Dienstag, 17. September 2019

Stromleitungsbau stockt Netzausbau in Minischritten

Strommasten in Niedersachsen: Von den bis Ende 2013 angekündigten 600 Kilometern neuer Leitungen sind erst 200 gebaut

2. Teil: Bisher sind nur 200 Kilometer Stromleitungen gebaut

Merkel hat versprochen, dass bis Ende des Jahres ein Gesetz für eine bundesweite Netzentwicklungsplanung in Kraft treten soll, damit fehlende Leitungen nicht weiter die Achillesferse der Energiewende sind. Denn allein in Schleswig-Holstein könnte schon bald eine installierte Wind- und Solarkraftleistung von 13 000 Megawatt stehen - bei einem Eigenverbrauch von 2000 Megawatt im Winter.

Das heißt: Bei Starkwind müssen riesige Mengen Strom in andere Bundesländer oder das Ausland abtransportiert werden. Da Leitungen und Speicher fehlen, müssen Windparks immer öfter zwangsweise vom Netz. Die Entschädigungen dafür haben die Bürger über den Strompreis zu zahlen.

Bisher wurde bereits ein Netzausbaubeschleunigungsgesetz beschlossen. Rösler setzte eine Arbeitsgruppe für eine schnellere Netzanbindung der Offshore-Windparks ein. Und er drang darauf, dass die "Windsammelschiene" endlich vollendet wird. Er verspricht, dass bis 2013 - bis zum Ende der Legislaturperiode - von den 1800 bisher als vordringlich gesehenen neuen Leitungskilometern bis zu 600 gebaut werden sollen. Derzeit ist man bei etwas mehr als 200 Kilometern.

Im Hubschrauber fliegt er entlang des stillgelegten Atomkraftwerks Krümmel. Rechts davon wurde in Geesthacht ein kleines Pumpspeicherkraftwerk reaktiviert, um bei wenig Wind und Sonne zusätzlichen Strom zu liefern. Boris Schucht, Chef des Netzbetreibers 50Hertz, erläutert dem Minister beim Flug entlang der noch fehlenden Trassenkilometer, warum gerade für den Großraum Hamburg diese knapp 90 Kilometer lange 380-Kilovolt-Leitung so wichtig ist, mit der Windstrom aus dem Nordosten hierhin abtransportiert werden soll.

"Ausbau von Leitungen und erneuerbaren Energien läuft asychron"

"Großraum standen mal fünf Kernkraftwerke, heute ist nur Brokdorf übrig", sagt Schucht. Mit den Kupferhütten, Stahlwerken und dem Hafen gebe es aber hier eine der höchsten Verbrauchsdichten in ganz Deutschland. "In den Abendstunden kann es an kalten Wintertagen große Probleme mit der Spannungshaltung geben." Mittlerweile müssen seine Leute an zwei Dritteln aller Tage in den Netzbetrieb eingreifen und Kraftwerke zum Runterfahren auffordern, wenn diese zu viel Windstrom in das Netz pressen. Oder aber zusätzliche Kapazitäten gebraucht werden, wenn Flaute ist. Das kostet viel Geld.

Es gibt auch einen erheblichen Zeitverzug beim Bau einer neuen Höchstspannungsleitung von Thüringen über den Rennsteig nach Bayern (Thüringer Strombrücke). Wenn 2015 das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld stillgelegt wird, muss diese Leitung betriebsbereit sein, da sonst die Versorgungslage im Südosten kritisch werden könnte.

Schucht betont, das Ganze würde sich in höchstem Maße rentieren. Die Leitung kostet 250 Millionen Euro, könnte aber laut 50Hertz Eingriffskosten beim Netz von bis zu 150 Millionen Euro pro Jahr verhindern. Denn der Nordosten sei mit 16 700 Megawatt an installierter Wind- und Solarleistung weltweit die Region mit der größten Ökoenergiedichte.

Da diese stark schwankt, sind die Netze einem Dauer-Stresstest ausgesetzt. Auch wenn es nun etwas schneller geht und Gemeinden für jeden Kilometer Stromautobahn 40 000 Euro als Entschädigung bekommen - das Grundproblem bleibt. "Der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Leitungen läuft derzeit komplett asynchron", sagt 50Hertz-Chef Schucht.

Daher sind für Rösler Leute wie Jürgen Siefert entscheidend. Eingehüllt in einen orangenen Overall wartet der Projektleiter von 50Hertz für den Netzausbau darauf, dass er die letzen 20 Kilometer bauen kann. Der Stahl ist da, notfalls müssen noch einige private Grundstückbesitzer enteignet werden. Wegen der kritischen Lage im Winter muss die Leitung bis dahin stehen. Rösler drückt Siefert zum Abschied die Hand, lächelt und sagt: "Viel Erfolg, schaffen Sie es!"

wed/dpa

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