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Großschlachter Clemens Tönnies: Out of Ostwestfalen

Foto: Stefan Thomas Kroeger

Clemens Tönnies Deutschlands größter Schlachter mischt Schalke auf

Clemens Tönnies ist zum größten deutschen Schweineschlachter und mächtigsten Mann des Fußballklubs Schalke 04 aufgestiegen. Damit ist er hin- und hergerissen zwischen zwei ultraemotionalen Lebenswelten. Wie soll einer da ruhig bleiben?

Hamburg - Er hastet durch die Hallen, nimmt hier einen Vorderschinken vom Band, kramt dort marinierte Spareribs aus einer Kiste hervor. Sofort geht es weiter in ein riesiges Gemäuer, in dem Schweinehälften, Schulter an Schulter am Schlachterhaken hängend, durch die Tiefe des Raumes bugsiert werden, bei konstant zwei Grad Temperatur. "Meine Marzipanschweinchen", sagt Clemens Tönnies (55), "nirgendwo ein Tropfen Blut".

Der Mann ist in seinem Element. Ja, er erfreut sich der Szenerie aus Fleischteilen, Zerlegemaschinen und mundschutzbewehrten Ausbeinern, so wie es ein Schlachtenmaler oder Filmregisseur tun würde. "Das alles hat doch ein Gesicht, oder etwa nicht?" Fragt er und meint: Hier geht es nicht etwa um toxische Wertpapiere, Leerverkäufe oder dergleichen Hirngespinste, sondern um Handfestes, Urwüchsiges - das pralle Leben, post animalis mortem sozusagen.

Das hier ist sein Laden. Die Tönnies-Lebensmittelgruppe (4,3 Milliarden Euro Umsatz) aus dem ostwestfälischen Provinznest Rheda, an deren Spitze er seit dem Tod seines Bruders Bernd vor 17 Jahren steht. Die (momentan) bessere Hälfte seines Arbeitslebens. Die andere ist der schuldengeplagte Fußballklub Schalke 04 (mehr als 150 Millionen Euro Verbindlichkeiten), dessen Aufsichtsrat er anführt, was im Grunde bedeutet: Er sagt, wo es langgeht.

Fleisch und Fußball: Heimat für den Instinktmenschen

Fleisch und Fußball: In beiden Welten geht es ultraemotional zu, ist der Bauch als Entscheidungshilfe eine feste Größe - und deshalb findet sich der Instinktmensch Tönnies darin so gut zurecht.

Er sieht ein bisschen aus wie der junge Helmut Kohl: hohe Stirn, eine dunkel gerahmte Brille, die Haare zurückgekämmt. Eine kräftige Zahnreihe, die ein durchgebratenes "töftes Kotelett", wie man im Revier sagt, mühelos bewältigt.

Einer mit der gleichen Vorliebe fürs Deftige wie der große Pfälzer, mit dem gleichen Machtinstinkt und der gleichen Witterung für Ränke und Intrigen.

Skeptisch guckt er aus einem Ledersessel in der Schalke-Geschäftsstelle herüber, rechtes Bein auf linkem Knie, die Finger beider Hände aneinandergelegt - als schätze er das Schlachtgewicht eines Mastferkels. Bis sich dann der strenge Blick auflöst in einem kurzen Auflachen.

Mächtigster Mann auf Schalke

Clemens Tönnies entspricht dem Familienunternehmer "Homo ostwestfälicus" zu 100 Prozent. Bauernschlau und bodenständig, still und steinreich (geschätztes Vermögen: mehr als eine Milliarde Euro). Wie die Oetkers (Pudding), Mohns (Medien), Claasens (Trecker) und Webers (Mode), die allesamt in dieser fruchtbaren Gegend stiekum Werte schaffen. Ein erlesener Zirkel, dessen Mitglieder sich regelmäßig treffen und einander beistehen in schwerer Zeit.

Eingebettet in diese Stammesgemeinschaft, ist Tönnies zum größten Fleischunternehmer Deutschlands aufgestiegen. Und im Nebenberuf zum mächtigsten Mann bei Schalke 04.

Er hat das Metzgertum mit industrieller Fertigung revolutioniert. Er hat gerade erst einen spektakulären Mammutprozess überstanden. Er liefert Schweine nach China, produziert demnächst Schnitzel in Russland. Und er ist mit so schillernden Persönlichkeiten wie Wladimir Putin, Gerhard Schröder und (sic!) Uli Hoeneß, dem in Schalker Fanblöcken schlecht beleumundeten FC-Bayern-Präsidenten, gut bekannt.

Wie soll einer da ruhig bleiben? Und wie die Welt um ihn herum?

"Tönnies polarisiert wie kein Zweiter", sagt einer, der ihn seit Langem beobachtet. "50 Prozent können ihn nicht leiden, 50 Prozent mögen ihn." Die einen verspotten ihn als "Wurstheini" (Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer), halten ihn für gerissen, andere verehren ihn als "Kotelett-Kaiser" und charismatischen Unternehmer.

Mal Wurstheini, mal Kotelett-Kaiser

Die Eltern (zwei Söhne, vier Töchter) besaßen eine kleine Metzgerei. Nach seinem Gesellenjahr fand Sohn Bernd (damals 18), es sei Zeit, sich selbstständig zu machen; der kleine Bruder Clemens (15) nickte nur. 1971 gründeten die beiden die Tönnies Fleischwerke. Der Makrokosmos hatte sich verändert. Die Wurstfabriken, die früher selbst geschlachtet und das ganze Schwein verarbeitet hatten, spezialisierten sich. Der Lebensmittelhandel entdeckte die Selbstbedienung und die Vorteile der Konzentration.

Die Geschäftsidee der Tönnies-Brüder: Wir metzgern nicht mehr, sondern liefern standardisierte Fleischteile. Produziert wird an wenigen Standorten, mit hohem Maschineneinsatz und billigen Arbeitskräften aus Osteuropa.

Heute schlachtet Tönnies 15 Millionen Schweine pro Jahr, alle zwei Sekunden eines. Bauch, Beine, Po - alles wird verwertet und passgenau an 2000 Kunden weltweit geliefert: Edelschinken nach Spanien, Rippenstücke nach Kanada, Hackfleisch an den SB-Markt um die Ecke.

Selbst die Gewerkschaft NGG, die ihn ansonsten massiv kritisiert (Niedriglöhne, Mitarbeiterüberwachung), zollt Respekt. Vor dem unternehmerischen Erfolg, so der Fleischreferent Bernd Maiweg, müsse man "den Hut ziehen".

"Jedermanns Liebling ist jedermanns Narr"

Die Arbeitsteilung der Brüder sieht zunächst folgendermaßen aus: Bernd bestimmt, Clemens zieht mit. Als Bernd sich nicht an die Absprache hält, ihm mit 18 Jahren die Hälfte der Firma zu überschreiben, kommt es zum Krach. Clemens beginnt eine Ausbildung an der Fachschule für Lebensmitteltechnik im bayerischen Kulmbach, fährt ein Jahr lang nicht nach Rheda. Bis der Bruder plötzlich vor der Tür steht: "Komm' nach Hause, ich schaffe es nicht ohne dich."

Clemens bekommt Gesellschaftsanteile und fängt sofort an, seine Studienerkenntnisse umzusetzen. Die Firma hatte, ungewöhnlich genug, weiße Lkw bestellt. Tönnies kauft eine Waschstraße, die erste Großinvestition. Hygieneschleusen, Ultraschall, Packroboter - Bernd, der gern das Geld zusammenhält, trägt alles mit, weil Clemens es versteht, seine eigenen Ideen als die seines Bruders auszugeben. Als Bernd 1994 mit 42 Jahren stirbt, muss Clemens allein klarkommen. Das traut man ihm anfangs nicht zu. So erklärt sich sein unbändiger Ehrgeiz, sich zu beweisen, das stete Ringen um Anerkennung.

Die Konkurrenz, überwiegend genossenschaftlich organisiert, betrachtet den aufstrebenden Privatunternehmer - den Fielmann  der Fleischer - mit Argwohn. Stellvertretend für die ungeliebte Branche bekommt er Prügel ab - und teilt aus, emotional und spontan.

Als er in einer Diskussionsrunde von dem Plan erfährt, in der Rathauskantine zu Münster einen "Veggie Day" pro Woche einzurichten, zeigt er den Verantwortlichen einen Vogel.

Kein Metzger der Herzen

Nein, zum Metzger der Herzen wird er es kaum bringen. Will er auch gar nicht: "Jedermanns Liebling ist jedermanns Narr", sagt er. Er verfährt eher nach der Devise: All you can beat. Hat keine Angst vor großen Tieren. Er schießt Großwild am Sambesi, besitzt eine eigene Jagd auf dem Darß und kann zu seinen Trophäen Zwölfender zählen wie Rudi Assauer und Felix Magath, die er beide nach intensiven Machtkämpfen als Schalke-Anführer feuerte, wider die herrschende Fan-Meinung. Bei einem Auswärtsspiel in Bielefeld spuckten ihn Schalke-Ultras an - er stand für Handgreiflichkeiten durchaus zur Verfügung. "Fracksausen", sagt er, habe er "noch nie gekannt".

Nachtragend sei er, sagen Tönnies-Vertraute; im Vergleich zu ihm hätten Elefanten ein Kurzzeitgedächtnis. "Wer ihm das Gefühl gibt, gegen ihn zu sein, der hat es dauerhaft schwer", sagt ein Geschäftspartner. Ehrlich, offen und vor allem loyal müssten Mitarbeiter sein, sonst bekämen sie ein Problem mit ihm.

Wenn er sich einmal festgebissen hat, lässt er nicht locker. "Dann wird marschiert", ist sein Standardspruch in solchen Fällen. Lernschwachen Lehrlingen finanzierte die Firma einst Nachhilfe, am freien Samstag. Von Stunde zu Stunde lichteten sich die Reihen. Da klingelte er persönlich bei den Eltern: Tach, er wolle den Sohn abholen. Ach, dem gehe es nicht gut, gab die Mutter zurück - er kam schließlich doch mit. Von 35 Auszubildenden habe man am Ende 33 "durchgebracht", sagt Tönnies, immer noch stolz auf seine Beharrlichkeit.

Die Geradlinigkeit und Dynamik zeigt sich auch im Sprachverhalten. Er sucht stets den direkten Weg durchs rhetorische Mittelfeld. Und wenn die Begriffe nicht rasch genug nachrücken, entfährt ihm auch schon mal ein knappes "Pfft", um eine rasante Vorwärtsentwicklung bündig zusammenzufassen. Aufzählungen schiebt er gern ein "undundund" hinterher. Zwischen zwei Episoden, wohl ein Reflex aus Metzgereitagen, schlägt er - klatsch - schnell mal eine Fliege tot.

"Ich hasse Leute, die sich vor der Verantwortung drücken"

Er hasst Formalien, wirkt auf Mitgliederversammlungen von Schalke 04, die er als Aufsichtsratschef leiten muss, gehemmt. Probleme löst er lieber bilateral, im Duell Mann gegen Mann.

Lange Zeit war alles auf ihn allein zugeschnitten in seinem Unternehmen. Doch die Firma entwickelte sich zu schnell. Und die Mast ist ja nicht zu Ende. Den mittelständischen Schweineschlachter Tummel aus Schöppingen will er kaufen, das Kartellamt hat den Deal vorerst gestoppt. Die norddeutsche Würstchengruppe Zur Mühlen (Böklunder, Redlefsen) will er komplett übernehmen, über ein Joint Venture in China wird demnächst entschieden. Dann, sagt Tönnies, "haben wir unsere Größe gefunden"; fortan wolle er nur noch organisch wachsen.

Die Zentrale in Rheda platzt aus den Nähten wie eine zu eng gewickelte Mettwurst. Für 20 Millionen Euro lässt er ein gigantisches Eingangsgebäude bauen, unter anderem mit Umkleidekabinen für 5500 Arbeiter. Eine Holding ("Tönnies Lebensmittel") überdacht neuerdings die drei Unternehmensbereiche Fleisch, Convenience und Beiprodukte (Blutplasma, Heparine). Er delegiert mehr als früher, hat die Verantwortung auf mehrere Schultern und Nacken verteilt: "Es darf nicht alles an einer Person hängen."

Ein fünfköpfiger Vorstand, den er vor Jahren gegründet hat, steuert die Geschäfte. 50 Prozent der Gesellschaftsanteile besitzt er selbst, je ein Viertel gehört seinen Neffen Robert und Clemens. Seine Nachfolge hat er qua Satzung so geregelt: keine Stammplatzgarantie für einen Tönnies; der Beste - das kann auch ein Familienfremder sein - soll es werden. Den Spruch "Blut ist dicker als Wasser" hält er ohnehin für "Quatsch" - ein Fleischexperte wie er verfügt da über gewisses Know-how.

Sein Sohn Max studiert derzeit BWL, macht zusätzlich eine Ausbildung in Vertrieb und Marketing. Strebt er in die Unternehmensführung? "Ob er will, spielt keine Rolle", sagt Clemens Tönnies, "entscheidend ist, ob er es kann."

Auch in seine Rolle als Schalke-Funktionär ist er hineingewachsen. Auf dem Sterbebett nahm ihm sein Bruder, der damals Präsident war, das Versprechen ab, sich um den Verein zu kümmern. Jetzt ist Fleisch seine Kernkompetenz - und Schalke sein Gemüse.

Die Parallelen sind unverkennbar, Tönnies kann mentale Synergien nutzen. Hier wie dort geht es nicht zimperlich zu, in dieser Disziplin kennt er sich aus.

Britischen Finanzinvestor abgegrätscht: "Du gehst jetzt nach Hause"

Als der britische Finanzinvestor Stephen Schechter, der den Verein mit einer lang laufenden 85-Millionen-Anleihe versorgt hatte, Einfluss bei Schalke reklamierte - manche sprachen von einer feindlichen Übernahme -, sorgte Tönnies dafür, dass die Anleihe vorzeitig abgelöst wurde: "Du gehst jetzt nach Hause, Stephen."

Sind Sie ein harter Knochen, Herr Tönnies? "Ja, wenn ich weiß, dass ich im Recht bin." Aber er hält sich zugute, noch nie jemanden wortlos entlassen zu haben. Die erste Besprechung sieht so aus: "Wir wollen festlegen, wie du dich änderst." Die zweite: "Warum ist immer noch nichts passiert?" Der dritte Termin ist dann der letzte - und sehr kurz.

Er weiß ja: Alles hat seinen Preis, man bekommt nichts geschenkt. Wer Fleisch essen will, muss sich auch mit der Vorstellung anfreunden, dass zuvor eine Kreatur vom Leben zum Tod befördert wurde. Und wer als Schuldenstaat von der EU Geld haben möchte ("Kohle", sagt Tönnies), der müsse natürlich etwas dafür tun: "Ich hasse Leute, die sich vor der Verantwortung drücken."

Gott sei Dank, es brummt nicht mehr bei ihm. Der Tinnitus ist weg. Exakt seit dem 17. August. An jenem Tag ging der Strafprozess zu Ende; die Ermittlungen hatten ihn und seine Firma drei Jahre lang in Atem gehalten. Ausgangspunkt war eine anonyme Anzeige. Zig Delikte hatte man ihm zu Beginn vorgehalten: Steuervergehen, Subventionsbetrug, Schmiergeldzahlungen. Übrig blieb der Vorwurf, Hackfleisch fehlerhaft etikettiert zu haben; das Verfahren wurde gegen Geldauflagen (insgesamt 2,9 Millionen Euro) eingestellt.

Clemens Tönnies wähnt die Konkurrenz hinter der Aktion. Wittert die große Intrige, die große Sauerei. Der niederländische Wettbewerber Vion (8,9 Milliarden Euro Umsatz) habe ihn ja schon einmal kaufen wollen, was er barsch abgelehnt hat. Danach, vermutet Tönnies, "wollten die mich fertigmachen".

Während der Ermittlungen traf er einen Vion-Vorstand zufällig in der Münchener Allianz-Arena und stellte ihn zur Rede: "Du warst das, du steckst dahinter!" Der habe, behauptet Tönnies, die Sache dann sogar kleinlaut zugegeben. Vion möchte dieses Thema nicht kommentieren.

Wie auch immer: Wer ihm Böses wolle, müsse eben damit rechnen, "dass CT durch die Türe kommt". Sagt CT, wie er in der Firma genannt wird.

Beim schnellen Rundgang durch die Fabrik ist er in eine Sackgasse geraten, kein Durchkommen zwischen all den Fleischteilen. "Hier geht's lang", sagt er schließlich, biegt zwei Schweinehälften auseinander - der Weg ist frei.

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