Freitag, 18. Oktober 2019

Rückkehr der Elite Deutsche Wissenschaftler wollen heim

Verbesserte Bedingungen in Deutschland: Die Bundesrepublik wird für manche ausgewanderten Forscher attraktiver

In aller Stille kehrt sich ein jahrelanger Trend zu Deutschlands Gunsten: In den USA, dem beliebtesten Auswandererland für Deutschlands Forscher, hat eine Gegenbewegung in die alte Heimat eingesetzt. Mehr und mehr Spitzenleute kommen zurück - aus handfesten Motiven.

New York - Mit dem Stipendium erfüllte sich für Melanie Wurm ein Traum. Zwei Jahre dürfte die promovierte Veterinärmedizinerin in Seattle arbeiten, am Fred Hutchinson Cancer Research Center - eine Topadresse weltweit, mit besten Bedingungen für junge Spitzenforscher. Bleiben jedoch wollte die 33-Jährige nicht. Nach Ablauf der Zeit bewarb sie sich ausschließlich jenseits des Atlantik, der Vertrag mit einem deutschen Arbeitgeber ist so gut wie unterschrieben. "Ich bin keine Ausnahme", sagt Wurm. "Das Gros meiner deutschen Kollegen will zurück."

Freiwillig zurück nach Deutschland - das war noch vor 10, 15 Jahren für die Wissenschaftselite kaum denkbar. Wer es geschafft hatte, eine internationale Spitzenposition zu ergattern, der blieb im Ausland, wissend, dass er ähnlich gute Bedingungen in Deutschland nicht vorfinden würde. Der sogenannte "Brain Drain" machte Schlagzeilen: vom Schwund des intellektuellen Kapitals war die Rede, vom Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des Landes.

Doch nun hat sich, in aller Stille, der Trend umgekehrt: In den USA, dem beliebtesten Auswandererland, hat ein Exodus von Akademikern in die alte Heimat eingesetzt.

"Wenn man vor einigen Jahren das Thema Rückkehr ansprach, war die Standardreaktion: Was wollt ihr von uns? Ihr habt doch nichts zu bieten", sagt Irmintraud Jost, die in New York die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg vertritt. "Das hat sich ganz deutlich geändert." Auf einer jährlichen Veranstaltung für Rückkehrwillige des German Academic International Network (GAIN) fanden sich 2011 über 300 Wissenschaftler ein, dreimal so viel wie vor zehn Jahren.

Auch an anderer Stelle haben die USA zunehmend Probleme. Tausende Einwanderer arbeiten in den USA und sorgen zwar weiterhin für Wachstum. Doch hoch qualifizierte Kräfte drohen dem Land den Rücken zu kehren. Sie, die Einwanderer, die nicht aus Deutschland in die USA kamen, zieht es indes vor allem nach Asien.

Die hochverschuldeten USA haben weniger Mittel zur Verfügung

Das hat viel mit der Situation nach der Wirtschaftskrise zu tun. Sie sorgte für hohe Ertragseinbrüche bei den Stiftungsfonds, die in den USA die Finanzierung der privaten Hochschulen sichern. Die Folge: Budgetkürzungen. Selbst die berühmte Ivy League setzte den Rotstift an - Dartmouth in Hanover (Massachusetts) kürzte zum Beispiel ihren 700-Millionen-Dollar-Etat 2009 um mehr als 10 Prozent. An der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Yale wurde 2011 keine einzige Stelle neu besetzt.

Auch die öffentlichen Hochschulen sparen, weil der hochverschuldete Staat weniger Mittel zur Verfügung stellt. Immer häufiger passiert in Amerika das, was man bis heute deutschen Hochschulen vorwirft: Stellen für Jungakademiker werden, wenn überhaupt, befristet und ohne vorgezeichneten Karriereweg ("Tenure Track") ausgeschrieben.

Deutschland hingegen ist aufgewacht und wirbt aktiv um die Auslandselite. Sie ist begehrt, weil sie mit einem Zuwachs an fachlichem Wissen und kulturellem Verständnis ebenso wie mit internationalen Kontakten aufwarten kann. Auf 5400 Hochqualifizierte schätzt das Institute of International Education die Zahl der promovierten Deutschen an US-Hochschulen, hinzu kommen hunderte an privaten Forschungseinrichtungen und Labors. Auch in Unternehmen arbeiten Tausende potenzielle Rückkehrer.

In New York existiert ein engmaschiges Netz, um die ausgebüxten Akademiker wieder einzufangen. Verbindungsbüros einzelner Hochschulen, Ländervertreter und Repräsentanten von Forschungseinrichtungen belegen im Deutschen Haus in Manhattan, das auch das Generalkonsulat beherbergt, die komplette 15. Etage. Hinzu kommen Initiativen wie das vor zwei Jahren gegründete German Center for Research & Innovation (GCRI), das atlantikübergreifende Diskussionsforen organisiert.

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