Gesundheitsreport Bürger fürchten Pflegenotstand

Die Mehrzahl der Bundesbürger ist mit den Leistungen des Gesundheitssystems zufrieden. Doch der Blick in die Zukunft fällt düster aus: Die große Mehrheit fürchtet den Pflegenotstand, Einschnitte bei Leistungen und steigende finanzielle Belastungen, wie der MLP-Gesundheitsreport ergab.
Seniorenheim in Frankfurt: Jeder zweite glaubt, im Pflegefall finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein

Seniorenheim in Frankfurt: Jeder zweite glaubt, im Pflegefall finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Steigende Prämien, Zusatzbeiträge , mehr Zuzahlungen - gesetzlich Krankenversicherte hatten in den vergangenen Jahren viel Grund zur Unzufriedenheit. Doch tatsächlich zeigen sich immer mehr Bürger mit der Qualität des Gesundheitssystems und dem Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland zufrieden.

Äußerten sich im Jahr 2008 lediglich 59 Prozent der Deutschen positiv über das Gesundheitssystem, kletterte ihr Anteil seit 2008 kontinuierlich und in diesem Jahr auf zuletzt 72 Prozent. Auch fühlen sich jetzt mit 64 Prozent deutlich mehr gesetzliche Versicherte im Krankheitsfall ausreichend und gut abgesichert als noch vor drei Jahren (56 Prozent).

Das ist wohl die überraschendste Erkenntnis des "MLP Gesundheitsreport", den der Finanzdienstleister am Mittwoch zusammen mit der Bundesärztekammer vorgestellt hat. Für die repräsentative Studie befragte das Allensbach-Institut rund 1800 Bürger und mehr als 500 Ärzte.

Doch wie begründet sich die scheinbar gestiegene Zufriedenheit mit dem Status Quo? "Ein Grund könnte sein, dass weite Teile der Versicherten in den letzten Jahren keine zusätzlichen Leistungskürzungen mehr haben hinnehmen müssen", bemüht sich MLP-Sprecher Frank Heinemann um einen Erklärungsversuch. Der sticht nicht wirklich, und der Report liefert auch kein überzeugendes Argument.

Drei von vier Bürgern trauen der Pflegeversicherung nicht

Also alles in Ordnung im deutschen Gesundheitssystem? Man könnte meinen ja, äußerten sich Ärzte und Bürger nicht ebenso überraschend pessimistisch für Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. So fürchtet die Mehrheit zum Beispiel einen regelrechten Pflegenotstand in Deutschland, zunehmende Einschnitte bei den Leistungen und steigende finanzielle Belastungen (80 Prozent). Letztere lehnen sie aber rundweg ab und plädieren etwa dafür (67 Prozent), dass jene höhere Kassenbeiträge zahlen sollen, die durch ihr Verhalten ein höheres Gesundheitsrisiko aufweisen.

Dass im deutschen Gesundheitssystem sich die Lage wieder verschärfen könnte - dafür gibt es schon jetzt Anzeichen. So musste laut Umfrage in diesem Jahr bereits jeder dritte Arzt aus Kostengründen schon einmal oder mehrfach auf Behandlungen ganz verzichten und jeder zweite Mediziner Behandlungen zumindest verschieben, die aus medizinischer Sicht jedoch angeraten gewesen wären.

Folgt man der Studie, sorgen sich die Deutschen auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung vor allem um eine gute Versorgung und finanzielle Absicherung im Pflegefall. Jeder zweite glaubt, im Pflegefall finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein. Und drei Viertel der Bürger fürchten mittlerweile, dass die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung im Ernstfall für eine gute Pflege nicht ausreichen werden.

Ärzte in Deutschland werden knapp

Derzeit sind etwa 2,34 Millionen Bürger pflegebedürftig, ihre Zahl dürfte sich angesichts der demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln, sagen vorsichtige Schätzungen voraus. Auch vor diesem Hintergrund hatte die Bundesregierung zuletzt den Einstieg in kapitalgedeckte Pflegeversicherung beschlossen, von einer allgemeinen Verpflichtung dazu aber Abstand genommen.

Zwangslösungen sind nie sonderlich populär. Aber klar ist, dass die Pflegekosten in Zukunft stark ansteigen und ihre Finanzierung zum Problem werden wird. Möglicherweise hat die Politik hier eine große Chance verspielt, zumindest eine Baustelle nachhaltig zu schließen. Denn vor die Wahl gestellt, würden mittlerweile 43 Prozent der Bürger einer verpflichtenden Pflegezusatzversicherung gegenüber einer allgemeinen Beitragserhöhung eindeutig den Vorrang einräumen.

Die Bereitschaft dagegen, sich für den Pflegefall freiwillig zusätzlich abzusichern, ist noch gering ausgeprägt: Insgesamt gerade mal 1,7 Millionen solcher Policen verkaufte die Branche bis Ende 2010.

Der jetzt eingeschlagene Weg in der Pflegeversicherung sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, er reiche aber nicht aus. "Auch die Bürger hätten eine Pflegereform unterstützt, mit der die Herausforderungen an der Wurzel gepackt werden", kommentiert MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg das Ergebnis des Reports.

Grund zur Sorge - vor allem aus Sicht der Mediziner - bereite auch der zunehmende Ärztemangel. Beklagten im vergangenen Jahr lediglich 46 Prozent der Mediziner bundesweit einen Ärztemangel, sind es mittlerweile 65 Prozent. Weitere 23 Prozent rechnen damit, dass es künftig in Deutschland an Medizinern fehlen wird.

Die Studie offenbart hier ein starkes Ost-West-Gefälle: In Ostdeutschland sprechen 69 Prozent der Mediziner von einem Ärztemangel in ihrer Region, im Westen sind es 47 Prozent. In der Bevölkerung selbst scheint dagegen das Problem noch weniger bewusst zu sein. Lediglich 13 Prozent der Bevölkerung klagen über einen Ärztemangel in ihrer Region, rund jeder fünfte Bundesbürger rechnet aber damit.

Mehr lesen über