Mittwoch, 22. Mai 2019

Weniger Arbeitslose Deutschland wird zur Arbeitsinsel

Arbeitsagentur in Freiburg: Sinkende Arbeitslosenquoten in Deutschland im September

Steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich. In Südeuropa ist die Joblage längst desolat. Einzig in Deutschland wird es nochmals besser: Die Arbeitslosenquote sinkt, die Bundesrepublik wird zur Insel in Europas Abwärtssog. Doch die Perspektiven zeigen abwärts - auch hierzulande.

Hamburg - Noch einmal hat Deutschland der Welt bewiesen, dass es über eine vergleichsweise robuste Wirtschaft verfügt. Während ringsherum um Deutschland immer weniger Menschen gute Chancen auf einen Job haben, sinkt die Zahl der Jobsucher hierzulande noch einmal: Im September ist die Arbeitslosenquote von zuvor 6,8 Prozent auf nunmehr 6,5 Prozent gesunken, die Zahl der Arbeitslosen sank also um 117.000 auf 2,788 Millionen. Das hat am Vormittag die Bundesagentur für Arbeit berichtet.

Was für ein Unterschied etwa zu der Entwicklung in Deutschlands wichtigstem Nachbarland Frankreich. Während hierzulande die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten kontinuierlich gesunken ist, steigt sie in Frankreich seit 16 Monaten in Folge. "Welche Gesellschaft bereiten wir für unsere Kinder vor?", fragt die Zeitung "Midi Libre" aus dem südfranzösischen Montpellier deshalb heute ihre Leser. Mehr als 18 Millionen Menschen sind mittlerweile europaweit ohne Job.

Mehr noch, in Deutschland dagegen bewegt sich auch die Zahl der Erwerbstätigen weiterhin in die andere Richtung, weiter Richtung Rekord. Längst ist absehbar, dass schon im kommenden Monat der Vorjahresspitzenwert von 41,6 Millionen Beschäftigten in Deutschland egalisiert wird; aktuell ist die Beschäftigtenzahl in Deutschland schließlich bereits auf 41,595 Millionen gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt heute mit; das entspricht einem weiteren leichten Plus um 38.000 Frauen und Männer. Im November dürfte der neue deutsche Nachkriegsrekordwert von etwa 42 Millionen Beschäftigten hierzulande erreicht sein. Dann wird eine vor Jahren nicht für möglich gehaltene Schallmauer durchbrochen. Kein Wunder, dass in Deutschland derzeit Headhunter Hochkonjunktur haben und zeitgleich so viele Jobsucher etwa aus Spanien nach Deutschland drängen, wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Soweit die guten Nachrichten. Denn dass es danach so weitergeht, ist mittlerweile mehr als unwahrscheinlich geworden. Auch Deutschland muss sich in den kommenden Monaten zumindest auf eine Stagnation auf dem Arbeitsmarkt einstellen - wenn nicht auf wieder steigende Arbeitslosenzahlen. Das hat seine Gründe.

Kippschwelle in Deutschland erreicht

Bereits in den aktuellen Zahlen lässt sich mehr als nur eine Verlangsamung des Besserungstrends ablesen. Saisonbereinigt ist die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Monat bereits minimal gestiegen, und das nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten.

Die heute ausgewiesene Verbesserung der Arbeitsmarktlage spiegelt deshalb nur noch den Ausgleich dessen wider, was in den vergangenen Wochen die deutschen Arbeitsmarktzahlen verzerrt hatte: Die Zahl jener jungen Frauen und Männer, die sich in der Sommer-Zwischenzeit von Schule und Ausbildung für ein paar Wochen arbeitslos melden. Sie haben jetzt ihren Beruf ergriffen, sind nicht mehr arbeitslos und omit nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik enthalten. Entsprechend ist die gemessene deutsche Arbeitslosenzahl im September gesunken, wie es auch heute die Bundesagentur für Arbeit berichtet hat. Die Wirtschaft aber schafft es aktuell nicht mehr abseits solcher jahreszeitlich typischer Zyklen unter dem Strich zusätzliche Stellen anzubieten.

Zudem bessert sich die Lage für Jobsucher auch nicht mehr tendenziell in allen Gegenden Deutschlands. Die um jahreszeitliche Einflüsse bereinigte Erwerbslosenzahl legte im vergangenen Monaten ausschließlich im Westen zu, im Osten blieb sie nur konstant. Auch das ist ein Ergebnis, das sich aus der Datensammlung der Arbeitsmarktstatistiker heute herauslesen lässt. Kurzum: Das Abflauen des bisher so nachhaltigen deutschen Jobaufschwungs ist somit schon in den heutigen, nochmals verbesserten Arbeitslosendaten enthalten. Und ein Blick auf die Konjunktur lässt für die kommenden Monate keine Wiederbelebung des bisherigen Jobaufschwungs erwarten. Im Gegenteil.

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