Sonntag, 20. Oktober 2019

Energiewende Gaskraftwerke, verzweifelt gesucht

Leuchtendes Vorbild: Das Gaskraftwerk Irsching in Bayern

Gaskraftwerke haben sich während der Kältewelle im Februar als überraschend unzuverlässig erwiesen. Mehrere Meiler mussten vom Netz, weil die innerdeutschen Pipelines überlastet waren. Ein Rückschlag für die Energiewende - der Bau der benötigten Gaskraftwerke rückt weiter in die Ferne.

Hamburg - Für den ersten Winter nach dem Atomausstieg hatten Stromnetzexperten manches Schreckensszenario entworfen. Kohlekraftwerke könnten bei zufrierenden Flüssen vom Nachschub abgeschnitten sein, Flaute die Leistung der Windräder reduzieren oder die Stromnachfrage plötzlich stark steigen - das alles hätte die Versorgung wegen fehlender Kernkraftwerke womöglich an den Rand des Blackouts gebracht.

Tatsächlich bereiteten dann ausgerechnet Gasmeiler den Netzbetreibern die größten Sorgen. Die Sorte Kraftwerk also, die im Rahmen der Energiewende künftig eine besonders wichtige Rolle spielen soll. Die Anlagen können schwankende Stromeinspeisung aus Wind- und Solarkraftwerken flexibel ausgleichen und stoßen vergleichsweise wenig Kohlendioxid aus.

An ihrer Zuverlässigkeit gibt es nun aber Zweifel, was den gewünschten Neubau weiterer Meiler zusätzlich erschwert. Energieversorger nahmen im Februar gleich mehrere Meiler vom Netz, weil der Brennstoff-Nachschub ausblieb. Die für Notfälle vorgesehene Kaltreserve aus alten Kohle- und Ölmeilern in Süddeutschland und Österreich musste einspringen. Die Versorgung stand nach Aussagen von Netzbetreibern tatsächlich mehrfach vor dem Zusammenbruch.

Bisher kaum bekanntes Problem im Gasnetz

"Das hat uns getroffen und war unerfreulich", sagt der Geschäftsführer des Versorgers Statkraft Markets, Jürgen Tzschoppe, gegenüber manager magazin online. Sein Unternehmen musste das 530-Megawatt-Kraftwerk Landesbergen herunterfahren, ausgerechnet zu einer Zeit, da angesichts hoher Börsenstrompreise viel Geld mit dem Strom zu verdienen war.

Doch wegen der Kälte trat ein in dieser Dimension bisher kaum bekanntes Problem im deutschen Gasnetz auf. Gazprom Börsen-Chart zeigen lieferte deutlich weniger nach Deutschland, weil der Brennstoff im eigenen Land gebraucht wurde. Auch Transitländer wie die Ukraine zapften mehr Gas ab. Für diesen Fall sollen unterirdische Speicher Deutschlands Versorgung sichern. Doch deren Inhalt ließ sich nicht schnell genug von Norden nach Süden transportieren, offenbar auch aufgrund fehlender Leitungen.

"Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist das Gasnetz ausreichend, bei minus zehn Grad ist es offensichtlich überfordert", sagt der Chef der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (dena), Stephan Kohler gegenüber manager magazin online. Jeder zweite deutsche Haushalt heizt inzwischen mit Gas, das Netz wurde nach Kohlers Worten unzureichend angepasst. "Es sind zusätzliche Pipelines in Nord-Süd und Ost-West-Richtung erforderlich."

Derzeit beraten die zwölf Fernleitungsnetzbetreiber über den Ausbau des deutschen Gasnetzes. Grundlage ist ein Szenario des Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos. Demzufolge sind bis 2022 neue Leitungen mit einer Länge von bis zu 1840 Kilometern nötig. Kosten: 4,6 Milliarden Euro.

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