Freitag, 19. April 2019

Frauen in Führungspositionen Nicht so kopflos, Herr Thorborg!

Schick, aber kopflos: Ein gewöhnungsbedürftiges Frauenbild
the-female-factor.com
Schick, aber kopflos: Ein gewöhnungsbedürftiges Frauenbild

Mit der Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Aufsichtsräte ab 2016 dreht der Wind auch in Deutschland. Kein Grund meine Herren, nervös zu werden. Es gibt genügend qualifizierte Kandidatinnen.

Die Anforderungen an Führungskräfte börsennotierter Unternehmen haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Die Haftungsrisiken für Aufsichtsräte und Vorstände, aber auch für Geschäftsführer und Beiräte, sind deutlich gestiegen. Spätestens nach der größten Finanz-und Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs war ein Umdenken notwendig und richtig.

Zu diesem Umbruch in der Corporate Governance gehörte auch die Forderung, dass die Kontroll- und Leitungsgremien vielfältiger werden sollen. Mehr Frauen und internationale Erfahrung stehen seither auf der Agenda. Schon seit 2009 empfiehlt dies der Deutsche Corporate Governance Kodex - das zentrale Steuerungselement der Wirtschaft zur Selbstregulierung in Fragen der Unternehmensführung.

Während ein Teil der Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und gezielt weibliche Kompetenz in die Führungsspitze geholt haben, passierte bei der anderen Hälfte wenig bis gar nichts. Die Zahlen des Women-on-Board-Index sprechen eine klare Sprache, die in der Wirtschaft auch verstanden wird.

Die Empörung über die von der Großen Koalition geplante Frauenquote kann die Hilflosigkeit nicht kaschieren: Die Zahlen lassen sich selbst mit viel Bilanzkosmetik nicht schöner rechnen, als sie sind. Nur eine davon: 45 der 160 in Dax Börsen-Chart zeigen , MDax Börsen-Chart zeigen , SDax Börsen-Chart zeigen und TecDax Börsen-Chart zeigen notierten Unternehmen haben keine Frau auf Anteilseignerseite im Aufsichtsrat oder im Vorstand.

Abwegige Thesen der alten Männerriege

Fakt ist aber auch: Weder qualifizierte Frauen noch qualifizierte Männer entsprechen dem Bild, das Heiner Thorborg von The Female Factor in seinem Gastbeitrag für manager magazin online zeichnet.. Dass Seminare zu den Anforderungen an Aufsichtsräte von Frauen und Männern verstärkt nachgefragt werden, ist Ausdruck der oben geschilderten Entwicklung in der Corporate Governance. Dieses Wissen hätte in der Vergangenheit viel Schaden von deutschen Unternehmen abwenden können.

Thorborg unterstellt jedoch denjenigen, die solche zusätzlichen Qualifikationen erwerben, sie könnten kein Unternehmen steuern, denn sie hätten "nie Führungsverantwortung gehabt und nie etwas Größeres gesteuert als das eigene Auto." Immerhin hat er den Frauen schon ein eigenes Auto zugestanden!

Frauen jedenfalls, so muss man den Headhunter verstehen, sollen sich mit dem Lenken von Autos begnügen - auch ein Fortschritt gegenüber dem alten Dreiklang von Kindern, Küche und Kirche - und den Anspruch auf die Lenkung von Unternehmen aufgeben. Bei solch abwegigen Thesen muss die Nervosität der alten Männerriege wirklich groß sein.

Alle Voraussetzungen für die Übernahme eines AR-Mandats

Thorborg hat offenbar die Zeichen der Zeit auch nicht erkannt. Spricht er für die Pensionäre der alten "Deutschland-AG", die fürchten, in Zukunft in angestammten Aufsichtsratsmandaten von (jüngeren) Frauen mit hervorragender Qualifikation und Erfahrung abgelöst zu werden? Warum fällt er den Frauen generell und im Besonderen denen aus dem von ihm gegründeten Netzwerk Generation CEO derart in den Rücken?

Selbstverständlich ist langjährige Führungserfahrung für die Übernahme eines Aufsichtsratsmandats erforderlich. In Deutschland - wie auch in anderen Ländern - ist aber längst eine Generation von Unternehmerinnen und Managerinnen herangewachsen, die alle Voraussetzungen für die Übernahme eines Aufsichtsratsmandats haben.

Unternehmen, die mehr Frauen für Führungspositionen gewinnen wollen, müssen aber ihre Unternehmenskultur und insbesondere die internen Karrierewege radikal auf den Prüfstand stellen. Wer auf dem Weg nach oben so viele qualifizierte Frauen verliert, muss konsequent hinterfragen, wie und wo die gläsernen Decken im eigenen Haus verhindern, dass Frauen in Spitzenpositionen aufsteigen. Er muss sich fragen, warum es nicht gelingt, weibliche Spitzenkräfte für das Unternehmen zu begeistern und zu halten.

Auch gibt es derzeit keinen erkennbaren "run" auf gut dotierte Aufsichtsratspöstchen - wie Thorborg glaubt festzustellen. Eine gestandene Führungskraft geht dort hin, wo sie Karriere machen kann und wo sie ernst genommen wird. Das ist im Übrigen bei Männern nicht anders. Soviel Realismus muss sein dürfen.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung