Altersvorsorge Kein Grund zur Panik bei der Betriebsrente

Arbeitgeber haben in der Vergangenheit vereinzelt sehr hohe Betriebsrenten zugesagt. Das belastet, wird sie aber nicht aus der Bahn werfen, sagen Experten. Zudem wälzen auch die Firmen das Risiko der Kapitalanlage zusehends auf den Arbeitnehmer ab. Dessen Betriebsrente wird schrumpfen.
Millionen Menschen sorgen über den Arbeitgeber vor. Die Betriebsrente gilt trotz niedrigster Kapitalmarktzinsen als sicher

Millionen Menschen sorgen über den Arbeitgeber vor. Die Betriebsrente gilt trotz niedrigster Kapitalmarktzinsen als sicher

Foto: Boris Roessler/ dpa

Hamburg - Stolze 7,39 Prozent Nettorendite erwirtschafteten die deutschen Lebensversicherer im Jahr 1995 mit ihren Kapitalanlagen, 7,37 Prozent Zinsen schrieben sie ihren Kunden gut. Die goldenen Kapitalmarktzeiten sind vorbei, die Anbieter haben die Verzinsung Jahr um Jahr zuletzt auf rund 3,9 Prozent im Schnitt reduziert. Viele Anbieter schaffen auch das nicht. So mancher private Vorsorgeplan bedarf der Korrektur, die Vorsorgelücke wächst tendenziell.

Und die Betriebsrente? Allen Unkenrufen zum Trotz darf sie für die Beschäftigten als sicher gelten. Drastische gekürzte Auszahlungen, wie wir sie etwa bei niederländischen Betriebsrentenfonds sehen, sind hier in Deutschland nicht möglich. Für einmal gemachte Zusagen hat der Arbeitgeber ohne Wenn und Aber geradezustehen. Gegebenenfalls muss er Geld aus dem laufenden Geschäft nachschießen, sollte der Vorsorgeträger knapp bei Kasse sein. Die Ansprüche der Mitarbeiter sind also weitgehend gesichert, im Pleitefall nicht zuletzt durch den Pensionssicherungsverein.

Dass Pensionskassen und andere betriebliche Vorsorgeträger ebenso unter dem Niedrigzinsniveau leiden wie die Lebensversicherer, ist logisch und nicht von der Hand zu weisen. Einzelne regulierte Kassen haben die Arbeitgeber in der Vergangenheit bereits in die Nachschusspflicht nehmen müssen. Wenn jetzt erste Konzernvorstände mit Blick auf ihre Pensionsverpflichtungen von einer "Herausforderung" sprechen, lässt dies aufhorchen.

Ein Grund zur Panik ist dies aber nicht - weder für die Beschäftigen, noch für die Unternehmen.

Firmen versprachen zu besseren Zeiten bis zu 7 Prozent

Ganz offensichtlich haben Firmen zu besseren Zeiten zu viel versprochen und Rentenzusagen mit satten Zinsgarantien von bis zu 7 Prozent gemacht. Diese Renditen erwirtschaftet jetzt kein Vorsorgeträger mehr. Mit Blick auf das Volumen dieser Versprechen geben Experten jedoch Entwarnung. Mögliche Zusatzkosten, die sich für die betroffenen Unternehmen aus der Differenz zwischen der erwirtschafteten Rendite und dem zugesagten Mindestzins ergeben, stellten keine Größenordnung dar, die für sie bedrohend oder existenzbedrohend wäre, sagt Fridtjof Helemann, Chef der Unternehmensberatung Mercer Deutschland.

Ein Einwand bleibt bestehen: Die betriebliche Altersversorgung ist ein statistisches Niemandsland. Belastbare Zahlen darüber, was die Unternehmen ihren Beschäftigten in Deutschland tatsächlich im Detail zugesagt haben und wie sehr sie diese Verpflichtungen bei anhaltend niedrigen Zinsen in Bredouille bringen könnten, gibt es nicht.

Gleichwohl sollte man darauf vertrauen dürfen, dass professionell geführte Unternehmen die Risiken hoher Pensionsversprechen längst erkannt und in den vergangenen Jahren reduziert haben. Dort wo es der Gesetzgeber zulässt, sind sie mehrheitlich dazu übergegangen, ihre Zusagen von einem Marktzins abhängig zu machen, sagen Insider. Mit anderen Worten: Wie die privaten Lebensversicherer haben auch viele Unternehmen längst damit begonnen, das Kapitalmarktrisiko stärker auf den Arbeitnehmer abzuwälzen.

Seit 2000 haben Konzerne ihre Pensionpläne mit mehr Geld unterlegt

Wenn jetzt der Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne von Dax- und MDax-Konzernen auf 62 (2011: 66 Prozent) beziehungsweise 47 (2011: 49) Prozent sinkt, ist das natürlich signifikant: Die Lücke zwischen Pensionsverpflichtungen und dem dafür reservierten Kapital ist aktuell größer geworden und eine unmittelbare Folge des niedrigen Zinsniveaus.

Die Konzerne werden deshalb aber nicht in Schockstarre verfallen, die Beschäftigten und Betriebsrentner sollten es auch nicht.

In der Vergangenheit hat der Ausfinanzierungsgrad immer wieder geschwankt. Und es ist nun einmal so, dass zwischen der Rentezusage und dem tatsächlichen Rentenbeginn oft Jahrzehnte liegen. Die Unternehmen haben also viel Zeit, Ertragsschwankungen in ihren Pensionsvermögen auszugleichen.

Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne seit dem Jahr 2000 gestiegen

Darüber hinaus haben sich gerade Dax-Konzerne in der Vergangenheit kapitalkräftig und willens gezeigt, ihre Verpflichtungen auch mit mehr Geld zu unterlegen: Zwischen 2000 und 2011 ist der Ausfinanzierungsgrad der Pensionspläne von 54 Prozent auf 66 Prozent gestiegen. Selbst in den Krisenjahren 2008 und 2009 haben sie auf Kürzungen verzichtet, wie die Betriebsrentenexperten von Towers Watson betonen.

Und die Unternehmen haben offenbar dazu gelernt: Pensionszusagen, Finanzierungsstrategie und das Kapitalanlagemanagement seien heute sehr viel stärker aufeinander abgestimmt, als dies offenbar noch in der Vergangenheit der Fall war.

Die Gefahr, die von einer "Zeitbombe Pensionslasten" für die Firmen ausgehen könnte, scheint also zumindest in Großkonzernen halbwegs gebannt. Mögen Unternehmen die betriebliche Altersversorgung in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels auch immer stärker als Instrument einsetzen, um talentierte Mitarbeiter zu gewinnen oder zu halten - vorsichtige Manager werden ihren Beschäftigten keine Rentenversprechen machen, die ihr Unternehmen notfalls nicht auch aus dem Cashflow bedienen könnte.

Bei einzelnen Durchführungswegen wie der Direktzusage in der BAV können die Firmen in der Kapitalanlage zwar mehr Risiken eingehen, als dies bei versicherungsförmigen Lösungen oder Pensionskassen der Fall ist. Allzu großzügigen Versprechen sollte der potentielle Mitarbeiter aber mit Skepsis begegnen. Denn auch in der betrieblichen Altersversorgung wachsen die Bäume nicht mehr in den Renditehimmel. Viel mehr als 4 Prozent werfen die Portfolien nicht ab, sagen Experten

Und es könnte noch weniger werden. Nicht nur wegen der anhaltenden Niedrigzinsen, sondern auch, weil die EU erwägt, die schärferen Eigenkapitalvorschriften für die Lebensversicherer auf die Betriebsrente zu übertragen. Hier ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen.

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