Energiewende Anteil von Ökostrom klettert auf 23 Prozent

Der Anteil von Ökostrom klettert im laufenden Jahr auf den Rekordwert von rund 23 Prozent - und dürfte damit vor der Kernkraft liegen. Eine Experten-Kommission hat der Regierung dennoch mangelnden Ehrgeiz bei der Energiewende vorgeworfen. Die Strompreise dürften 2013 weiter steigen.
Deutscher Strommarkt: Der Anteil von Ökostrom im deutschen Strommix liegt knapp hinter Strom aus Braunkohle - und vor der Kernkraft

Deutscher Strommarkt: Der Anteil von Ökostrom im deutschen Strommix liegt knapp hinter Strom aus Braunkohle - und vor der Kernkraft

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Berlin - Der Ökostromanteil klettert im laufenden Jahr auf den Rekordwert von rund 23 Prozent. Das teilte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am Dienstag in Berlin mit. 2011 betrug der Anteil von Strom aus Solaranlagen, Windparks, Biogasanlagen und Wasserkraftwerken an der Gesamtenergieproduktion rund 20 Prozent.

Damit dürfte Ökostrom auch in diesem Jahr wieder vor der Kernenergie liegen - endgültige Zahlen zum Strommix 2012 liegen erst im Januar vor. Wichtigster Energieträger war zuletzt mit einem Anteil von 24 Prozent die Braunkohle.

Zugleich steigt 2012 laut BDEW der Stromexport in das europäische Ausland trotz der acht stillgelegten deutschen Atomkraftwerke stark von 6,3 Milliarden (2011) auf etwa 23 Milliarden Kilowattstunden an.

Führende Ökoenergie-Quelle bleibt laut BDEW Wind mit 45 Milliarden Kilowattstunden Jahresproduktion (2011: 48,9). Die Photovoltaik wird ihren Anteil an der Stromerzeugung auf voraussichtlich rund 28,5 Milliarden Kilowattstunden (2011: 19,3) steigern - trotz Förderkürzungen bei der Solarenergie rechnen Fachleute mit einem Zubau, der sich fast in der Größenordnung des Rekordjahres 2011 (7500 Megawatt) bewegen könnte.

Abschaltverbot für Gaskraftwerke diskutiert

Sorge bereite aber das immer schwieriger werdende Geschäft mit Gaskraftwerken, die wegen des steigenden Ökostromanteils mangels Betriebsstunden immer unrentabler werden. Deshalb wird 2013 sogar eine Art gesetzliches Abschaltverbot in Kraft gesetzt. Wenn die Netzbetreiber und die Bundesnetzagentur Gaskraftwerke, die sich nicht mehr rentieren, zur Sicherstellung der Versorgung im Winter als systemrelevant einstufen, soll gegen eine Entschädigung eine Stilllegung untersagt werden.

In den ersten neun Monaten 2012 sei der Einsatz von Gas in Kraftwerken um 14 Prozent zurückgegangen,, so der BDEW. Der Stromfluss in das Ausland führe dazu, dass auch Gaskraftwerke in den Niederlanden verstärkt aus dem Markt gedrängt würden, etwa durch in das Ausland fließenden deutschen Kohlestrom.

Experten-Kommission: Regierung fehlt Ehrgeiz bei der Energiewende

Eine Experten-Kommission hat die Regierung in der Energiewende zum Nachsteuern gedrängt und ihr zu geringen Ehrgeiz beim Strom- und Gas-Sparen vorgeworfen. Vor allem in Verkehr und Wohnungsbau hinke das Kabinett den selbst gesteckten Effizienz-Zielen hinterher, schreiben die vier von der Regierung selbst beauftragten Wissenschaftler in ihrem Bericht, der Reuters am Dienstag vorlag.

Aber auch der angepeilte Ausbau des Ökostroms bis 2020 sei kein Selbstläufer, betonten sie. Die Opposition machte vor allem Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) für die Defizite verantwortlich.

Die Energie-Effizienz habe sich zwar in den vergangenen Jahren in Deutschland spürbar verbessert, attestierten die Experten dem Bund. "Gleichwohl müssen Tempo und Intensität in Zukunft noch erheblich gesteigert werden, um die angestrebten Verbesserungen bei der Energieeffizienz zu erreichen", heißt es.

Im Verkehrsbereich solle sich die Regierung zudem nicht zu sehr auf Elektro-Autos konzentrieren, sondern umfassendere Mobilitätskonzepte umsetzen. Der Anteil von zehn Prozent Kraftstoff aus Pflanzen sei zwar bis 2020 erreichbar, angesichts der Debatte um die Konkurrenz von Energiepflanzen zur Nahrungsmittelproduktion sollten aber zusätzliche, klimaschonende Alternativen geprüft werden.

Kommission: Strompreise dürften 2013 weiter steigen

Die Opposition machte vor allem Wirtschaftsminister Rösler für die Defizite verantwortlich: SPD-Vize-Fraktionschef Ulrich Kelber sprach von einer schallenden Ohrfeige für die Regierung. "Keine Koordination, keine Fortschritte beim Netzausbau, völliges Versagen bei der Energieeffizienz: Rösler kann es einfach nicht." Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn warf dem FDP-Vorsitzenden vor, selbst vorhandene Haushaltsmittel für Energie-Effizienz-Programme nicht auszuschöpfen. "Das Problem ist, dass das Wirtschaftsministerium von Herrn Rösler eine Allergie gegen das Energiesparen hat."

Im Bundeswirtschaftsministerium wurde das zurückgewiesen. Für Defizite im Verkehrs- und Gebäudebereich sei nicht der Wirtschaftsminister verantwortlich, sagte ein Ministeriumsvertreter. Zudem habe die Regierung eine neues Förderprogramm zur energetischen Sanierung auf den Weg gebracht. In Deutschland werde inzwischen aber rund sechs Prozent weniger Energie verbraucht als noch 2008.

"Emissionshandel muss reformiert werden"

Kritik übt die Kommission aber auch am europäischen Handel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten. Der Preisverfall der Rechte setze kaum noch Anreize zum Energiesparen. Die Regierung müsse daher das Augenmerk auf die Wiederherstellung der Funktionstüchtigkeit des Handels legen. Die EU-Kommission hat dazu bereits Vorschläge vorgelegt, die auch von Umweltminister Peter Altmaier gestützt werden.

Rösler lehnt eine Reform jedoch strikt ab, so dass Deutschland in Brüssel keine Position beziehen kann. Kritisch wird von den Experten auch der Netzausbau und die Versorgungssicherheit gesehen: Dies gelte besonders für Süddeutschland, wo die Blackout-Gefahr von der Regierung durch die Reaktivierung von Reservekraftwerken gebannt werden soll. Beim Bau der Stromtrassen in den Süden sei derzeit nicht erkennbar, ob das Vorhaben ausreichend beschleunigt werden könne.

Strompreise werden weiter steigen

Die Entwicklung der erneuerbaren Energien verlaufe dagegen "bislang in allen Sparten erfolgreich." Beim Strom allein liege man bisher über den erforderlichen Werten. "Dennoch wird das Erreichen des Mindestanteils von 35 Prozent am Bruttostromverbrauch bis 2020 kein Selbstläufer", warnen die Experten. Besonders die Windenergie auf hoher See, die den Großteil des Zubaus in den nächsten Jahren leisten soll, komme nur schleppend voran.

Die Strompreise werden nach Einschätzung der Kommission wegen des Ausbau des Ökostroms weiter steigen. Bis 2011 hätten die Ausgaben allerdings mit 2,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt auf dem Niveau von 1991 gelegen. In den vergangenen Jahren sei der Strompreis daher bis 2011 "nicht so dramatisch wie in der Öffentlichkeit oft dargestellt" verlaufen.

Das Bundeskabinett berät am Mittwoch einen Monitoringbericht zum Verlauf der Energiewende. Die vier Experten unter dem Vorsitz von Andreas Löschel vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) waren beauftragt worden, diesen Bericht wiederum zu analysieren.

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