Altersvorsorge Rente wird zum Wahlkampfthema

Rentenniveau und Renteneintrittsalter sollen weit über 2025 hinaus stabil bleiben, verspricht Olaf Scholz. Die Union hält solche Versprechen für unseriös. Das Problem: Schon jetzt sind Millionen Menschen trotz Vollzeitjob von Altersarmut bedroht.
"Rente muss zum Leben reichen": Spät entdecken die Parteien im laufenden Bundestagswahlkampf das Thema Rente als Möglichkeit, Wähler noch auf ihre Seite zu ziehen

"Rente muss zum Leben reichen": Spät entdecken die Parteien im laufenden Bundestagswahlkampf das Thema Rente als Möglichkeit, Wähler noch auf ihre Seite zu ziehen

Foto: Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

Lassen sich mit dem Thema "sichere Rente" vielleicht doch noch Wählerstimmen gewinnen? Beim zweiten TV-Duell der Kanzlerkandidaten am Sonntagabend wurde in diesem Punkt zumindest ein Unterschied zwischen Union und SPD deutlich. Während Olaf Scholz (SPD) älteren wie jüngeren Wählern versprach, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter möglichst bis 2040 stabil zu halten, hält Armin Laschet (CDU) genau dieses Versprechen für unseriös.

Dass dieses Versprechen unbezahlbar sei, sei "aus meiner Sicht eine Mär", erwiderte Scholz. Zentral sei für die Finanzierbarkeit, "dass möglichst viele eine gute Beschäftigung haben" und damit in die Rentenkasse einzahlten. Was die Runde indes nicht thematisierte: Viele Menschen kommen mit ihrer Rente trotz jahrzehntelanger Einzahlungen in die Rentenkasse kaum aus.

2,8 Millionen Menschen trotz Vollzeitjob von Altersarmut bedroht

In Deutschland sind knapp 2,8 Millionen Menschen trotz Vollzeitjob selbst nach 45 Arbeitsjahren von Altersarmut bedroht, berichtet die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Die NGG beruft sich dabei auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Rentenversicherung hin. Gewerkschaftschef Guido Zeitler forderte deswegen eine Stärkung des gesetzlichen Rentensystems.

Laut NGG verdienen 13 Prozent aller Beschäftigten, die in Vollzeit arbeiten, weniger als 2050 Euro brutto im Monat. Rein rechnerisch müssten sie demnach mehr als 45 Jahre lang arbeiten, um auf eine Rente oberhalb der Grundsicherungsschwelle von aktuell 835 Euro zu kommen. Als Beispiele nannte die Gewerkschaft Beschäftigte etwa in Bäckereien oder Gaststätten. "Rentenkürzungen oder Forderungen über ein späteres Eintrittsalter sind der falsche Weg", wies Zeitler entsprechende Forderungen zurück.

82 Prozent der gesetzlichen Renten unter 1500 Euro

Nach Erkenntnis der Partei die Linke belaufen sich 82 Prozent der gesetzlichen Renten in Deutschland auf weniger als 1500 Euro monatlich. Dagegen lägen 95,1 Prozent der Pensionen von Bundesbeamten über diesem Betrag, geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken hervor, über die das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Sonntag zuerst berichtete.

Das Bundesarbeitsministerium erklärt den großen Unterschied zwischen Renten und Beamtenpensionen unter anderem damit, dass in die Statistik auch Renten eingingen, die etwa aufgrund von geringen Beschäftigungszeiten sehr niedrig ausfielen. Daneben könnten oft Ansprüche aus anderen Sicherungssystemen im In- oder Ausland bestehen, über die der Statistik der Deutschen Rentenversicherung jedoch keine Informationen vorlägen. Die Beamtenversorgung enthalte wiederum enthalte eine betriebliche Zusatzsicherung als zweite Säule der Alterssicherung.

Laut NGG bedeute die seit dem Jahr 2000 erfolgte Absenkung des Rentenniveaus von damals rund 53 Prozent auf aktuell 48 Prozent, "dass Geringverdiener mit einem Einkommen von weniger als 2050 Euro brutto im Monat statt 42 nun fast 46 Jahre lang arbeiten müssen, um überhaupt noch die Grundsicherungsschwelle im Alter zu erreichen". Da dies faktisch für viele gar nicht möglich sei, bedeute jede Anhebung des Renteneintrittsalters "faktisch eine Rentenkürzung", kritisierte der Gewerkschaftschef.

Rentenversicherung erwartet "ordentliches Plus" für Rentner in 2022

Die aktuellen Rentner und Rentnerinnen indes können nach Einschätzung der Rentenversicherung im kommenden Jahr eine "ordentliche" Erhöhung ihrer Bezüge erwarten. "Ich gehe davon aus, dass die ausgebliebene Erhöhung im kommenden Jahr in gewissem Umfang nachgeholt wird und die Rentner 2022 ein ordentliches Plus bekommen werden", sagte die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund, Gundula Roßbach, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

"Wie viel mehr es sein wird, das wissen wir erst im nächsten Frühjahr, denn wir müssen ja die Lohnentwicklung im gesamten Jahr 2021 betrachten." Und es lasse sich derzeit nicht abschätzen, wie sich die vierte Corona-Welle auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt auswirkt. "Daher sind konkrete Vorhersagen zum jetzigen Zeitpunkt unseriös."

In diesem Jahr hatte es aufgrund des Corona-Einbruchs für Rentnerinnen und Rentner im Westen eine Nullrunde gegeben. In den neuen Bundesländern stiegen die Renten zum 1. Juli um rund 0,7 Prozent. Die Entwicklung der Rente ist an die Löhne gekoppelt. Diese waren im Corona-Jahr 2020 im Schnitt gesunken. Da eine Rentenkürzung durch eine "gesetzliche Rentengarantie" ausgeschlossen ist, stagnierten die Bezüge im Westen. Im Osten stiegen sie dennoch leicht, weil der Rentenwert schrittweise bis 2024 an den im Westen angeglichen wird.

rei/dpa-afx/AFP
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