Verpatzte Förderung Desaster um Cluster-Republik Deutschland

Wirtschaftspolitiker träumen davon, regionale Branchencluster zu Keimzellen für Wachstum und Innovation zu machen - und fördern sie mit Millionen. Doch die Erfahrung lehrt: Erfolgreiche Cluster lassen sich auch mit viel Geld nicht künstlich heranzüchten.
Cluster "Solar Valley" im ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen: Wichtige Zulieferer wurden von der Schweizer Konkurrenz übernommen

Cluster "Solar Valley" im ostdeutschen Bitterfeld-Wolfen: Wichtige Zulieferer wurden von der Schweizer Konkurrenz übernommen

Foto: DPA

Hamburg - Das britische Wirtschaftsmagazin Economist hat sich auf die Suche nach dem Erfolgsgeheimnis der deutschen Wirtschaft begeben - und seine Wurzeln in Bielefeld entdeckt. Ausgerechnet. In der ost-westfälischen Region rund um die Stadt, der mancher nachsagt, es gebe sie gar nicht, habe sich nämlich ein typisch deutsches Cluster von Unternehmen des "German Mittelstand" gebildet.

Diese Cluster, so der Economist weiter, zeichneten sich durch historisch gewachsene, lokal geprägte Wirtschaftsstrukturen aus, in denen sich hoch spezialisierte Hersteller, Zulieferer, Dienstleister und Forschungsinstitute einer bestimmten Branche konzentrieren. Dank einer teils über Jahrhunderte gewachsenen Vertrauens- und Kooperationskultur seien sie zu Weltmarktführern und kleinen Oligopolisten herangewachsen.

Dynamisch und flexibel seien diese erfolgreichen Unternehmer-Netzwerke in der deutschen Provinz - aber in ihrem Festhalten an althergebrachten Werten und Strukturen auch irgendwie altmodisch, befindet das britische Wochenmagazin. Und gerade deshalb sei das deutsche Wirtschaftsmodell für ausländische Wirtschaftspolitiker kaum zu kopieren.

Nicht nur Wirtschaftsförderer im krisengeplagten europäischen Ausland scheitern an dem Versuch, das Erfolgsrezept der deutschen Mittelstands-Cluster nachzuahmen. Auch deutsche Standort-Förderer versuchen immer wieder ohne Erfolg, künstlich erfolgreiche Unternehmensnetzwerke aufzubauen und damit schwächelnde Regionen wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

"Cluster sind kein neues Phänomen", sagt Michael Rothgang, stellvertretender Leiter des Kompetenzbereichs "Unternehmen und Innovation" am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). "Regionale Verdichtungen von Unternehmen einer Branche gibt es schon seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert."

Unternehmen profitieren von Synergieeffekten, wenn anderen Unternehmen einer Branche, Hochschulen und Forschungseinrichtungen in der Nachbarschaft sitzen. Und eben deshalb entstehen Cluster nahezu automatisch aus dem Marktprozess heraus. "Neu ist lediglich, dass der Staat versucht, solche Cluster gezielt zu fördern und heranzuzüchten", sagt Rothgang. Wenn sich die Wirtschaftspolitiker dabei darauf beschränken würden, bestehende Cluster-Strukturen zu unterstützen, sei das durchaus sinnvoll. "Wenn allerdings durch massive Subventionen eine neue Industrie gewissermaßen auf der grünen Wiese entstehen soll, funktioniert das in der Regel nicht."

Dennoch gilt die Investition in Hightech-Cluster als Königsweg der modernen Wirtschaftsförderung. Mehrere hundert solcher politisch geförderter Cluster gibt es mittlerweile in Deutschland. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat gerade öffentlichkeitswirksam 15 "Spitzen-Cluster" gekürt und investiert in den kommenden Jahren 600 Millionen Euro in deren Ausbau.

Die Idee: Statt Subventionen nach dem Gießkannenprinzip über wirtschaftsschwachen Regionen auszuschütten, sollen durch Cluster-Förderung gezielt Zukunftsbranchen gefördert werden. Das Problem: Die Identifikation vermeintlicher Zukunftsbranchen ist gar nicht so einfach. "Dass Politiker entscheiden sollen, wo die technologische Entwicklung hingeht, hat ja schon in der DDR nicht funktioniert", sagt Ulrich Blum, früherer Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) und heute Wirtschaftsprofessor an der Martin-Luther-Universität in Halle.

Trotz - oder wegen - seiner Skepsis saß Blum in der Jury des Spitzencluster-Wettbewerbs, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Interessenten für solche öffentlichen Fördermittel ließen sich in drei Kategorien einteilen, erklärt er: "Erstens die gut gemanagten Zusammenschlüsse erfolgreicher Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Zweitens die Beutegemeinschaften, die nur Fördermittel abgreifen wollen. Und drittens die Notgemeinschaften, das sind Industrien, die kurz vor dem Untergang stehen und nach jeder möglichen Rettungsleine greifen."

Politiker, vor allem auf der kommunalen Ebene, ließen sich allzu oft verleiten, auch die Cluster-Initiativen der beiden letztgenannten Kategorien mit Subventionen zu unterstützen, sagt Blum. Mit Auslaufen der staatlichen Förderung bleiben von solchen Cluster allerdings meist nur Investitionsruinen - den Sprung in die Eigenfinanzierung schaffen die künstlich geschaffenen Mono-Kulturen selten.

Unternehmen müssen wachsen

Mit der Cluster-Förderung seien oft unrealistische Hoffnungen verbunden, klagt Wirtschaftsforscher Blum: Sie sollen etwa den Strukturwandel ankurbeln und schwächelnde Industrieregionen retten. So sei zum Beispiel die Clusterpolitik in den ostdeutschen Bundesländern der vergangenen Jahre, die den Strukturwandel vor allem mit der Ansiedlung von Hightech-Clustern anschieben sollte, vielerorts gescheitert, weil es keine Bezugspunkte zur regionalen Industrietradition gab. "Das Problem ist, dass in der Nachwendezeit bestehende wirtschaftliche Verflechtungen in Ostdeutschland systematisch zerschlagen wurden."

Übrig blieb eine extrem kleinteilige Wirtschaftsstruktur: Die Zentralen erfolgreicher Großkonzerne sucht man in Ostdeutschland bis heute vergebens, ebenso große, international erfolgreiche Mittelständler. "Die gewachsenen Strukturen dann durch künstlich erzeugte neue Industrie-Cluster zu ersetzen, funktioniert nicht", sagt Blum. Denn die Unternehmens-Netzwerke könnten die fehlende Größe der Betriebe nicht wettmachen. "Banken geben einem Unternehmen kein besseres Rating, nur weil es Mitglied in einem Cluster ist. Kooperation allein ist zu wenig", erklärt der Wirtschaftsforscher.

Letztlich müssten die Unternehmen durch Übernahmen und Fusionen wachsen. "Sonst werden sie schnell von größeren Konkurrenten aus dem Westen oder dem Ausland geschluckt." Im ostdeutschen "Solar Valley"-Cluster sei das gerade beispielhaft zu beobachten: Wichtige Zulieferer wie der Mittelständler Roth & Rau wurden von der Schweizer Konkurrenz übernommen.

In einem gemeinsamen Gutachten mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute im Auftrag des Bundesinnenministeriums wiesen einige der beteiligten Ökonomen in einer Minderheiten-Position auf dieses Dilemma hin: Es sei zu hinterfragen, "ob die sogenannten industriellen Cluster tatsächlich noch die Bedeutung für die Entwicklung von Regionen haben, die ihnen nach wie vor zugesprochen wird", heißt es in dem Gutachten.

Effiziente Cluster würden sich zudem dadurch auszeichnen, dass sie aus eigener Kraft funktionieren - öffentliche Subventionen könnten deshalb höchstens als Anschubfinanzierung dienen. Das Gutachten blieb nach seiner Fertigstellung im Mai 2011 zunächst unter Verschluss. Erst auf öffentlichen Druck wurde es Anfang des Jahres veröffentlicht. "Die Politik will einfach die ganze Debatte um die Strukturförderung für Ostdeutschland nicht mehr haben", sagt Blum.

Auch in strukturschwachen Wirtschaftsregionen im Westen Deutschland betrachten immer mehr Ökonomen das Modell der Cluster-Förderung mit Skepsis. Vier Wirtschaftsprofessoren der Ruhr-Universität Bochum beschrieben kürzlich das Dilemma in ihrem Buch "Viel erreicht, wenig gewonnen": Die Städte im Ruhrgebiet, so ihre Analyse, hätten sich wirtschaftlich wechselseitig stranguliert.

Die Landesregierung richtete ihre Strukturpolitik an sogenannten "Kompetenzfeldern" aus, zu denen Cluster entstehen sollten. Als Folge versuchte jede Stadt, in möglichst vielen Kompetenzfeldern Projekte an Land zu ziehen - mit dem Ergebnis, dass sich wenig schlagkräftige, zersplitterte Cluster bildeten. Doch auch die historisch gewachsenen Cluster-Strukturen haben eine Schattenseite, analysieren die Ökonomen: Schließlich entsprach das Ruhrgebiet mit seiner konsequenten Ausrichtung auf die Montanindustrie ursprünglich exakt dem Cluster-Ideal.

Im Gegensatz zum mittelständisch geprägten ost-westfälischen Cluster erwies sich jedoch gerade die industrielle Tradition als Problem für die Region. Die eingefahrenen wirtschaftlichen Strukturen und die Identifikation einer ganzen Region mit einer veralteten Industrielandschaft verhinderten, dass sich das Ruhrgebiet rechtzeitig neuen Branchen öffnete.

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