Freitag, 5. Juni 2020

Gesundheitsreport Bürger fürchten Pflegenotstand

Seniorenheim in Frankfurt: Jeder zweite glaubt, im Pflegefall finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein

Die Mehrzahl der Bundesbürger ist mit den Leistungen des Gesundheitssystems zufrieden. Doch der Blick in die Zukunft fällt düster aus: Die große Mehrheit fürchtet den Pflegenotstand, Einschnitte bei Leistungen und steigende finanzielle Belastungen, wie der MLP-Gesundheitsreport ergab.

Hamburg - Steigende Prämien, Zusatzbeiträge , mehr Zuzahlungen - gesetzlich Krankenversicherte hatten in den vergangenen Jahren viel Grund zur Unzufriedenheit. Doch tatsächlich zeigen sich immer mehr Bürger mit der Qualität des Gesundheitssystems und dem Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland zufrieden.

Äußerten sich im Jahr 2008 lediglich 59 Prozent der Deutschen positiv über das Gesundheitssystem, kletterte ihr Anteil seit 2008 kontinuierlich und in diesem Jahr auf zuletzt 72 Prozent. Auch fühlen sich jetzt mit 64 Prozent deutlich mehr gesetzliche Versicherte im Krankheitsfall ausreichend und gut abgesichert als noch vor drei Jahren (56 Prozent).

Das ist wohl die überraschendste Erkenntnis des "MLP Gesundheitsreport", den der Finanzdienstleister am Mittwoch zusammen mit der Bundesärztekammer vorgestellt hat. Für die repräsentative Studie befragte das Allensbach-Institut rund 1800 Bürger und mehr als 500 Ärzte.

Doch wie begründet sich die scheinbar gestiegene Zufriedenheit mit dem Status Quo? "Ein Grund könnte sein, dass weite Teile der Versicherten in den letzten Jahren keine zusätzlichen Leistungskürzungen mehr haben hinnehmen müssen", bemüht sich MLP-Sprecher Frank Heinemann um einen Erklärungsversuch. Der sticht nicht wirklich, und der Report liefert auch kein überzeugendes Argument.

Drei von vier Bürgern trauen der Pflegeversicherung nicht

Also alles in Ordnung im deutschen Gesundheitssystem? Man könnte meinen ja, äußerten sich Ärzte und Bürger nicht ebenso überraschend pessimistisch für Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. So fürchtet die Mehrheit zum Beispiel einen regelrechten Pflegenotstand in Deutschland, zunehmende Einschnitte bei den Leistungen und steigende finanzielle Belastungen (80 Prozent). Letztere lehnen sie aber rundweg ab und plädieren etwa dafür (67 Prozent), dass jene höhere Kassenbeiträge zahlen sollen, die durch ihr Verhalten ein höheres Gesundheitsrisiko aufweisen.

Dass im deutschen Gesundheitssystem sich die Lage wieder verschärfen könnte - dafür gibt es schon jetzt Anzeichen. So musste laut Umfrage in diesem Jahr bereits jeder dritte Arzt aus Kostengründen schon einmal oder mehrfach auf Behandlungen ganz verzichten und jeder zweite Mediziner Behandlungen zumindest verschieben, die aus medizinischer Sicht jedoch angeraten gewesen wären.

Folgt man der Studie, sorgen sich die Deutschen auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung vor allem um eine gute Versorgung und finanzielle Absicherung im Pflegefall. Jeder zweite glaubt, im Pflegefall finanziell nicht ausreichend abgesichert zu sein. Und drei Viertel der Bürger fürchten mittlerweile, dass die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung im Ernstfall für eine gute Pflege nicht ausreichen werden.

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