Donnerstag, 14. November 2019

Mittelstand "Die Euro-Krise schlägt stärker durch"

Deutsche Industrie: Jedes zweite Unternehmen rechnet mit Staatspleiten, jedes fünfte mit einem Zerfall der Euro-Zone. Firmen stellen Expansionspläne zurück

Die Unsicherheit ist zurück: Jedes zweite mittelständische Unternehmen rechnet mit Staatspleiten im Euro-Raum. Die Euro-Krise schlage jetzt noch stärker auf Unternehmen durch, warnt Commerzbank-Vorstand Markus Beumer. Skepsis und mangelnder Mut zur Expansion drohen das Wachstum in Deutschland zu gefährden.

mm: Herr Beumer, die Commerzbank hat 4000 mittelständische Unternehmen befragt, wie sie ihre Chancen im Ausland sehen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Mehrheit rechnet mit einer schwachen Konjunktur im Euro-Raum für die nächsten 3 bis 5 Jahre. Jedes zweite Unternehmen rechnet mit Staatspleiten und jedes fünfte gar mit einem Zerbrechen des Euro-Raums. Traut sich angesichts einer solchen Skepsis überhaupt noch jemand eine Expansion in neuen Märkten zu?

Beumer: Die Neigung von Unternehmen, sich vom heimischen Markt erstmals ins Ausland vorzuwagen, ist in der Tat zurückgegangen. 2007 planten das 23 Prozent, jetzt sind es nur noch 9 Prozent, während der Anteil der international aktiven Unternehmen gleich geblieben ist. Wir sehen eine Zweiklassengesellschaft: Während einige Unternehmen, die bislang auf Deutschland fokussiert sind, ihre Expansionspläne zurückstellen, treiben andere Mittelständler, die bereits erfolgreich ins Ausland expandiert sind, ihre Expansion auf den Wachstumsmärkten weiter voran - und verschaffen sich einen klaren Vorsprung. Jene Unternehmen, die noch nicht den ersten Schritt gemacht haben, drohen abgehängt zu werden.

mm: Woran liegt diese Zurückhaltung bei der Expansion? Die Wachstumsaussichten im Heimatmarkt sind nicht berauschend, und die Konkurrenz nimmt zu…

Beumer: …und auch die Unternehmen sehen den steigenden Internationalisierungsdruck. Das Problem ist aber: In vielen europäischen Nachbarländern, die sich für den ersten Schritt eignen, sind Konjunktur und Nachfrage schwach. Es liegt für Unternehmen nahe, bei der Expansion zunächst vor der eigenen Haustür, sprich den europäischen Nachbarländern, anzufangen. Nur wenige trauen sich den direkten Sprung zum Beispiel nach Asien zu, wo Unternehmen einen anderen Kultur- und Rechtsrahmen vorfinden. Die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden - und mittelständische Unternehmer mögen keine unsicheren Verhältnisse, da ihr Einsatz größer ist als bei einem Konzern.

mm: Das bedeutet, die Euro-Krise hat die Unternehmen wieder voll im Griff und hält sie von Investitionen ab?

Beumer: Die Zusagen von EZB-Chef Mario Draghi, die Gemeinschaftswährung zu verteidigen, haben vor allem die Finanzmärkte beruhigt. Unternehmen jedoch brauchen Planungssicherheit, und die gibt es immer noch nicht. Als politische Vertrauenskrise schlägt die Euro-Krise daher jetzt noch stärker auf die Unternehmen durch als vorher.

mm: Welche Risiken sind hinzugekommen?

Beumer: Unternehmer sorgen sich nicht nur um die Zukunft der Euro-Zone, sondern nehmen auch Währungsrisiken wieder stärker in den Blick. Laut unserer Studie fürchtet inzwischen jedes zweite befragte Unternehmen Währungsrisiken - das ist eine deutliche Steigerung gegenüber 2007. Viele deutsche Industrieunternehmen sind inzwischen aus dem Euro-Raum herausgewachsen und rechnen auch in Fremdwährungen ab. Außerdem kauft inzwischen jedes dritte Unternehmen überall auf der Welt ein, also auch außerhalb der etablierten Volkswirtschaften, und verfolgt den Ansatz des 'Global Sourcing'. Die Lieferketten sind dadurch sehr komplex geworden, auch und vor allem im Mittelstand.

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