Energiewende Gaskraftwerke, verzweifelt gesucht

Gaskraftwerke haben sich während der Kältewelle im Februar als überraschend unzuverlässig erwiesen. Mehrere Meiler mussten vom Netz, weil die innerdeutschen Pipelines überlastet waren. Ein Rückschlag für die Energiewende - der Bau der benötigten Gaskraftwerke rückt weiter in die Ferne.
Leuchtendes Vorbild: Das Gaskraftwerk Irsching in Bayern

Leuchtendes Vorbild: Das Gaskraftwerk Irsching in Bayern

Foto: Armin Weigel/ dpa

Hamburg - Für den ersten Winter nach dem Atomausstieg hatten Stromnetzexperten manches Schreckensszenario entworfen. Kohlekraftwerke könnten bei zufrierenden Flüssen vom Nachschub abgeschnitten sein, Flaute die Leistung der Windräder reduzieren oder die Stromnachfrage plötzlich stark steigen - das alles hätte die Versorgung wegen fehlender Kernkraftwerke womöglich an den Rand des Blackouts gebracht.

Tatsächlich bereiteten dann ausgerechnet Gasmeiler den Netzbetreibern die größten Sorgen. Die Sorte Kraftwerk also, die im Rahmen der Energiewende künftig eine besonders wichtige Rolle spielen soll. Die Anlagen können schwankende Stromeinspeisung aus Wind- und Solarkraftwerken flexibel ausgleichen und stoßen vergleichsweise wenig Kohlendioxid aus.

An ihrer Zuverlässigkeit gibt es nun aber Zweifel, was den gewünschten Neubau weiterer Meiler zusätzlich erschwert. Energieversorger nahmen im Februar gleich mehrere Meiler vom Netz, weil der Brennstoff-Nachschub ausblieb. Die für Notfälle vorgesehene Kaltreserve aus alten Kohle- und Ölmeilern in Süddeutschland und Österreich musste einspringen. Die Versorgung stand nach Aussagen von Netzbetreibern tatsächlich mehrfach vor dem Zusammenbruch.

Bisher kaum bekanntes Problem im Gasnetz

"Das hat uns getroffen und war unerfreulich", sagt der Geschäftsführer des Versorgers Statkraft Markets, Jürgen Tzschoppe, gegenüber manager magazin online. Sein Unternehmen musste das 530-Megawatt-Kraftwerk Landesbergen herunterfahren, ausgerechnet zu einer Zeit, da angesichts hoher Börsenstrompreise viel Geld mit dem Strom zu verdienen war.

Doch wegen der Kälte trat ein in dieser Dimension bisher kaum bekanntes Problem im deutschen Gasnetz auf. Gazprom  lieferte deutlich weniger nach Deutschland, weil der Brennstoff im eigenen Land gebraucht wurde. Auch Transitländer wie die Ukraine zapften mehr Gas ab. Für diesen Fall sollen unterirdische Speicher Deutschlands Versorgung sichern. Doch deren Inhalt ließ sich nicht schnell genug von Norden nach Süden transportieren, offenbar auch aufgrund fehlender Leitungen.

"Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist das Gasnetz ausreichend, bei minus zehn Grad ist es offensichtlich überfordert", sagt der Chef der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (dena), Stephan Kohler gegenüber manager magazin online. Jeder zweite deutsche Haushalt heizt inzwischen mit Gas, das Netz wurde nach Kohlers Worten unzureichend angepasst. "Es sind zusätzliche Pipelines in Nord-Süd und Ost-West-Richtung erforderlich."

Derzeit beraten die zwölf Fernleitungsnetzbetreiber über den Ausbau des deutschen Gasnetzes. Grundlage ist ein Szenario des Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos. Demzufolge sind bis 2022 neue Leitungen mit einer Länge von bis zu 1840 Kilometern nötig. Kosten: 4,6 Milliarden Euro.

Kohlekraftwerke erleben Renaissance

Die Hoffnung auf den schnellen Bau von Gaskraftwerken erhält damit einen weiteren Dämpfer. Seit Jahren harren Projekte im Stadium der frühen Planung, weil die Anlagen wirtschaftlich wenig attraktiv sind. "Die Grenzkosten für Strom aus Gaskraftwerken liegen weiterhin über denen von Kohlekraftwerken", sagt Statkraft-Manager Tzschoppe.

Seinen Angaben zufolge liegen die Kosten für Kohleverstromung bei 50 Euro pro Megawattstunde, bei Gas schlagen sie mit 54 Euro zu Buche. Deshalb sind Gaskraftwerke vor allem zu Spitzenlastzeiten am Netz und damit seltener als Kohlemeiler. Der Boom der erneuerbaren Energien schränkt den Einsatz der Gaskraftwerke noch weiter ein. Mittags übernehmen beispielsweise - außer im Winter - Solarkraftwerke die Arbeit.

Gerade hat die deutsche Tochter des norwegischen Statkraft-Konzerns deshalb bekannt gegeben, ihr Gaskraftwerk in Emden abzuschalten. Neue Anlegen werde das Unternehmen bis auf weiteres nicht in Angriff nehmen - der Strompreis sei zu niedrig. "Der deutsche Atomausstieg steigert die Nachfrage nach neuen Kraftwerken bisher nicht, weil der Stromverbrauch in Europa niedrig ist", sagt Tzschoppe.

Ganze drei Gaskraftwerke sind im Bau

Auch beim Energiekonzern EnBW  stockt der Bau von Gaskraftwerken. "Die wirtschaftlichen Bedingungen für den Bau neuer Gaskraftwerke sind sehr schwierig", sagt eine Unternehmenssprecherin. Einen Meiler zu bauen, ist zwar vergleichsweise billig, der Haken sind die derzeit recht hohen Gaskosten von etwa 25 Euro pro Megawattstunde. Ganze drei - eher kleine - Gaskraftwerksblöcke sind derzeit in Deutschland im Bau - gegenüber neun großen Kohlemeilern.

Sie sind billiger, solange von der viel beschworenen Gasschwemme in Mitteleuropa wenig zu spüren ist. In den USA haben neue Fördermethoden ein Überangebot hervorgebraucht, die Preise sich halbiert. Europa profitiert davon kaum, weil den Amerikanern Exporthäfen fehlen. Und auch Flüssiggaslieferant Katar ist in Europa noch nicht als Preisbrecher in Erscheinung getreten, zumal Umschlagsplätze für die Tanker erst im Aufbau sind. "Drastische Preissenkungen für Gas in Europa sind keineswegs sicher", sagt daher Statkraft-Mann Tzschoppe.

Ein Hindernis ist auch, dass die Notierungen für Kohlendioxid-Verschmutzungsrechte im Keller dümpeln. Erst wenn die Emissionen wieder teurer werden, kann Gas seine relative Umweltfreundlichkeit ausspielen.

Bürgerprotest gegen Gaskraftwerk

Bis dahin greifen Konzerne gern auf einen altbekannten, aber eher schmutzigen Brennstoff zurück: Kohle. RWE  ist sogar davon überzeugt, dass die billige Braunkohle an Bedeutung gewinnt und weiter hohe Gewinne liefert. Auch Vattenfall und die sachsen-anhaltinische Mibrag bauen neue Meiler, die sich je recht schnell herunter- und herauf fahren lassen - je nachdem wie viel Strom die Erneuerbaren gerade liefern.

Gaskraftverfechter wollen nun mit staatlichen Auktionen neue Meiler forcieren. Wer den geringsten Zuschuss verlangt, bekommt eine Förderung für Bau und Unterhalt. So verlangt es beispielsweise der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne).

Auch damit wäre allerdings noch keineswegs sicher, dass der Siegeszug der sauberen Gaskraftwerke beginnt. In Wustermark nahe Berlin haben Bürgerproteste gerade die Planung für ein 1200-Megawatt Projekt gestoppt.