Samstag, 21. September 2019

Hans-Werner Sinn Der Mann, der Deutschland retten will

Professor für Provokation: Hans-Werner Sinn eckt an, um gehört zu werden

Wird er heute auf einem Symposium zur Energiewende in München tatsächlich über Energiepolitik reden? Eigentlich treibt Professor Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts, derzeit nur eines um: die europäische Zahlungsbilanzkrise.

München - Er ist der mit den Target-Salden. Beharrlich erklärt der Ökonom Hans-Werner Sinn landauf landab diese Salden-Mechanik zwischen den europäischen Notenbanken, die (vielleicht unnötig kompliziert) beschreibt, wie die Europäische Zentralbank (EZB) die Defizite der europäischen Peripheriestaaten finanziert.

Deutlich wie wenige kritisiert der Professor, dass die einst so unabhängige EZB zur Partei geworden ist, dass sie für Fiskalpolitik schließlich gar kein Mandat hat, dass Europa an den Summen zerbrechen wird, die hier im Spiel sind.

Sinn zitiert die griechische Tragödie, bei der es drei Möglichkeiten gibt, die alle schrecklich enden: Fortdauernde Hilfsprogramme etwa für Griechenland vertagen und verschlimmern nur das Problem; eine interne Abwertung (Senkung aller Löhne und Preise um 20 bis 30 Prozent) ist nicht realistisch; da bleibt wohl nur der Austritt aus dem Euro.

Dabei bejubelte Sinn eben noch den explodierenden deutschen Aufschwung, ausgelöst durch Kapital im Überfluss, das einen Baumboom und eine Investitionskonjunktur ermöglichte, die uns Deutsche für die nächsten zehn Jahre beglücken dürften. Allerdings nur, wenn wir unsere gute Bonität nicht weiter an andere Länder verschenken.

Ein Ökonom auf allen Kanälen

"Ist Deutschland noch zu retten?" Diese Frage hat der Professor schon oft gestellt und gleich beantwortet, auf ungezählten Podien, stets im Dreiteiler, die Arme über Bauch mit Weste verschränkt, den lichten Kopf mit weißem Backenbart kühn zurückgelegt. Ob in Talk-Runden oder in den Spätnachrichten - er erklärt dem Volk die Wirtschaft, die bei dem Westfalen wie Würtschaft klingt.

Die Bücher des gelernten Finanzwissenschaftlers, obwohl durchaus anspruchsvoll, sind so provozierend plakativ und prägnant formuliert, dass sie tatsächlich in großer Zahl gekauft und gelesen werden. Und wenn er wieder ein Thema für sich entdeckt hat, die aktivierende Sozialhilfe, die Basar-Ökonomie, eine illusionsfreie Klimapolitik oder eben jetzt die Target-Salden, dann überzieht er damit die Republik. Er ist ein Ökonom auf allen Kanälen.

Die einen halten ihn für Deutschlands bestem Wirtschaftsprofessor, die anderen nennen ihn ironisch "Hans-Werner von Sinnen" und belächeln seine Thesen als zu platt. Aber das ficht Sinn nicht an. "Ich will Deutschland retten", sagte er vor Jahren und will es offenbar immer noch, ganz Deutscher, ganz Patriot.

Mit Ressortforschung für dieses oder jenes Ministerium, meint er, erreiche man da nicht sehr viel. Man müsse dem Volk ökonomische Sachverhalte zur Kenntnis bringen, den Weg bereiten, den Druck erhöhen. Denn: "Politiker wagen es nicht, das Richtige zu tun." Deshalb sucht Sinn die Medien.

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