Serie: Forschungsprojekte junger Wissenschaftler Wenn alle mitreden wollen

Planung und Politik über die Köpfe der Bürger hinweg? Geht nicht mehr! Der Stadtforscher Julian Petrin erklärt, wie echte Bügerbeteiligung funktioniert.
Von Dorothea Heintze
Bürgerprotest: "Stuttgart 21 war der Wendepunkt"

Bürgerprotest: "Stuttgart 21 war der Wendepunkt"

Foto: DPA

chrismon: Herr Petrin, auf Ihrer Internetplattform und bei Veranstaltungen fordern Sie Bürger zur Mitsprache auf. Warum?

Julian Petrin: An einem Freitagnachmittag in der Schulaula Stellwände aufstellen, die Anwohner einladen und denken: Jetzt haben wir alle mitgenommen - das reicht nicht mehr. Stuttgart 21 war der Wendepunkt.

Was machen Sie anders?

Wir laden die Menschen nicht ein, wenn das meiste schon entschieden ist, sondern schieben die Diskussion vorher an.

Gelingt Ihnen das nur an der Elbe - Sie nennen sich "Nexthamburg "?

Wir sind in mehreren Städten aktiv, aber Hamburg ist unser Heimathafen. Hier haben wir bereits über 1000 Projektideen gesammelt, die wir zu einer Bürgervision für die Stadt von morgen zusammengetragen haben. Da sind viele sehr gute Ideen dabei, die wir mit unserer neuen Plattform Stadtmacher weiter begleiten wollen.

Zum Beispiel?

Manche Ideen sind ganz naheliegend, zum Beispiel eine Promenade an der Elbe gegenüber der City. Das wünschen sich viele Bürger, da hätte man einen tollen Blick auf die Stadt. Andere Ideen sind sehr überraschend, zum Beispiel die stromerzeugende Joggingstrecke. So etwas ist tatsächlich machbar. Und Manches ist auch umstritten, wie die City-Maut, die manche Bürger fordern. Die Ideensammlung ist eine riesige Fundgrube, aus der man sich noch Jahre bedienen kann.

Und in anderen Städten?

In Bremen soll ein neuer Verkehrsnetzplan entstehen, da haben wir eine Onlineumfrage mit 5000 Teilnehmern zustande gebracht. Wir arbeiten aber auch zusammen mit dem Goethe-Insitut in Bangalore. Da sind die Probleme viel größer als bei uns.

Wen bringen Sie miteinander ins Gespräch?

Am besten jeden mit jedem. Es steht ja nicht der Bürger gegen Investoren und Experten, sondern es gibt zahllose Experten. Da ist zum Beispiel ein Unternehmer, der Fahrradwege baut. Der diskutiert mit dem radelnden Familienvater. Gemeinsam stößt man auf Planungsfehler, und zwar bevor die politische Entscheidung getroffen wird - eine "Zwischenvergewisserung" sozusagen.

Ist das so viel anders als die Expertenanhörung im Verkehrsausschuss?

Es ist offener. Bei uns kann alles angesprochen werden. Auch scheinbar verrückte Visionen, wofür man in einer anderen Öffentlichkeit sofort etwas auf die Mütze kriegen würde. Bei uns entstehen daraus neue Ideen.

Und am Ende werden die Realität?

Natürlich nicht gleich, natürlich nicht immer. Partizipation heißt ja nicht "Wünsch dir was - und es wird gleich was". Aber wir versprechen, dass die Ideen und Projekte, die bei uns entwickelt werden, ihren Weg in die Politik finden.

Ärgern Sie sich nie über Leute, der Ihre Bühne zur Selbstdarstellung nutzen?

Doch. Allerdings gibt es bei unseren Foren keine Grußworte, und niemand muss gewählt werden. Ich gebe aber zu, dass wir mit den lauten Stimmen manchmal ein Problem haben.

Wenn alles so gründlich besprochen wird - dauert die Planung dann Jahre länger?

Nicht unbedingt - denn im positiven Fall wird die Entscheidung von der Mehrheit getragen, und es gibt weder einen Baustopp wie in Stuttgart noch einen Bürgerentscheid.

Was spricht gegen Bürgerentscheide?

Sie sind doch nur der Beweis dafür, dass nicht rechtzeitig miteinander geredet wurde. Bei Bürgerentscheiden gibt es immer Verlierer. Genau das wollen wir vermeiden.

Heute geht es um Bahnhöfe, Radwege, Großbauten. Wo wollen wir in zehn Jahren mitreden?

Es wird viel stärker um das soziale Miteinander gehen: Wie bringen wir Menschen aus verschiedenen Schichten miteinander ins Gespräch? Dafür brauchen wir neue, kreative Formen. Daran arbeiten wir.

Dieser Text erschien im Juli 2013 in chrismon. Mehr Interviews aus der chrismon-Reihe "In zehn Jahren" .

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