Philipp Rösler Ein trister Minister

Philipp Rösler war Vizekanzler mit 38 Jahren, nun ist er geschäftsführender Minister auf Abruf. Zum letzten Mal hat der einstige FDP-Jungstar die Herbstprognose der Regierung vorgestellt. Seine eigene Zukunft ist nicht Teil der Prognose - sie kam zu schnell für ihn.
Von Harald Schultz
Philipp Rösler: Steil aufgestiegen - und an die Decke gestoßen

Philipp Rösler: Steil aufgestiegen - und an die Decke gestoßen

Foto: DPA

Es ist fünf vor zwölf, da entsteigt Philipp Rösler vor der Bundespressekonferenz einem schwarzen BMW mit Hannoveraner Kennzeichen, begrüßt einen Journalisten mit Namen, den er seit Monaten nicht gesehen hat. Doch er verschwindet ganz schnell im Gebäude, ohne auf die Frage zu antworten: "Wie geht es Ihnen?"

Wie soll's ihm schon gehen, dumme Frage, schlecht natürlich.

Denn genau gleichzeitig beginnen nicht weit entfernt davon die Koalitionsverhandlungen für die neue Bundesregierung. Aber der Noch-Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland ist nicht dabei. Gestern hat er die Entlassungsurkunde von Bundespräsident Joachim Gauck erhalten, dem Mann, den er mit ins Amt gebracht hat. Nun ist er nur noch geschäftsführend im Amt, bis die anderen sich eben geeinigt haben.

Und wie knapp es war: Nur 0,2 Prozentpünktchen haben an der 5-Prozent-Hürde gefehlt, das waren nicht einmal 100.000 Stimmen im Bund. Sonst wäre die FPD nicht bloß im Bundestag gewesen. Sondern hätte weiterregieren können.

Statt der Koalitionsverhandlungen muss Rösler nun routinemäßig die Herbstprojektion der Bundesregierung vorstellen. Rösler erwartet für 2014 etwas mehr Wachstum, nämlich 1,7 statt 1,6 Prozent. Noch nie waren so viele Menschen in Beschäftigung, 42 Millionen. "Allet schick", würde die Berliner Schnauze sagen, eigentlich ein Anlass für Selbstbeweihräucherung.

Aber Rösler ist heute ein trister Minister.

Immer auf Seiten der Wirtschaftsverbände

Er hat schon abgerüstet. Normalerweise trägt er seine öffentlichen Vorträge frei vor. Hier aber liest er nun seine kurze Stellungnahme vom Blatt, es fehlt das Engagement, die Verve. Dabei kann Rösler Auditorien beeindrucken mit seiner freien Rede. Er stícht mit dieser Gabe hervor im Berliner Betrieb, ganz der Musterschüler.

Aber von eben diesem Image kam er nie ganz weg, auch wenn er inhaltlich fast alles richtig gemacht hat für einen FDP-Wirtschaftsminister. Er hat sich eingearbeitet in unendlich viele Themen, von den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen, über die Energiewende bis hin zu den Panzerexporten an die Saudis. Er hat immer die wirtschaftsliberalen Positionen vertreten, weniger Staat, mehr Markt. Immer auf Seiten der Wirtschaftsverbände.

Auch heute stellt er sich an ihre Seite, teilt ihre Besorgnis vor den Koalitionsverhandlungen, argumentiert gegen den sich abzeichnenden flächendeckenden Mindestlohn, für einen flexiblen Arbeitsmarkt, für eine Stabilisierung der Energiepreise, für einen stabilen Haushalt.

Vizekanzler mit 38 Jahren - doch die Zukunft kam zu schnell für ihn

Aber oft wirkten seine Stellungnahmen eben auch wie auswendig gelernt, besonders die 30-Sekünder fürs Fernsehen. Dazu sein jugendliches Aussehen, die helle Stimme, die Tendenz, sehr schnell zu sprechen und Silben zu verschlucken. Selten war ein Bundespolitiker weiter weg von der gravitätischen Anmutung, die einst Ludwig Erhard ausgestrahlt hat.

Die Sorge, politisch nicht ernst genommen zu werden, hat ihn über die Jahre in Berlin begleitet. Als er Vizekanzler wurde, mit 38, gab es gleich am Anfang herablassende Bemerkungen von Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Menschen, die ihn aus Hannover kannten, wunderten sich. Dort war Rösler sehr beliebt als Landesminister, war fröhlich, musste im Landtag keine Angst haben vor der CDU und seiner eigenen Partei. Auf der Landesebene war alles familiär, er war dicke befreundet mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU, David McAllister. Und sein Mentor Walter Hirche schützte ihn, die historische Figur der FDP in Niedersachsen.

FDP-Chef, Wirtschaftsminister, Vizekanzler

Damals galt Rösler als ein Mann der Zukunft in der FDP. Aber die Zukunft kam zu schnell für ihn.

Nach nur wenigen Monaten als Landesminister für Wirtschaft wurde er schon Bundesgesundheitsminister, nach nicht einmal zwei Jahren dann FDP-Bundeschef, Wirtschaftsminister und Vizekanzler. Eigentlich eine Dreifach-Belastung. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn man ihm Zeit gelassen hätte, im Lande zu reifen, bevor er im Bund aufstieg.

Jetzt ist er erst 40, aber bald schon gewesener Vizekanzler. Vom Sozialprestige her fällt einem nichts mehr dazu ein, was noch kommen könnte, nur ein ironischer Liedtitel von Hildegard Knef: "Von nun an ging's bergab."

Worin besteht also seine "Anschlussverwendung", um das Wort aufzugreifen, nach dem er auch am Mittwoch gefragt wird: Ob es ihm nicht Leid tue, dieses Wort benutzt zu haben, als die Schlecker-Frauen bei der Pleite der Firma arbeitslos wurden?

Röslers Zukunft ist nicht Bestandteil der Herbstprojektion

Doch Rösler nutzt die Chance nicht, den politischen Fehler zu korrigieren, der so gar nicht passt zum mitfühlenden Liberalismus, für den er einmal stand. "Anschlussverwendung" ist ein Wort aus dem Jargon der Bundeswehr, in deren Milieu er aufgewachsen ist. Es ist ein Planerwort, mit dem die Soldaten und Offiziere auf dem Schachbrett hin und hergeschoben werden, von einem Standort zum anderen. Aber das A-Wort zeigt eben keine Empathie für die völlig schuldlos rausgeflogenen Pleite-Opfer.

Rösler geht jedoch darauf nicht ein, er verweist nur auf die positiven Arbeitsmarkt-Daten und dass die Rekordzahlen zeigten, dass es gute Aussichten für alle Beschäftigten gebe.

Auch auf die nochmalige Frage nach dem, was er jetzt vorhabe, antwortet er nicht. Ernst sagt er nur: "Diese Frage ist nicht Bestandteil der Herbstprojektion der Bundesregierung." Schon klar.

Der geschäftsführende Minister hat noch ein paar Termine

Man werde ihn aber noch ein paar Mal repräsentieren sehen, so beim Lateinamerika-Tag. Politische Entscheidungen werde er als geschäftsführender Minister aber nicht mehr treffen.

Nach einer guten halben Stunde ist sie vorbei, die letzte Herbstprojektion des Wirtschaftsministers Rösler. Um 12:30 Uhr beginnt die Danksagung der Journalisten, dass er so oft zur Bundespressekonferenz gekommen ist. Zwei, drei klopfen ganz zaghaft auf die Tische.

Ohne noch einmal an einer der vielen Kameras stehen zu bleiben, geht Rösler über die breite Treppe aus dem Saal ab. Und steigt wieder in einen schwarzen BMW mit dem heimischen Hannoveraner Kennzeichen.

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