Mittwoch, 21. August 2019

Trotz Jobplus' für Ältere Deutschland stolpert tiefer in die Arbeitsfalle

Es ist nie zu spät für eine Karriere im Musikbusiness: Die 72jährige DJane Ruth Flowers aus Bristol ist als Mamy Rock an den Plattentellern der Welt unterwegs. Aber es geht ihr wie vielen: Die meisten Kollegen sind dann doch deutlich jünger als sie selbst.

Keine Jobchancen für alle über 50 Jahren? Von wegen. Ältere Menschen in Deutschland arbeiten viel länger als früher, haben Experten jetzt ermittelt. Das federt die Folgen der alternden Gesellschaft für Deutschlands Firmen ab - aber die Fachkräftelücke wächst weiter.

Hamburg - Der entspannte Vorruheständler, der an der türkischen Riviera überwintert, um dann in hiesigen Gefilden frei von Arbeitsstress den Sommer zu genießen - er dürfte bald der Vergangenheit angehören. Mehr denn je gehen ältere Menschen in Deutschland einer Erwerbstätigkeit nach. Die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen hat sich in den vergangenen 20 Jahren auf rund 44 Prozent mehr als verdoppelt, zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und der Trend dürfte sich fortsetzen.

Der Anteil der Älteren an der erwerbstätigen Bevölkerung wird weiter wachsen, ist Mitautor Carsten Pohl überzeugt. Und das nicht nur, weil die deutsche Gesellschaft altert. Der Wissenschaftler sieht mehrere Ursachen: Mehr Frauen suchen während und nach der Familienphase einen Job als noch vor 20 Jahren. Die Älteren fühlen sich zudem gesund. "Sie wollen länger erwerbstätig sein und sich in den Arbeitsmarkt integrieren", sagt Pohl.

Dass ältere Menschen auch ein Stück weit Getriebene der Arbeitsmarktreformen sind und somit ihre Erwerbsquote steigt, erkennt das IAB durchaus an. Denn der Staat hat seine Förderung für die Altersteilzeit weitgehend gestrichen, zudem müssen Vorruheständler mittlerweile empfindliche Rentenabschläge hinnehmen.

Diese Einschnitte sind politisch gewollt, um die Erwerbsquote auch unter Älteren zu heben. Schließlich sinkt wegen des Geburtenrückgangs die Zahl der potentiell erwerbstätigen Menschen kontinuierlich. Auf lange Sicht können die Sozialsysteme der demografischen Entwicklung nicht mehr standhalten.

Hohe Erwerbsquote Älterer hält Druck auf Arbeitsmarkt aufrecht

So ist die Zahl erwerbsfähiger junger Menschen (15 bis 39 Jahre) in Deutschland zwischen 1991 und 2010 nicht nur um 5,7 Millionen gesunken, berichtet das IAB. Jüngere stehen dem Arbeitsmarkt als Beitragszahler für die Sozialversicherung wegen längerer Ausbildungszeiten auch später zur Verfügung, was sich in den seit 1991 fallenden Erwerbsquoten der 15- bis 24-Jährigen zeigt, sagt Pohl.

Auch wenn junge Menschen später ins Arbeitsleben einsteigen und die Erwerbsbevölkerung kontinuierlich sinkt, gehen gleichwohl mehr Menschen in Deutschland einem Job nach, betont das IAB. So ist die Erwerbsquote in den vergangenen zwei Jahrzehnten nämlich um 5 Prozentpunkte auf 76,5 Prozent gestiegen - eben weil deutlich mehr ältere Menschen länger arbeiten als in der Vergangenheit. Vor allem ihre höhere Erwerbsbeteiligung, resümiert Pohl, habe die Folgen der schrumpfenden Bevölkerungsentwicklung bislang mehr als ausgeglichen.

Will sagen: Einen signifikanten Einfluss der demografischen Entwicklung auf die Arbeitslosenzahlen haben die Wissenschaftler nicht festgestellt. "Die These, dass eine alternde Bevölkerung die Arbeitslosenzahlen auf lange Sicht deutlich sinken lässt, können wir so nicht bestätigen", sagt Pohl.

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