Mittwoch, 23. Oktober 2019

Euro-Krise Das Versagen der Eliten

Kanzlerin Angela Merkel und Tschechiens Regierungschef Petr Necas: Gespräche über Formen, nicht immer über Inhalte

2. Teil: Ein gemeinsame Führungskultur fehlt

Mit ihrer Euro-Kakophonie werden die Vorleute in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ihren Rollen nicht gerecht - in einer Kernfrage der Nation lassen sie eine gemeinsame Sicht vermissen. Im aktuellen manager magazin, das seit vorigem Freitag erhältlich ist, befassen wir uns mit dem Zustand der deutschen Eliten. Basierend auf einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), der Personalberatung Egon Zehnder und der Stiftung Neue Verantwortung analysiert ein umfangreicher Report die nicht gerade berauschenden gesellschaftlichen Führungsqualitäten.

Insofern ist der Mangel an Orientierung in der Euro-Krise symptomatisch für den Zustand der Nation. Jörg Ritter, Berater bei der Personalberatung bei Egon Zehnder und einer der Autoren der Berliner Studie, sagt, es fehle ein wechselseitiges Verständnis: "Die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft neigen dazu, abgeschottet in ihren Festungen zu bleiben. Manche pflegen gar ihre Vorurteile. Eine konstruktive Zusammenarbeit kommt nicht zustande, obwohl alle erkennen, dass das für zukünftige Herausforderungen unersetzlich ist. Letztendlich fehlt eine gemeinsame Führungskultur."

Gerade die Spitzenleute in der Wirtschaft gelten als wenig gesellschaftsförderlich. "Nur wenige Topmanager verstehen, wie die anderen Sektoren ticken", kritisiert WZB-Chefin Jutta Allmendinger.

Und Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Initiator des Global Economic Symposium, konstatiert trocken: "Es fehlt eine Ausrichtung auf größere gesellschaftliche Ziele." Gerade die Wirtschaftsspitzen müssten lernen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken: "Große Unternehmen und ihre Topmanager müssen helfen, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen", fordert Snower.

Vertrauen in die Eliten fehlt

Der Mangel an Führung ist den Bundesbürgern wohl bewusst. Entsprechend schlecht schätzen sie die Eliten ein. Wer vertraut den Politikern? 1 Prozent der Deutschen. Wer vertraut Unternehmen und Managern? 2 Prozent. Beunruhigende Zahlen, die das Meinungsforschungsinstitut Allensbach ermittelt hat. Sie geben den Blick frei auf eine tiefe Orientierungslosigkeit: Eine Gesellschaft, die ihren Eliten misstraut, hat ein Problem mit sich - es fehlt die Richtung, es mangelt an Zutrauen in eine gute, gemeinsame Zukunft.

Die Euro-Krise ist so gesehen ein Testfall. Sie bedroht die Zukunft dieses Landes und seines Wohlstands. Und sie berührt Grundfragen an das Wesen der Bundesrepublik: Treiben die Deutschen die europäische Integration weiter voran? Oder ziehen sie sich besserwisserisch und frustriert in nationale Schutzräume zurück?

Fragen, die ähnlich wie Demokratie und Westbindung Grundkoordinaten der Gesellschaft betreffen.

Natürlich darf - und muss - über das Wie der europäischen Zukunft gestritten werden. Wer aber Deutschlands prinzipiellen Integrationswillen in Zweifel zieht, der unterminiert das bundesrepublikanische Fundament.

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