergibt sich vor allem aus der demografischen Entwicklung. Die Zahl der Leute im beschäftigungsfähigen Alter geht zurück, trotz weiterhin relativ hoher Zuwandererzahlen.

Die Arbeitslosigkeit, so sagen es die Experten voraus, wird bis Mitte des übernächsten Jahrzehnts gering bleiben. Allerdings wird der technologiebedingte Anpassungsdruck enorm sein - für Beschäftigte und Unternehmen.

Während die Digitalisierung Jobverluste insbesondere in der Industrie verursacht, entstehen anderswo neue Bedarfe - wegen der Alterung der Gesellschaft und wegen der geringen Nachwuchszahlen in nicht-digitalisierbaren Gefilden des Arbeitsmarkts, etwa im Handwerk.

Knapp werden Fachkräfte wie etwa Klempner sein. Auch in den Bereichen Medizin und Gesundheit werden Arbeitskräfte gesucht.

Laut den IAB-BIBB-Projektionen wird es künftig aber eher zu viele Geisteswissenschaftler geben. Ebenso werden Kaufleute und Leute mit künstlerischen Qualifikationen reichlich im Angebot sein, eine Folge heutiger Studien- und Ausbildungsentscheidungen. Auch für einfache Dienstleistungen wie Gebäudereinigung wird es durch gering qualifizierte Zuwanderer genug Personal geben.

Die Studie geht davon aus, dass die Industrie weiterhin einen hohen, nur leicht schrumpfenden Anteil zur deutschen Wertschöpfung beiträgt. Die Zahl der Jobs in der Produktion geht zwar zurück, aber nur ganz allmählich und moderat. Enorme Umwälzungen, sicher. Aber wenn sie langsam genug ablaufen, wie die Studie unterstellt, können sich viele Menschen darauf einstellen. Es kann aber auch ganz anders kommen.

Beim Aushöhlen des Arbeitsmarkts

Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass die Deindustrialisierung viel schneller ablaufen kann - mit entsprechend negativen Folgen.

Sollten beispielsweise der Handelskrieg und der Brexit (Dienstag gibt's die nächste Abstimmung im Unterhaus) zu einem erheblichen Rückgang des Handels führen, wird gerade die exportlastige deutsche Industrie darunter leiden (achten Sie Montag auf neue Ausfuhrzahlen). Davon dürften unter dem Strich weit mehr Beschäftigte betroffen sein als von den direkten Folgen der Digitalisierung.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche
Montag

Brüssel - Griechenland, wieder mal - Treffen der Euro-Finanzminister. Auf der Agenda steht unter anderem ein Griechenland-Bericht der EU-Kommission im Rahmen des Programms zur „verstärkten Überwachung“ der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Wiesbaden - Die Ausfuhr im Abschwung - Das Statistische Bundesamt legt neue Zahlen zu Exporten vor.

Dienstag

London - Ein verdammtes Drama - Das britische Unterhaus soll noch einmal über das Austrittsabkommen abstimmen, das Premierministerin May mit der EU ausgehandelt hat. Ausgang: offen. Anders gesagt: Nur zwei Wochen vor dem Brexit-Datum ist völlig unklar, was am 29. März geschieht und wie es danach weitergeht!

Brüssel - Kontrolle - Die EU-Finanzminister beraten über die Berichte, die die EU-Kommission über die einzelnen Länder erstellt hat.

Wolfsburg/Stuttgart - Strukturwandel - Immer für negative Überraschungen gut: Geschäftszahlen von VW und der Tochter Porsche.

Lage und Ausblick I - Einschätzungen zur jeweiligen Branchenkonjunktur vom Verband der Chemischen Industrie und dem Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken.

Mittwoch

Kiel - Vorhersager - Das Institut für Weltwirtschaft veröffentlicht seine Konjunkturprognose für Deutschland, den Euroraum und den Rest der Welt. Es wird interessant sein zu sehen, welche Impulse der neue Präsident Gabriel Felbermayr setzt.

Lage und Ausblick II - Geschäftszahlen von Adidas und Eon. In München eröffnet die Handwerksmesse, in Hamburg die Gastro- und Hotelmesse Internorga.

Donnerstag

Peking - Süßsauer - Der Handelskrieg hinterlässt Spuren: Chinas Statistikamt legt Zahlen zum Wirtschaftswachstum im Januar und Februar vor.

Lage und Ausblick III - Auskunft über den Geschäftsverlauf von RWE, Lufthansa, K+S, Lanxess, Audi sowie von der Bundesvereinigung Bauwirtschaft.

Freitag

Tokio - Bedingt wirksam - Keine Notenbank der Welt kauft so viele Schulden auf wie die japanische – ohne dass es starke Effekte auf die reale Wirtschaft hätte. Nun tagt sie turnusmäßig, um über den weiteren Kurs zu entscheiden.

Zumal in einer solchen Krise die Firmen ihre Investitionspläne zusammenstreichen dürften - was die Digitalisierung bremsen würde. Kein schönes Resultat: Eine Menge exportabhängiger Jobs wären weg, aber die Produktivität der verbleibenden Beschäftigten stiege kaum, weil nur wenig in neue Technologien investiert würde.

Es wäre ein Szenario, ähnlich wie es die USA in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Dort waren vor allem Beschäftigte mit geringerer Qualifikation negativ vom Strukturwandel betroffen: Die Industrie schrumpfte seit den Achtzigerjahren rapide, Jobs gingen verloren, Löhne sanken.

Der Arbeitsmarktökonom David Autor vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) spricht von einer "Aushöhlung" des Arbeitsmarkts für mittlere Qualifikationen. Während in den USA Hochschulabsolventen und teils auch Geringqualifizierte in Servicejobs in den Metropolen heute deutlich besser dastehen, waren Industriearbeiter abseits der Großstädte die großen Verlierer der vergangenen Jahrzehnte.

Eine Entwicklung, die ähnlich auch in Deutschland ablaufen könnte - falls all die mittelständischen Industrieunternehmen in der deutschen Provinz massiv Stellen abbauen müssten.

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