Biosprit Aufholjagd an der Tanksäule

Die Benzinpreisrekorde vor Ostern schockieren Autofahrer - doch  Biosprithersteller schöpfen Hoffnung. Sie setzen darauf, dass die Rekordjagd an der Zapfsäule dem ungeliebten E10 endlich zum Durchbruch verhilft. Die Nachfrage zieht bereits an.
Frusterlebnis: Sprit bleibt teuer

Frusterlebnis: Sprit bleibt teuer

Foto: Arno Burgi/ dpa

Hamburg - Leichte Beute war es nicht, die Unbekannte im vergangenen August in Hofheim am Taunus machten: Um zu den begehrten Fässern zu gelangen, mussten sie ein Hoftor aufbrechen. Erst dann konnten sie die insgesamt 80 Behälter einladen - mit 12.000 Litern altem Frittenfett.

Was die deutsche Polizei ratlos zurückließ, gehört in den USA bereits zum Alltag. Im Geburtsland von Kentucky-Fried-Chicken und McDonald's hat sich zum Schutz des begehrten Abfallproduktes bereits eine ganze Sicherheitstruktur entwickelt. Mit Privatdetektiven, Alarmsystemen und Überwachungskameras schützen Unternehmer ihr Frittenfett, das über professionelle Verwerter mittlerweile 300 Dollar pro Container bringt.

Auch wenn der Trend zum Biosprit die Phantasie von Dieben anzuregen scheint - der deutsche Autofahrer tut sich damit noch immer schwer. Mehr als ein Jahr nach dem katastrophalen Start von E10 können sich weiterhin nur wenige Verbraucher für den Treibstoff mit bis zu zehnprozentiger Bioethanol-Beimischung begeistern.

Nur etwa jeder zehnte Autofahrer tankt Biosprit - obwohl der Treibstoff wegen des Steuervorteils drei Cent billiger an den Tanksäulen ist und ihn laut Automobilverband VDA neun von zehn deutschen Autos problemlos vertragen.

Vereinzelter Anstieg auf 30 Prozent

Nach dem verpatzen Start im vergangenen Jahr waren auch im Januar 2012 nur 11,8 von 100 verkauften Litern Ottokraftstoff von der Sorte E10. Viel weniger als erwartet - und viel weniger als beispielsweise in Frankreich, wo die E10- Quote bei mehr als 17 Prozent liegt. "Mühsam nährt sich das Eichhörnchen", heißt es dazu beim Verband der Mineralölwirtschaft, der den Fehlstart damals mitzuverantworten hatte.

Repräsentative Zahlen, ob die aktuelle Preiswelle die Begeisterung für den steuervergünstigten Sprit doch noch anheizen kann, gibt es noch nicht. Doch die deutschen Biosprithersteller schöpfen Hoffnung: "Aus einigen Regionen werden bereits Marktanteile von bis zu einem Viertel für Super E10 berichtet", äußert sich der Bundesverband der Deutschen Bioethanolwirtschaft zufrieden. Der Zentralverband des deutschen Tankstellengewerbes (ZTG) berichtet vereinzelt sogar von einem Anstieg auf 30 Prozent.

Auch wenn es nach Einschätzung des Verbandes bundesweit nur zu einem bescheidenen Zuwachs von rund 1,5 Prozent im Februar reichen dürfte: Die Ethanolwirtschaft hofft auf längerfristig steigende Absatzzahlen. Der hohe Ölpreis spielt der Biospritherstellern in die Hände - und verhilft der Branche zu ganz ungewohnten Vorteilen. Der Höhenflug des Ölpreises bescherte Bioethanol im Februar einen Preisvorteil von 3,1 Cent.

Niedrige E10-Quote kann für Konzerne teuer werden

Ob die hohen Benzinpreise tatsächlich auch längerfristig den E10-Absatz ankurbeln, wird sich zeigen. Bislang hatte Biosprit in Deutschland ein echtes Imageproblem. Die dafür nötigen Rohstoffe verdrängten Lebensmittel und machten diese teurer, kritisieren Umweltorganisationen. Einige von ihnen befürchten sogar einen verstärkten Ausstoß giftiger Abgase, während Autofahrer Angst um ihr Fahrzeug und Zweifel an der Ergiebigkeit haben. In Deutschland ist Raps derzeit Hauptrohstoff für Biodiesel. Für die Ethanolproduktion werden vor allem Getreide und Zuckerrüben verwendet.

Dass der neue Treibstoff so unbeliebt bei den Kunden ist, könnte die Konzerne teuer zu stehen kommen. Denn um die gesetzliche vorgeschrieben Quote von 6,25 Prozent Biokraftstoff am gesamten Kraftstoffabsatzvolumen zu erfüllen, müsste der Anteil des Biosprits am Gesamtbenzin viel höher sein. "Eigentlich müsste jeder verkaufte Liter Benzin E10 sein", sagt die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverabandes (MWV) Karin Retzlaff. Bislang sind - schaut man sich den Energiegehalt an - lediglich 5,6 Prozent des gesamten in Deutschland verkauften Sprits Biokraftstoffe.

Verfehlen die Unternehmen die Quote, wird es teuer. Rund 2,5 Cent Strafe , so der MWV, müssen die Unternehmen dann pro Liter Standardbenzin zahlen - Kosten, die sich leicht zu Millionenbeträgen summieren können - und die indirekt dann wohl wieder der Verbraucher zahlen muss.

Bislang sind die meisten Unternehmen noch glimpflich davon gekommen, weil die Quote in den vergangenen Jahren noch niedriger lag. Ob das auch 2012 klappt, ist offen. Ab 2015 wird dann das ganze System umgestellt werden. Dann zählt nur noch die nachweisliche Treibhausgasvermeidung.

Zweifel an der Ökobilanz

Claus Sauter ficht das nicht an nicht an. Der Gründer und Chef des börsennotierten Leipziger Biospritherstellers Verbio glaubt fest an die Zukunft von Biokraftstoffen. Sonst hätte der PR-erfahrene Bauernsohn wohl kaum einen dreistelligen Millionenbetrag in neue Anlagen investiert. Doch der Bayer, der bei öffentlichen Auftritten gerne eine grüne Krawatte trägt, weiß, wie delikat sein Geschäft ist. "Erst auf den Teller, dann in den Tank", trägt er fast schon gebetsmühlenartig den Unternehmensgrundsatz vor.

Doch es ist nicht nur die Verdrängung und Verteuerung von Rohstoffen und die mangelnde Begeisterung der Autofahrer, die den Biospritherstellern Kopfschmerzen bereiten. Auch an der Ökobilanz des Biosprits gibt es Zweifel. So befürchten Forscher, dass die steigende Nachfrage an Biokraftstoffen außerhalb Europas zu stärkeren Nutzung schützenswerter Flächen wie Regenwäldern oder Torfmooren führt.

Die negativen Folgen dieser so genannten "Landnutzungsänderung" schlägt sich nach Ansicht einiger Forscher derart massiv in der Ökobilanz nieder, dass Kraftstoffe auf Raps oder Sojabasis im CO2-Ranking zum Teil sogar schlechter abschnitten als Brennstoffe fossilen Ursprungs.

Die Studien sind umstritten, doch sie sorgen in der Branche für Aufruhr. Und auch die Europäische Kommission, auf deren Initiative die E10-Einführung zurückgeht, prüft derzeit, welche Schlüsse sie aus den neuen Erkenntnissen zieht - Gesetzesänderungen nicht ausgeschlossen. Noch in diesem Jahr, heißt es in der Kommission, könnte eine Entscheidung fallen. "Der Markt und die Industrie warten darauf."

Hoffnungsträger Stroh und Algen

Unternehmen und Forscher arbeiten unterdessen längst an Alternativen - der so genannten zweiten Generation von Biokraftstoffen, bei denen die Energie aus Rohstoffen gewonnen wird, die nicht auch als Nahrungsmittel dienen.

Ob Sprit aus Luft und Wasser, Stroh, Holz, Pflanzenresten oder Algen - die Forschung ist in vollem Gang. Und es gibt auch erste Erfolge. "Wir sind noch nicht am Ziel" sagt Analyst Kash Burchett, der für das Beratungsunternehmen IHS Energy den europäischen Energiemarkt analysiert. "Aber es ist nur noch eine Frage der Zeit."

Bereiche, in denen geforscht wird, gibt es viele: In Sachsen bei Verbio setzt man auf Energiegewinnung durch Stroh, das mittels Bakterien zu Biogas vergoren und in die Erdgasnetze eingespeist werden soll. Die erste Anlage, die 20.000 Tonnen Stroh pro Jahr zu Biomethan verarbeiten kann und von der sich die Macher bis zu 90 Prozent weniger Co2-Ausstoß versprechen, wurde kützlich in Zörbig in Sachsen-Anhalt in Betrieb genommen.

In den USA konzentriert man sich unterdessen auf die Energieproduktion mittels Algen. "Da stecken die Vereinigten Staaten enorme Ressourcen rein", sagt Burchett. Aber auch Großunternehmen wie Exxon Mobil  seien mit von der Partie. "Das würden sie nicht machen, wenn sie nicht sicher wären, dass da viel Geld zu verdienen ist", sagt Burchett.

Auch wenn die Technik funktioniert - wirtschaftlich wettbewerbsfähig gegenüber fossilen Energieträgern ist sie noch nicht, räumt Jose Olivares ein, der sich in der National Alliance for Advanced Biofuels mit dem Algen-Projekt beschäftigt.

Steigt der Ölpreis weiter, könnte dieser Punkt aber deutlich früher als bislang erwartet erreicht sein.

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