Christian Hagist

Debatte um Altersarmut und Rente Alarmismus ist bei Altersarmut kein guter Ratgeber

Christian Hagist
Von Christian Hagist
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Das Armutsrisiko im Alter ist bisher nicht höher als die Wahrscheinlichkeit für Armut in der Gesamtbevölkerung. Dennoch dreht sich die Diskussion zumeist um eine Gruppe. Sollten wir alte Arme anders behandeln als junge Arme?
Jung, alleinerziehend, arm: Sollte die Politik eher in subventionierte Rentenzahlungen als in verbesserte Kita-Betreuungszeiten und bessere Bildung investieren?

Jung, alleinerziehend, arm: Sollte die Politik eher in subventionierte Rentenzahlungen als in verbesserte Kita-Betreuungszeiten und bessere Bildung investieren?

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Christian Hagist

Christian Hagist ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der WHU - Otto Beisheim School of Management.

Debatten zur Altersarmut verlaufen in Deutschland leider immer sehr emotional und aufgeregt. Auch die aktuelle Diskussion um die Rente macht hier keine Ausnahme - ein gefährlicher und unverantwortlicher Alarmismus ist fast an der Tagesordnung.

Fakt ist: Das Armutsrisiko im Alter ist bisher nicht höher als die Wahrscheinlichkeit für Armut in der Gesamtbevölkerung. Warum geht die Diskussion also meist um diese Gruppe? Oder anders formuliert: Warum sollten wir 68-jährige Arme anders behandeln als arme 35-jährige?

Unsere Sozialgesetzgebung fragt aus guten Gründen (mit ein paar wenigen Ausnahmen wie etwa Behinderungen, etc.) nicht nach der Schuld der Armut (das Gesetz kennt zwar die Ausnahme des grob schuldhaften Verhaltens) - sie wird lediglich festgestellt und dem Betroffenen dann geholfen. Ob diese Armut durch Pech, Krankheit, gesamtwirtschaftliche oder individuelle Umstände, verursacht ist, spielt keine Rolle. Warum nun das Alter beziehungsweise der Status als Rentner dabei etwas ändern soll, bleibt unbeantwortet. Bestimmte altersspezifische Ausgaben wie für Krankheit und Pflege, welche einen anderen Bedarf Älterer vielleicht rechtfertigen könnten, werden von anderen Sozialversicherungszweigen aufgefangen.

Zwar zeigt sich in den Statistiken, dass Altersarmut in der Tendenz ansteigend ist - auch wenn eine genaue Prognose äußerst schwierig ist und sich hier oft die Armutsdefinition zunutze gemacht wird, welche gerade politisch opportun scheint. Zu einem gewissen Teil ist diese steigende Tendenz sicher auch auf das sinkende Rentenniveau durch die notwendigen und richtigen Schröderschen Rentenreformen zurückzuführen, welche in der Öffentlichkeit häufig - wenn auch zu Unrecht - am Pranger stehen.

Prekär Beschäftigte, alleinerziehende Frauen - wo die Politik investieren sollte

Zum größeren Teil dürfte es aber an fehlenden Versicherungszeiten liegen - nicht umsonst sind die beiden gefährdetsten Gruppen prekär Beschäftigte und alleinerziehende Frauen. Diese Gruppen in Lohn und Brot zu bringen und damit auch zu ausreichend Rentenpunkten zu verhelfen, wäre die beste Medizin (nicht nur) gegen Altersarmut.

Die Politik sollte sich also gut überlegen, ob sie in subventionierte Rentenzahlungen oder nicht doch lieber in verbesserte Betreuungszeiten in Kindertagesstätten oder bessere Bildung investiert.

Deutschland hat insgesamt ein gutes Altersvorsorgesystem, welches zwar immer noch reformbedürftig, aber durch die Reformen der vergangenen Dekade auf ein einigermaßen nachhaltiges Fundament gestellt wurde. Die Politik scheint dieses Fundament wieder brüchig machen zu wollen - sei es durch Geschenke wie die Rente mit 63 und die Mütterrente oder jetzt durch nicht zielführende Vorschläge gegen Altersarmut.

Natürlich ist Politik auch immer ein Nachsteuern und wenn es wirklich zu immer steigenden hohen Altersarmutsquoten kommen sollte - die wir bisher so eben noch nicht sehen - muss sicher auch nachjustiert werden. Aber dies sollte mit kühlem Kopf und nicht in Hektik mit einem, in einer älter werdenden Gesellschaft auch politisch motiviertem, Alarmismus geschehen.

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Christian Hagist ist Professor für Generationen-übergreifende Wirtschaftspolitik und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.