20-Milliarden-Euro-Projekt Plan für neue Stromtrassen steht

Etwa 20 Milliarden Euro sollen sie kosten - Tausende Kilometer neuer Stromautobahnen, mit denen Elektrizität aus erneuerbaren Quellen durch die Bundesrepublik geleitet werden sollen. Laut dem heute vorgestellten Netzentwicklungsplan sollen auch neue Technologien zum Einsatz kommen.
Mehr davon: Bis 2022 sollen 3800 Kilometer neue Stromtrassen in Deutschland entstehen.

Mehr davon: Bis 2022 sollen 3800 Kilometer neue Stromtrassen in Deutschland entstehen.

Foto: AP

Berlin - Der 20 Milliarden Euro teure Ausbau des deutschen Stromnetzes nimmt konkrete Formen an. Laut dem am Mittwoch in Berlin von den vier Übertragungsnetzbetreibern vorgestellten Entwurf des Netzentwicklungsplans sollen bis zum Jahr 2022 insgesamt 3800 Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden.

Auf weiteren 4000 Kilometer sollen bestehende Netze ausgebaut werden. Damit sei eine "solide Planungsbasis für die Bundesnetzagentur und den Gesetzgeber" geschaffen, sagte der Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs.

Ziel sei es, eine stabile, zukunftsfähige Verbindung zwischen den großen Windkraftanlagen im Norden und den Verbrauchszentren im Süden des Landes herzustellen, betonte Fuchs. Der Netzausbauplan werde "das Tempo der Energiewende bestimmen". Konkrete Trassenverläufe sind darin aber bisher noch nicht verzeichnet, nur Start- und Endpunkte der Stromautobahnen werden festgelegt.

Vier große Nord-Süd-Routen geplant

Dabei sind neben kürzeren Abschnitten vier große, über mehrere hundert Kilometer laufende Stromautobahnen geplant, die von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ausgehend quer durch Deutschland Richtung Bayern und Baden-Württemberg verlaufen. Für den Verbraucher könnte das große Investitionsprojekt steigende Netzentgelte bedeuten, sie sind ein Bestandteil des Strompreises.

Bei 2100 der 3800 Kilometer soll erstmals in Deutschland im großen Stil die HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) zum Zuge kommen. Da der Wind auf See und im Nordosten stärker bläst, muss der Strom über lange Distanzen in den Süden geleitet werden - und zwar wie bei einer Einbahnstraße in eine Richtung. Für kürzere Strecken ist das ungeeignet, weshalb auch 1700 Kilometer an neuen, klassischen Wechselstromleitungen geplant sind.

Die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung, bis 2022 die CO2-Emmissionen um 40 Prozent zu senken, könnten "damit realisiert werden", sagte 50-Hertz-Geschäftsführer Boris Schucht. Das sieht der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) ähnlich. Nun gelte es, "die notwendigen Investitionen zügig auf den Weg zu bringen", forderte BEE-Präsident Dietmar Schütz.

Auch Vertreter der Regierungskoalition begrüßten den Plan. "Die Zahlen des Ausbaubedarfs liegen damit auf dem Tisch", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Joachim Pfeiffer (CDU). Nun komme es darauf an, "die Planungsprozesse zu beschleunigen". Ohne gemeinsame Anstrengungen und ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung stehe die Energiewende "auf der Kippe".

EnBW-Chef Villis warnt vor Stromausfällen

Um diese Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen, soll nach Angaben des Geschäftsführers von Transnet BW, Rainer Joswig, größtmögliche Transparenz gewährleistet werden. "Wir haben ein Netz, aber keinen doppelten Boden", sagte Klaus Kleinekorte, Mitglied der Geschäftsführung von Amprion. So stehe der Entwurf zum Netzentwicklungsplan ab sofort im Internet allen interessierten Bürgern zur Einsicht zur Verfügung. In den kommenden sechs Wochen (30. Mai bis 10. Juli) haben die Bürger Gelegenheit, Stellungnahmen zum Netzentwicklungsplan abzugeben .

Dennoch ist nach Betreiberangaben mit Protesten und Klagen von Bürgern gegen überirdische Stromtrassen über ihre Wohn- und Naherholungsgebiete zu rechnen. "Ich bin Realist", sagte Transnet-Geschäftsführer Joswig. "Wir werden nicht verhindern können, dass sich Bürgerinitiativen gegen solche Projekte wenden werden." Die Betreiber könnten nur versuchen, "bestmöglich aufzuklären".

"Konzerne zu wenig in Planungen eingebunden"

Ohne neue Netze könnte es schon bald zu Stromausfällen kommen, warnt der scheidende Chef des Versorgers EnBW , Hans-Peter Villis. Die Versorgungssicherheit werde durch die schleppende Umsetzung der Energiewende gefährdet, sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit". "Das Risiko, dass uns in Zukunft partielle Abschaltungen des Stroms drohen, wird größer."

Der Manager warf der Bundesregierung vor, die großen Konzerne zu wenig in ihre Überlegungen zur Energiewende einzubinden. Seit dem japanischen Atomunglück bei Fukushima habe die Regierung die Kommunikation mit seiner Branche leider weitgehend eingestellt. Auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kümmere sich nicht genug: "Er hätte mehr tun müssen."

In diesem Zusammenhang erneuerte Villis seine Forderung nach einem Energieminister. Zurzeit habe seine Branche "keinen zentralen Ansprechpartner beim Thema Energie", sagte er der Zeitung. In Berlin herrsche ein "Dickicht". Es fehle die "Klammer, die die dezentrale Energieerzeugung, den Netzausbau, die Subventionierung der erneuerbaren Energien und die Europapolitik koordiniert".

nis/dapd/dpa/rtr
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.