Montag, 17. Juni 2019

Was der Rücktritt von Andrea Nahles über die SPD verrät Das Problem der SPD ist die Moral

Die Übergangsführung der SPD - ein weiterer potenzieller Sargnagel.
Wolfgang Kumm/ DPA
Die Übergangsführung der SPD - ein weiterer potenzieller Sargnagel.

SPD und politische Kultur - das scheint dieser Tage nicht zusammen zu passen. Die Genossinnen und Genossen betonen zwar auf der parteieigenen Internetseite Solidarität, Zusammenhalt und Menschlichkeit. Gelebt werden diese Werte ganz offensichtlich nicht. Das Ganze erinnert fatal an die auch in manchen Unternehmen erkennbare Praxis, sich ethisch-moralische Regeln im Sinne eines Ethikkodex zu verpassen - der viel zu oft von oben gesetzt und nicht aus der Mitarbeiterschaft heraus entwickelt wurde - und dann fröhlich genau das Gegenteil zu tun.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied eines finanzmarktorientierten Ethik-Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Sich für diese Entwicklung zu schämen, wie es einige SPD-Politiker derzeit öffentlichkeitswirksam tun - mag ehrenvoll sein. Aber es ist viel zu wenig. Sich mehr Vertrauen und mehr Respekt zu wünschen, ist nachvollziehbar. Gemäß des Bonmots von Lothar Matthäus vom August 2017 "Wäre, wäre Fahrradkette" bleibt allerdings die Frage, warum über Stil, Menschlichkeit und Achtsamkeit immer erst hinterher geredet wird. Wenn der Rücktritt von Andrea Nahles für eines wirklich gut war, dann dafür, die Scheinheiligkeit und Doppelmoral in der SPD deutlich zutage zu fördern.

Wer Moral als Argument nutzt, wird daran gemessen

Der Missbrauch von Ethik und Moral zur Verschleierung von Eigeninteressen, Defiziten im Umgang miteinander und Machtstreben ist längst auch in der Partei angekommen, die in der politischen Debatte schon immer in besonderem Maße die Moralkarte gespielt hat. Der SPD-Politiker Peer Steinbrück führte seinen Wahlkampf 2013 noch unter dem aktuell fragwürdigen Slogan "Das Wir zählt" - übrigens wurde er seinerzeit ironischerweise mit dem Ausspruch "hätte, hätte Fahrradkette" mehrfach zitiert.

Vier Jahre später scheiterte Martin Schulz krachend mit seiner Forderung nach mehr Gerechtigkeit. Das Problem am moralischen Argument ist: Wer es am lautesten proklamiert, wird auch am ehesten daran gemessen. Das erleben wir auch auf Unternehmensebene: Menschen spüren instinktiv, wenn moralische Werte inkonsistent mit den tatsächlichen Gegebenheiten sind. Leider sinkt dann bei allen die Hemmschwelle, sich anders zu verhalten, als es die Führungsetage tut. Das gute alte Vorbild hat insofern längst nicht ausgedient.

Meine Empfehlung an die SPD wäre, sich von der lieb gewonnenen Tradition zu verabschieden, Moral und Werte wie Solidarität und Mitmenschlichkeit in den Vordergrund zu stellen - was die Partei selbst jetzt noch tut, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist. Stattdessen sollte sie Positionen und Interessen transparent machen: Wer hat welches Ziel - für die Partei, aber auch für sich selbst? Wer steht für was - und vor allem warum? Das wäre weitaus ehrlicher und damit glaubwürdiger.

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