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Wutbürger: Unternehmer für Stuttgart 21

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Stuttgart-21-Befürworter Stihl "Die Grünen verhindern den Fortschritt"

Wutbürger einmal anders: "Ausgesprochen böse" zeigt sich Unternehmer Hans Peter Stihl im Gespräch mit manager magazin wegen des jahrelangen Streits um Stuttgart 21. Der Tiefbahnhof müsse endlich gebaut werden. Das einstige Musterländle Baden-Württemberg vergraule Investoren.

mm: Herr Stihl, Sie setzen sich seit Beginn der ersten Planungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 ein. Ist das für Sie ein persönlicher Kampf?

Stihl: Ich bin der Überzeugung, dass wir in Stuttgart und Baden-Württemberg auf dieses Projekt dringend angewiesen sind. Meine Schwester ist vor 60 Jahren mit dem Zug nach München gefahren, um eine Dolmetscherschule zu besuchen. Sie hat damals die gleiche Zeit gebraucht, nämlich zwei Stunden und zehn Minuten, wie heute auch. In diesen 60 Jahren hat sich in der Verkehrsanbindung Richtung Süden nichts getan. Das ist ein dringender Bedarf, den wir so schnell wie möglich erfüllen müssen.

mm: Die zähe Auseinandersetzung um dieses Projekt hat den Begriff "Stuttgarter Verhältnisse" hervorgebracht. Sie sind seit Jahrzehnten in Tarifauseinandersetzungen und anderen Konflikten erfahren. Ist das für Sie eine neue Qualität?

Stihl: Ja, mich hat schon gewundert, mit welchem leidenschaftlichen Engagement die Gegner von Stuttgart 21 aufgetreten sind, wie militant sie geworden sind und wie wenig beeinflussbar durch seriöse Informationen. Wir haben eine Vielzahl von positiven Argumenten, die für dieses neue Projekt sprechen, die werden auch vom grünen Teil der Landesregierung schlicht und einfach negiert. Zum Teil durch unwahre Behauptungen wird versucht, den ganzen Fortschritt zu verhindern, sodass ich in der Tat ausgesprochen böse geworden bin, dass wir in Baden-Württemberg und speziell Stuttgart solche Verhältnisse haben.

mm: Eine andere Wortneuschöpfung im Zusammenhang mit Stuttgart 21 sind die "Wutbürger", weil sich den Protesten auch klassische Kreise des Bürgertums, Ingenieure, Bewohner der gutsituierten Halbhöhen hier in Stuttgart, angeschlossen haben. Ist ein Konsens, der für Baden-Württemberg typisch war, aufgebrochen?

Stihl: Den Eindruck kann man schon haben. Aber ich meine, dass wir eine solche Belastung des Verhältnisses zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen aushalten müssen, wenn wir erkennen können, dass die Vorteile derart stark überwiegen und darüber hinaus ein solches Vorhaben rechtlich in trockenen Tüchern ist. Da ist dann auch die Frage erlaubt, wie halten es denn diese so genannten Wutbürger mit der Rechtmäßigkeit von Genehmigungen? Die kann man ja nicht einfach, weil ein paar Leute auf der Straße demonstrieren, zurückholen.

"Der Ruf Baden-Württembergs ist schon beschädigt"

mm: Dennoch müsste die Frage nach der Wirtschaftlichkeit eines solchen Großprojekts gerade in Zeiten von Schuldenbremse und Euro-Krise doch auch den Unternehmen ein Anliegen sein.

Stihl: Natürlich haben wir ein großes Interesse daran, dass die Wirtschaftlichkeit gegeben ist, aber nach den ganzen vorliegenden ausführlichen Berechnungen der Bahn und der vorhergehenden Landesregierung können wir davon ausgehen, dass sich das Projekt langfristig lohnt.

mm: Im Moment erscheint es so, als sei Stuttgart 21 nicht mehr aufzuhalten: weder durch die Proteste, noch durch Gerichtsverfahren, noch durch die Kostensteigerung, noch wahrscheinlich durch die Volksabstimmung an diesem Sonntag. Warum gehen Sie jetzt noch einmal so vehement an die Öffentlichkeit?

Stihl: Weil wir der Meinung sind, dass vor allen Dingen die Landesregierung hier nicht mit offenen Karten spielt. Das geht schon aus der Formulierung für diese Volksabstimmung hervor. Normalerweise muss man mit Ja stimmen, wenn man sich für etwas einsetzt. Die Frage wurde dermaßen verquer gestellt, dass man jetzt mit Nein stimmen muss, wenn man erreichen will, dass dieses Projekt realisiert wird. Im Übrigen sei noch der Hinweis erlaubt, dass das ganze Vorhaben gerichtsfest genehmigt ist.

Die Planung läuft schon über 15 Jahre. Während dieser Zeit hatte jeder Bürger, der interessiert war, ausreichend Zeit, sich entsprechend zu informieren. Die Landesregierung hat keine Rückzugsmöglichkeit, ohne dass entsprechend Schadensersatz geleistet werden muss.

mm: Rechnen Sie damit, dass nach einem klaren Ergebnis am Sonntag Ruhe einkehrt?

Stihl: Ich bin in dieser Richtung leider pessimistisch. Ich glaube nicht, dass der grüne Teil der Landesregierung sich von dieser Negativhaltung verabschiedet, und ich sehe noch weitere Schwierigkeiten auf Stuttgart zukommen. Das ist natürlich für die Reputation dieser Stadt alles, nur kein Vorteil.

mm: Hat diese Auseinandersetzung darüber hinaus Folgen für den Ruf Baden-Württembergs, das ja nicht nur ein Land ist, sondern eine Marke - die Heimat der mittelständischen, exportorientierten deutschen Industrie?

Stihl: Ja, die Rufschädigung ist leider schon eingetreten. Einfach deswegen, weil sich inzwischen die ganze Bundesrepublik darüber wundert, mit welcher Intensität und welchem Engagement in Stuttgart über die Tieferlegung eines Bahnhofs gestritten wird. Besonders schlimm ist dabei, dass sich die ausländischen Investoren künftig dreimal überlegen werden, an unserem Standort in größere Infrastruktur- und Bauvorhaben investieren.

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