Roland Berger zur Euro-Krise "Wir waren schon mal beliebter"

Roland Berger kritisiert den deutschen Euro-Rettungskurs: Die Bundesrepublik gäbe nach außen "ein verstörendes Gesamtbild" ab, sagt der Gründer der gleichnamigen Unternehmensberatung. Und er warnt vor den politischen und wirtschaftlichen Folgen.
"Verstörendes Gesamtbild": Nicht nur in Spanien (im Bild: Merkel mit Spaniens Premier Rajoy als Marionette) wird Deutschlands Kurs derzeit kritisch gesehen

"Verstörendes Gesamtbild": Nicht nur in Spanien (im Bild: Merkel mit Spaniens Premier Rajoy als Marionette) wird Deutschlands Kurs derzeit kritisch gesehen

Foto: AFP

mm: Herr Berger, im aktuellen Heft befassen wir uns in einem Report mit der schwierigen deutschen Rolle in Europa-Politik. Sie kommen viel herum in der Welt, treffen viele Entscheider in Wirtschaft und Politik. Wie wirkt sich die fortdauernde Euro-Krise auf das Ansehen der Deutschen aus?

Berger: Sagen wir so: Wir waren schon mal beliebter. Egal, wohin ich komme, überall geht es zunächst um Deutschlands Haltung zu Europa und zum Euro. Ob in China, Japan, den USA, vor allem aber in europäischen Ländern wie Frankreich und Italien fragt man mich, warum sich Deutschland nicht entschlossener und mit einem klaren solidarischen Commitment gegen die Euro-Krise stemmt.

mm: Schon erstaunlich. Immerhin addieren sich die finanziellen Risiken aus den Rettungsschirmen und den Target-2-Forderungen der Bundesbank inzwischen auf rund eine Billion Euro.

Berger: Natürlich. Wir tun eine Menge. Das erkläre ich auch meinen Gesprächspartnern in anderen Ländern. Diese Anpassung ist ein längerfristiger Prozess: Über Jahre sind die Volkswirtschaften der Euro-Zone vor allem in Punkto Wettbewerbsfähigkeit auseinander gedriftet, das lässt sich jetzt nicht im Handumdrehen ungeschehen machen. Und natürlich war und ist Deutschland bereit, strukturelle Reformen mit einer Brückenfinanzierung zum Beispiel via ESM, aber auch EZB, zu unterstützen.

mm: Aber die Botschaft kommt nicht an?

Berger: Jedenfalls nicht überall. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Deutschland sich zu Beginn der Krise so zögerlich verhalten hat. Eine kohärente deutsche Strategie zur Euro-Rettung ist für unsere Partner bis dato schwer erkennbar. Deshalb können wir unsere finanziellen Hilfs- und Garantieleistungen nicht in politisches Kapital ummünzen.

mm: Wenn Sie "Deutschland" sagen, meinen Sie die Bundesregierung?

Berger: Teils die. Aber auch manche Abgeordnete in den Regierungsfraktionen, undisziplinierte Parteisekretäre und Länderregierungen und deren Minister. Medien, die die dummen Klischees von den angeblich lahmen Griechen, von faulen Spaniern und Italienern hinausposaunt haben. Auch die Bundesbank mit ihrer öffentlichen Opposition zum mittlerweile vertretbaren Kurs der EZB - das ergibt für viele unserer Partner in Europa ein verstörendes Gesamtbild. Dass in Deutschland die alten Vorurteile gegenüber den Südeuropäern wieder salonfähig sind, bekommen wir jetzt in Form von Standardressentiments über das angebliche Vormachtstreben der Deutschen zurück.

mm: Deutschland, so scheint es, ist auf die neue Führungsrolle nicht vorbereitet.

Berger: Der Fairness halber muss man feststellen, dass anfangs niemand das Ausmaß der Probleme und die drohende Dynamik wirklich verstanden hat, als Griechenland im Frühjahr 2010 immer tiefer im Schuldenstrudel versank. Hätten wir damals unverzüglich und entschiedener reagiert, wäre die Krise vielleicht nie soweit eskaliert. Das ist alles verständlich und menschlich. Aber wissen Sie, ich halte es mit einem alten Sprichwort: Wer schnell gibt, gibt doppelt. Rasch entschlossene Hilfen - auch gegen Bedingungen - haben einen starken und positiven psychologischen Effekt. Im Gegensatz zum zögerlichen und widersprüchlichen Bild, das Deutschland in der Euro-Krise so häufig abgegeben hat. Das deutsche Verhalten wird daher sehr oft als unsolidarisch gegenüber unseren europäischen Partnern empfunden.

Ihr spart uns kaputt!

mm: Zu Recht?

Berger: Zunächst: Hierzulande wird das Zerrbild gepflegt, dass wir die Hauptlast der Risiken tragen; dabei tragen alle anderen Mitgliedsländer der Euro-Zone relativ zu ihrer Wirtschaftsleistung genau so viel. Und wenn man sich in unsere europäischen Partner hineinversetzt, kann man deren Kritik schon nachvollziehen.

mm: Inwiefern?

Berger: Ihr spart uns kaputt! Rezession, Arbeitslosigkeit und Armut drohen. Seht ihr nicht, was ihr uns antut! Versteht ihr nicht, dass dieser Weg nirgends hinführt! Das höre ich ständig. Und ich kann das nachfühlen: Die soziale Lage in vielen Ländern verschlechtert sich dramatisch. Kürzlich war ich in Madrid, da ist die steigende Arbeits- und Obdachlosigkeit für jeden sichtbar. Wenn die Hälfte der jungen Leute keine Arbeit findet und die Wirtschaft immer weiter schrumpft, dann erinnert das schon an die Brüningsche Austeritätspolitik am Ende der Weimarer Republik - und ihre wirtschaftlichen, sozialen und politischen Folgen.

mm: Wie sollte Deutschland jetzt Ihrer Meinung nach agieren?

Berger: Als Industrienation, die zu einem Fünftel vom Export in unsere Euro-Nachbarländer lebt, müssen wir mehr leisten, auch finanziell. Die Bankenkrise in Europa muss gelöst werden, auch mit finanziellem Einsatz des ESM. Die EZB muss bedrängten Ländern mit an Reformauflagen gebundenen Anleihekäufen aus der Hochzinsfalle helfen. So machen es doch andere Exportnationen auch: Die Japaner haben viele Jahre lang US-Treasuries gekauft, um ihren wichtigsten Exportmarkt, die USA, zu sichern. Die Chinesen handeln heute genauso. Wir haben ein massives Eigeninteresse an der Stabilität der Euro-Zone: Rund 10 Prozent der deutschen Arbeitsplätze hängen am Export in den Euroraum.

mm: Wir sollen helfen, ungeachtet aller finanziellen Risiken?

Berger: Es ist ja richtig, Hilfen an Restrukturierungs-Bedingungen zu knüpfen. Aber klar ist doch auch, dass es für Deutschland keinen Plan B gibt. Deutschland ohne die Euro-Zone und die EU, Europa ohne den Euro - das mag man sich kaum vorstellen. Zu unserer Solidarität gibt es bei Licht betrachtet keine Alternative, mindestens ebenso wenig wie zu "austerity" bei unseren Euro-Partnern.

mm: Stört das verschlechterte deutsche Image schon jetzt das deutsche Auslandsgeschäft?

Berger: Beim Absatz hochwertiger deutscher Produkte macht sich das sicher nicht bemerkbar. Aber wann immer ein Unternehmen politischen Goodwill braucht, etwa bei der Schließung eines ausländischen Standorts oder bei Neuinvestitionen, könnte es künftig größere Widerstände geben.

Die Wirtschaft soll richten, was der Staat nicht mehr leisten kann

mm: Die Unternehmen werden in Mithaftung genommen für den deutschen Euro-Kurs?

Berger: Es ist doch völlig klar, dass ein Land, das politisch an Vertrauen verliert, international anders behandelt wird. Und dass diese Einschätzung sich auch auf Unternehmen aus diesem Land auswirkt. Firmen können nicht ohne grundlegende lokale gesellschaftliche Akzeptanz international arbeiten; die Angelsachsen nennen das eine "license to operate".

mm: Und was können deutsche Unternehmen tun? Eine Charmeoffensive starten?

Berger: Jedenfalls eine Erklärungsoffensive zur deutschen Europapolitik. Vor allem aber heißt es: investieren. Um Wachstumsimpulse gegen die sich ausbreitende Depression zu setzen, plädiere ich für ein politisch begleitetes, aber privat finanziertes und marktwirtschaftlich funktionierendes Wachstumsprogramm zum Ausbau und zur Modernisierung der europäischen Infrastruktur.

mm: Die Wirtschaft soll richten, was der Staat nicht mehr leisten kann?

Berger: Ja, aber der Staat muss die nötigen Freiräume schaffen, Märkte öffnen und wettbewerbs- wie investorenfreundlich regulieren. Ganz oben auf der Liste möglicher Projekte wartet die Telekommunikationsinfrastruktur auf technologische Erneuerung durch breitbandige Datenautobahnen. Eine innovative marktgerechte Neuregulierung könnte erhebliches Wachstum auslösen: Investitionen von 270 Milliarden Euro in die Kommunikationsinfrastruktur würden mehrere hunderttausend Arbeitsplätze in Europa bringen. Die Produktivität der Nutzer in Privatwirtschaft und öffentlicher Verwaltung stiege. Es könnte sich eine europäische Informatik- und Internetindustrie entwickeln. Auch der Aufbau der europäischen Energienetze und -speicherung hat Priorität. Der Gesamtbedarf für Infrastrukturprojekte allein in der EU wird auf mindestens eine Billion Euro geschätzt.

mm: Und Sie glauben, diese große Summe ließe sich mit privatem Geld finanzieren?

Berger: Es gibt doch weltweit sehr viel privates Vermögen, geschätzte 170 Billionen Euro, das wegen der niedrigen Zinsen und gestiegenem Anteil bei Staatsanleihen Anlagemöglichkeiten sucht. Das bestätigt jeder Versicherungsvorstand! Darin steckt eine riesige Chance: Die Aufgabe der Politik besteht lediglich darin, den Bedarf an Infrastruktur mit den Anlagebedürfnissen des privaten Kapitals zusammenzuführen.