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Wo die Rotoren drehen: Welche Bundesländer auf Windkraft setzen

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Windstromoffensive Norddeutschland will die neue Energiemacht werden

Schleswig-Holstein will den Rest der Republik mit Windstrom versorgen und baut seine Produktion massiv aus. Die Euphorie im Norden kennt kaum Grenzen, dabei ist der Erfolg des Vorhabens keineswegs sicher.

So richtig glücklich sieht Hermann Albers inmitten seiner vier neuen Windräder nicht aus. Langsam drehen sich die Flügel vor tiefgrauem Himmel, das stete Surren zeugt davon, dass der Strom fließt. Albers' Hof sieht gegen die Rotoren ziemlich klein aus.

"Eigentlich ist das Verschwendung", sagt Albers dennoch etwas unzufrieden. Im schwarz glänzenden Anzug steht er da, ein lila Einstecktuch in der Tasche, die grauen Haare nach hinten gekämmt. Albers ist Landwirt und Präsident des Bundesverbandes Windenergie, und am liebsten hätte er gleich viel höher gebaut. "Mit 150-Meter-Türmen wäre der Ertrag um 55 Prozent größer." Doch das Gesetz in Schleswig-Holstein sehe eben niedrige Anlagen vor. Albers musste sich mit dem kleinsten Turm des Herstellers Vestas  mit weniger als 100 Metern begnügen.

Es ist eine Klage auf recht hohem Niveau. Schleswig-Holstein ist mit so viel Wind gesegnet, dass das Land seine Rolle als Energieexporteur auch mit etwas niedrigeren Türmen drastisch ausbauen kann. "Diese Stärken gilt es zum Wohle des Landes und seiner Menschen zu nutzen", heißt es bei der Landesregierung.

Drastischer Ausbau der Leistung

In den kommenden fünf Jahren soll die installierte Windkraftleistung an Land nach dem Willen der Kieler Regierung von momentan 3000 auf 9000 Megawatt steigen - das entspricht der Leistung von sechs modernen Atomkraftwerken und soll zudem nur eine Etappe sein. Bis zum Ende des Jahrzehnts will Schleswig-Holstein 300 Prozent seines eigenen Strombedarfs herstellen - obwohl in neun Jahren das letzte Atomkraftwerk (Brokdorf) vom Netz soll und sämtliche Projekte für neue Kohlekraftwerke gekippt sind.

Zusammen mit Niedersachsen, das ähnliche Pläne für die Windenergie verfolgt, ballt sich künftig ein Großteil der Energieerzeugung im Norden. Getrieben werden die Zubaupläne vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es garantiert den Anlagenbetreibern feste Vergütungssätze über 20 Jahre.

Der massive Vorstoß stößt längst nicht überall in der Republik auf Wohlwollen. Bayern fühlt sich schon aus seinem Selbstverständnis als Freistaat heraus unwohl beim Gedanken an Importe aus dem Norden. Energiefachleute mahnen einen zügigen Netzausbau an, damit der Strom überhaupt zu den Fabriken und Städten im Süden transportiert werden kann, die Industrie warnt vor hohen Kosten. Auch Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) versucht den Norden etwas zu bremsen.

"Schleswig-Holstein ist schon lange Stromexportland", hält Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) dagegen. "Unser Windstrom soll in den Süden - etwa zu den großen Verbrauchszentren in Baden-Württemberg", sagt er gegenüber manager magazin online. "Und entgegen allen Unkenrufen von Altmaier: Baden-Württemberg will den Strom erklärtermaßen auch."

Niemand soll die Nordlichter stoppen

Keiner soll die Nordlichter auf dem Weg zum Energieprimus stoppen, da ist sich die Regierung mit der Opposition im Kieler Parlament einig. Vor der jüngsten Landtagswahl haben sich alle Parteien in ihrer Euphorie für die Windkraft überschlagen. Kein Wunder - verdient doch heute schon ein Großteil vor allem der ländlichen Bevölkerung kräftig an ihr.

Wie weit Schleswig-Holstein bereits gekommen ist, zeigt sich aus der Vogelperspektive. Auf beinahe jedem Gehöft sind große Solaranlagen installiert, viele Landwirte haben Biogasanlagen gebaut und die Energiepflanze Mais angepflanzt. Die Windparks verteilen sich recht unregelmäßig übers Land und ballen sich an der Westküste - nicht überall wollen Bürger die Rotoren, nicht überall dürfen sie errichtet werden. Doch das Land weist jetzt mehr geeignete Flächen aus.

Es zeichnet sich nun der typische Wettlauf ab, der dem EEG zu eigen ist: Investoren bauen munter ihre Anlagen, die Netzbetreiber versuchen mit ihren Leitungen Schritt zu halten. Ob sie im Fall Schleswig-Holstein überhaupt hinterher kommen, ist noch nicht klar.

"Fakt ist, dass das Netz diesem Windausbau nicht gewachsen ist", sagt der Leiter des Instituts für Hochspannungstechnik an der RWTH Aachen, Armin Schnettler. "Die Folge werden massive Eingriffe in die Stromproduktion aus Windenergieanlagen sein."

Fluch und Segen des EEG

Am Beispiel Schleswig-Holstein zeigen sich erneut die wesentlichen Vor- und Nachteile des EEG. Einerseits ist das Gesetz in der Lage, massive Investitionen in erneuerbare Energien auszulösen und die Technologie voranzubringen - wovon die sauberen Energien weltweit profitieren.

Andererseits entsteht dabei mitunter eine derartige Dynamik, die recht hohe Kosten verursachen kann. Zudem werden Investitionen in Netze erforderlich, die bei einer sorgfältigeren Planung vielleicht gar nicht nötig wären. So war und ist es bei der Fotovoltaik, und so ist es offenbar zunehmend auch bei der Windenergie der Fall.

Kommt Schleswig-Holstein mit seiner Strom-Offensive also durch? Immerhin legen sich die Netzbetreiber Tennet und Eon  ins Zeug, die benötigten Leitungen zu bauen. Die Windenergieszene bastelt zudem an einem Modell, bei dem sich Bürger an Leitungen beteiligen können. An West- und Ostküste soll jeweils eine leistungsfähige Trasse entstehen, die bestehende in der Mitte ausgebaut werden. Nördlich von Hamburg treffen sie zusammen. Von dort soll der Strom über eine HGÜ-Stromautobahn direkt in den Süden fließen.

Windrad direkt am Haus? Kein Problem!

An der Westküste werben die Netzbetreiber auf Bürgerforen zurzeit für eine Doppelleitung, die den Strom von etwa 4400 Megawatt Windkraftleistung aus den Landkreisen Nordfriesland und Dithmarschen abtransportieren soll. Für viele Menschen im Norden sind die Windräder Fluch und Segen zugleich. Einerseits verdienen sie prächtig mit ihnen, andererseits sind sie nicht zuletzt wegen der Netze um das Landschaftsbild besorgt.

"Das müsste zu schaffen sein", sagt dennoch Stromnetzexperte Klaus-Dieter Dettmann von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität zu den mittelfristigen Netz-Ausbauplänen. Für den Fall, dass es nicht rechtzeitig klappt, könnten alte Leitungen als Zwischenlösung ertüchtigt werden.

Trotzdem werden die Netzbetreiber wohl auch immer wieder Windräder drosseln müssen oder Strom produzieren, den so recht keiner braucht. "Wir werden künftig zwar zu bestimmten Tageszeiten ein Leistungsüberangebot haben, aber von einem generellen Überangebot aus erneuerbaren Energien in Deutschland und auf dem EU-Energiebinnenmarkt sind wir sehr weit entfernt", sagt Minister Habeck.

Kaum wirtschaftlich ist es, die Netze so auszulegen, dass auch noch die letzte Kilowattstunde Windstrom bei Starkwind fließen kann. "Man muss sich fragen, ob das Netz wirklich für die wenigen Dutzend Stunden im Jahr ausgebaut werden soll", sagt Schnettler.

Speicher dringend gesucht

Auch deshalb will Schleswig-Holstein so viel Strom wie möglich selbst verbrauchen oder speichern. Vattenfall  will einen Heißwasserspeicher an einem neuen Gaskraftwerk bei Hamburg bauen und bringt das Pumpspeicherwerk Geesthacht in Schuss. Der Zementkonzern Holcim  prüft zudem den Neubau einer solchen Anlage in zwei Kreidegruben.

Eine weitere Hoffnung ist die Umwandlung von überschüssigem Strom in Wasserstoff und möglicherweise Methan - Gase, die zum Heizen, in Autos oder wiederum zur Stromgewinnung diesen können. An der Westküste sollen bald mehrere Versuchsanlagen in Betrieb gehen. Unter anderem wittert Siemens  ein gutes Geschäft mit der Technologie, die die Stromleitungen entlasten soll. "Die Netzthematik sehe ich sehr entspannt", sagt daher Erik Wolf, der die Technologie bei Siemens voranbringt.

"Stromerzeugung und -verbrauch werden auf der einen Seite lokal zusammenrücken, auf der anderen Seite aber auch sehr oft weit auseinander liegen", skizziert Habeck das Energiesystem, wie es nicht zuletzt für sein Land maßgeschneidert wäre. Die Frage ist nur, ob der Rest der Republik da mitspielt.

Auf seinem Hof bei Husum hat Hermann Albers andere Sorgen. Die Verwaltung steht seiner Meinung nach dem endgültigen Durchbruch der Windenergie entgegen. "Viele Vorschriften gehen auf Kosten der Wirtschaftlichkeit." Ihm selbst ist es immerhin mit einem Kniff gelungen, die Abstandsregeln zu Wohngebäuden zu umgehen. Dank eines Extra-Eintrags im Grundbuch dreht sich einer der gigantischen Rotoren nun direkt neben seinem Haus.

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