Samstag, 23. November 2019

Euro-Rettung Deutschland an der Schmerzgrenze

Deutschland, Euro-Retter Nummer eins? Kanzlerin Merkel (l.) und Finanzminister Schäuble sind an der Grenze der Belastbarkeit angekommen

Angesichts der kräftigen Konjunktur hierzulande gilt Deutschland als Euro-Retter Nummer eins. Doch Vorsicht: Die Belastungen aus der Schuldenkrise sind bereits gewaltig und auch wirtschaftlich läuft längst nicht alles rund. Die Bundesrepublik ist an der Grenze des Tragbaren angekommen. 

Hamburg - Die Blicke Europas ruhen auf Deutschland. Spätestens seit der Herabstufung Frankreichs durch die Ratingagentur Standard & Poor's gibt es für viele nur noch ein Land, das in der Lage ist, den Euro-Karren aus dem Dreck zu ziehen: die Bundesrepublik. Die verschärfte Lage Griechenlands macht das dieser Tage besonders deutlich. Und auch demonstrierte Gemeinsamkeiten zwischen Franzosen und Deutschen, wie zuletzt beim Doppel-TV-Interview von Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Nicolas Sarkozy, können kaum darüber hinwegtäuschen.

Wie fasste die französische Zeitung "Le Monde" die Gründe, die die beiden Politiker zu dem kuriosen Auftritt mitten im französischen Präsidentschaftswahlkampf bewegt hatten, so pointiert zusammen? "Sarkozy, damit die Franzosen glauben, er führe, Merkel, damit Europa glaubt, sie führe nicht."

Tatsächlich spricht vieles für die Kraft der Bundesrepublik, bei der Lösung der europäischen Probleme voranzumarschieren. Das wirtschaftliche Potenzial etwa scheint gegeben, denn die viel beschworene Konjunkturschwäche fällt hierzulande wohl milder aus, als befürchtet.

Die meisten Ökonomen sagen für das laufende Jahr ein Wachstum von bis zu einem Prozent voraus, lediglich im ersten Halbjahr werde es eine Delle geben, heißt es. Optimisten gehen sogar noch über diese Prognose hinaus.

Erst am Dienstag wurden Auftragszahlen aus der Industrie gemeldet, die deutlich über den Erwartungen lagen. Und seit Wochen zeigen Indikatoren wie der Index vom Ifo-Institut eine steigende Stimmung in den Führungsetagen an.

"Deutschland als reicher Onkel, das ist Quatsch"

Die positive Entwicklung macht sich bereits im deutschen Staatshaushalt bemerkbar: So machte der Bund im vergangenen Jahr mit gut 17 Milliarden Euro deutlich weniger neue Schulden als geplant. Grund sind sprudelnde Steuereinahmen, geringere Ausgaben sowie die Möglichkeit, sich an den Finanzmärkten zu minimalen Zinssätzen Geld zu leihen. Vorläufiger Höhepunkt: Im Dezember 2011 stieg das Steueraufkommen von Bund und Ländern auf mehr als 70 Milliarden Euro, den höchsten Wert, der vom Fiskus in einem Monat je verzeichnet wurde.

Eine komfortable Situation also auf den ersten Blick. Doch Vorsicht: Experten warnen davor, in Deutschland den Zahlmeister Europas zu sehen, der am Ende alle offenen Rechnungen begleicht. Und sie haben dafür gute Gründe.

"Deutschland als reicher Onkel der Euro-Zone, das ist Unsinn", sagt etwa Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler von der Universität Hannover. "In Wahrheit steht die Bundesrepublik nicht so gut da, wie viele glauben."

Homburgs Argumente: Der starke Konjunkturaufschwung der vergangenen zwei Jahre werde von vielen überbewertet. Denn es werde außer acht gelassen, dass es in der Krise 2009 mit der deutschen Wirtschaft auch besonders rasant bergab ging. "De facto stehen wir derzeit ungefähr da, wo wir 2008 vor der Lehman-Pleite standen", sagt Homburg zu manager magazin Online. "Genau wie viele andere Euro-Länder auch."

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