Sonntag, 15. Dezember 2019

Eliten "Wir stehen an einem Wendepunkt"

Protest gegen Lehman-Chef Dick Fuld (nach der Lehman-Pleite im September 2008): "Eine Gesellschaft aus Egoisten kann keine freie Gesellschaft sein"

Die Finanzkrise hat gezeigt, dass man legale Produkte auf den Markt bringen kann - und damit die Welt ruiniert. Manager, die das Gemeinwohl nicht im Blick haben, bürden anderen leicht gigantische Kosten auf, sagt IfW-Chef Dennis Snower. Er fordert: Unternehmen müssen die Werte der Gesellschaft verinnerlichen.

mm: Herr Professor Snower, im aktuellen Heft befassen wir uns mit der Rolle der Eliten in Deutschland, insbesondere der Topmanager. Wie ist Ihr Eindruck: Werden die Eliten in diesem Land ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht?

Dennis Snower: Wenn Sie so pauschal fragen, dann sage ich: Nein, es fehlt eine Ausrichtung auf größere gesellschaftliche Ziele.

mm: Die Wirtschaft kümmert sich ums Geschäft, der Staat ums Gemeinwohl. Das scheint derzeit die Arbeitsteilung zu sein. Nicht ganz falsch, oder?

Snower: Aber das genügt nicht. Wir leben in einer Welt wachsender Probleme: krasse soziale Gegensätze, Ressourcenknappheit, globale Spannungen. Große Unternehmen und ihre Topmanager müssen helfen, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen.

mm: Warum?

Snower: Weil sie mächtige globale Spieler sind.Und weil sie Vorbilder für andere sind. Aus dieser Stellung erwächst große Verantwortung. Es ist falsch, sich auf eine Haltung zurückzuziehen nach dem Motto: Wir machen alles, was nicht verboten ist.

mm: Aber ist das nicht der Kern des freien Unternehmertums?

Snower: Finden Sie? Ich denke, wir stehen an einem Wendepunkt. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass man völlig legale Produkte auf den Markt bringen kann - und damit die Welt ruiniert. Manager, die das Gemeinwohl nicht im Blick haben, bürden anderen allzu leicht gigantische externe Kosten auf.

mm: Die deutsche Wirtschaft sieht sich immer noch in der Tradition der "sozialen Marktwirtschaft". Ein Zukunftsmodell?

Snower: Es kommt darauf an, was damit gemeint ist. Mitbestimmung und kollektive Lohnverhandlungen genügen jedenfalls nicht. Mein Eindruck ist, dass sich viele deutsche Konzerne sehr einseitig aufs unmittelbare Geschäft konzentrieren. In anderen Ländern erlebe ich manchmal mehr Offenheit.

mm: Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Unternehmen Gewinn macht, sondern auch auf das Wie und das Warum?

Snower: Natürlich. Ein Unternehmen muss profitabel sein, sonst verschwindet es irgendwann. Aber wenn das Management ausschließlich darauf abzielt, kurzfristig den Gewinn maximieren, dann wird es problematisch. Es geht doch letztlich um die grundsätzliche Frage, warum eine Gesellschaft überhaupt funktioniert. Die Antwort lautet nicht: weil es so starke Gesetze gibt und so viel Polizei, die die Einhaltung der gemeinsamen Spielregeln sicherstellen. Sondern es sind Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten: soziale Normen, die von den Bürgern internalisiert sind, weshalb sie sich dementsprechend verhalten.

Wenn wir allein durch Polizeipräsenz verhindern müssten, dass es keinen Diebstahl gibt, dann würden wir sehr schlecht dastehen. Und genau dasselbe verlangt man jetzt von Unternehmen: Sie müssen die Werte der Gesellschaft verinnerlichen. In einer freien Gesellschaft bedarf es der Einsicht des Einzelnen, dass er sich im Sinne einer übergeordneten Gesamtverantwortung verhalten muss, weil sonst das Gemeinwesen zerfällt. Eine Gesellschaft aus Egoisten kann keine freie Gesellschaft sein.

mm: Viele in der Wirtschaft scheinen das anders zu sehen. Sie argumentieren: Der Wettbewerb sei inzwischen so hart, dass nur die Egoisten überleben.

Snower: Harter Wettbewerb darf aber keine Ausrede für unkooperatives Verhalten sein. Topmanager haben Machtpositionen inne, die zu einer besonderen Verantwortung verpflichten. Die Leute spüren das genau: Entsprechend groß ist die Entrüstung in der Öffentlichkeit, wenn ein Topmanager in seinem geschäftlichen Verhalten diesen Maßstäben nicht genügt.

mm: Herr Professor Snower, Ihr Global Economic Symposium (GES) - wo Sie ja große, globale Probleme konkret bearbeiten wollen - findet bislang vergleichsweise wenig Widerhall in der deutschen Wirtschaft.

Snower: Das ist wirklich ein Phänomen. Die deutschen Unternehmen fragen oft: Wie hilft mein Engagement beim GES meinen Unternehmen weiter? Ausländische Unternehmen stellen diese Frage selten.

Euro-Kommentar: Das Versagen der Eliten

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