Freitag, 23. August 2019

Stromleitungsbau stockt Netzausbau in Minischritten

Strommasten in Niedersachsen: Von den bis Ende 2013 angekündigten 600 Kilometern neuer Leitungen sind erst 200 gebaut

Am Mittwoch trifft sich die Kanzlerin mit Energiemanagern, um über Probleme beim Atomausstieg zu beraten. Aber es läuft nicht alles schlecht: Eine der wichtigsten Stromleitungen steht vor der Vollendung - nachdem die Haselmaus umgesiedelt werden konnte.

Berlin - Wittenburg - Das trockene Gras knirscht unter den schwarzen Lederschuhen von Philipp Rösler. Der Bundeswirtschaftsminister hat Mühe, den Kuhfladen auszuweichen. Einen knappen Kilometer geht es querfeldein über Wiesen, bis Rösler an der A24 bei Wittenburg (Mecklenburg-Vorpommern) vor einem Strommasten steht, der bisher ein Synonym ist für das Stocken der Energiewende. Die schwarzen Kabel transportieren keinen Strom, die Strippen hängen am Stahlmasten träge herunter. "Das ist ja ein ziemliches Kuddelmuddel hier", sagt Rösler.

Hier an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein endet bisher die seit rund zehn Jahren diskutierte und geplante "Windsammelschiene", eine 88 Kilometer lange Stromautobahn vom Umspannwerk Görries bei Schwerin bis zum Hauptabspannwerk Krümmel bei Hamburg.

Während die Trasse in Mecklenburg-Vorpommern seit zwei Jahren steht, lag bisher kein Planfeststellungsbeschluss aus Kiel vor - am 20. April kam er endlich. Ab diesem Montag sollen nun dank einiger Ausnahmeregelungen die letzten 20 Kilometer im Eiltempo bis zum Winter gebaut werden.

"Die Summe der Einzelmaßnahmen führt zu einer Beschleunigung", sagt FDP-Chef Rösler mit Blick auf das Bemühen, den Netzausbau mit Gesetzen, Arbeitsgruppen und mahnenden Briefe zu forcieren. Er betont, man könne nach einem Jahr Energiewende keine Wunderdinge erwarten. Immerhin: "Die Mentalität verändert sich". Einiges gehe nun schneller. Auch wenn er vieles nicht teile: Kritik sei wichtig, damit sich keiner zurücklehne und der Druck im Kessel hoch bleibe.

Alle planen, doch zentrale Koordination fehlt

Kuddelmuddel. So mancher Wirtschaftsführer würde diese Überschrift wohl der Energiewende verpassen. Kommunen, Länder, der Bund: Alle planen, doch vielen fehlt ein politischer Kümmerer. Einer, der zentral koordiniert, wie viele Netze wo nötig sind - und wie sich neue Gas- und Kohlekraftwerke bei immer mehr Ökostrom noch rentieren sollen.

Am Mittwoch berät Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unter anderem mit den Energiekonzernen RWE Börsen-Chart zeigen und Eon Börsen-Chart zeigen, wo der Schuh drückt beim Umbau der Energiewirtschaft. Die bisherigen Atomkonzerne leiden zum Beispiel darunter, dass mehrere Nordsee-Windparks wegen Problemen beim Netzbetreiber Tennet nicht ans Netz angeschlossen werden können.

Das Beispiel der "Windsammelschiene" zeigt, dass es nicht immer nur die viel beschworenen Bürgerproteste sind, die den Netzausbau zu einer so schleppenden Angelegenheit machen. Für jeden gefällten Baum macht es Schleswig-Holstein nach Angaben des Netzbetreibers 50Hertz zur Auflage, dass drei Bäume an anderer Stelle neu gepflanzt werden.

Die neue Höchstspannungsleitung könnte die Kabel für Notrufsäulen längs der Autobahn überladen - daher musste für den Einbau von neuen Lichtwellenleitungen ein eigenes Planfeststellungsverfahren gemacht werden. Hinzu kommt der Umweltschutz. Vor der Rodung mussten die Waldgebiete in einigen Mastbereichen nächtelang beleuchtet werden, damit sich auch tatsächlich keine Fledermäuse mehr dort aufhält. Das Umsiedeln der Haselmaus dauert mehrere Monate.

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