Elektromobilität Deutschland erlaubt sich das Hinterhertraben

Die Bundesregierung will die Elektromobilität fördern. Doch im internationalen Vergleich wirken die Maßnahmen hilflos, Deutschland bleibt hinter anderen Staaten zurück. Erst in geraumer Zeit fließen ansehnliche Beträge. Kurioserweise könnte genau das den deutschen Herstellern zugute kommen.
Von André Schmidt-Carré
Elektroauto an einer Ladestadion: Förderung der E-Mobilität in Deutschland im internationalen Vergleich noch gering

Elektroauto an einer Ladestadion: Förderung der E-Mobilität in Deutschland im internationalen Vergleich noch gering

Foto: Federico Gambarini/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Ist das die andere Welt? Im norwegischen Oslo gehören Elektroautos schon zum Alltag. Auf kostenlosen Parkplätzen mit Ladesäule tanken sie ihre Akkus auf, Pendler sparen dank Nutzung der Busspuren in der eng bebauten Hauptstadt jeden Tag kostbare Zeit, sogar Taxifahrer schwören zunehmend aufs Elektroauto. Ausgerechnet das erdölreiche Norwegen fördert die Elektromobilität als Zukunftstechnologie. Auch Deutschland ist ganz vorn mit dabei - allerdings nur auf dem Papier.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll das Mutterland des Autos der Leitmarkt für Elektromobilität werden, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wünscht sich bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf heimischen Straßen. Das jüngste Förderprogramm zur E-Mobilität der Bundesregierung soll dabei helfen: Zusätzlich zu den bislang 500 Millionen Euro steckt sie bis 2013 eine weitere Milliarde Euro in Forschung und Entwicklung. Außerdem soll die für teure Elektroautos ungünstige Ein-Prozent-Regel bei der Besteuerung von privat genutzten Firmenwagen kompensiert werden, zudem sollen Sonderabschreibungen auf gewerblich genutzte E-Autos möglich sein. Das Problem: Während die Bundesregierung den Leitmarkt noch plant, sind E-Autos in Städten wie Oslo bereits Alltag. "Deutschland ist bislang zu zaghaft", sagt Matthias Bentenrieder, Autoexperte bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman.

Immerhin sieht das Maßnahmepaket vor, dass Städte und Gemeinden in Deutschland E-Autos künftig Privilegien einräumen dürfen. Etwa mit kostenlosen Sonderparkplätzen und der Benutzung von Busspuren. "Emissionsfreie Autos sind gut für Städte und Gemeinden", begründet Uwe Zimmermann, Verkehrsexperte beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. "Deshalb halten wir solche Regelungen für sinnvoll."

Offen ist allerdings, wann sie denn kommen. Ein erster Gesetzesentwurf auf Bundesebene dürfte frühestens nach der Sommerpause vorliegen. "Bislang sind das vor allem Politikersprüche", schimpft dann auch Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen. Zumal es am Ende jeder Kommune überlassen bleibt, ob und welche Vorrechte sie E-Autos konkret einräumt.

Japan erstattet bis zu 40 Prozent

Experten sehen einen weiteren Nachteil des Regierungsprogramms: Im internationalen Vergleich gibt es keine direkten finanziellen Anreize für E-Auto-Käufer. "Das wäre aber wichtig", sagt Berater Bentenrieder. Viele Auto-Nationen fördern den Kauf von Elektroautos massiv: Frankreich buttert bei jedem Kauf 5000 Euro zu, England bis zu 5800 Euro, die USA bis zu 4300 Euro, China bis zu 6800 Euro, Japan erstattet sogar bis zu 40 Prozent des Kaufpreises.

Auch die Liebe der Norweger zum E-Auto hat handfeste finanzielle Gründe. Der norwegische Staat erlässt beim Kauf die ansonsten fällige Pkw-Luxussteuer samt Mehrwertsteuer, unterm Strich kosten E-Autos auf diese Weise nicht mehr als herkömmliche Pkw.

Hierzulande ist man davon weit entfernt: Mitsubishis i-Miev steht derzeit mit 34.990 Euro in der Preisliste und es ist kein Zuschuss Sicht - viel Geld für einen Kleinwagen mit 67 PS und 150 Kilometer Reichweite. "Wenn man davon ausgeht, dass Elektroautos die Umwelt schonen, ist eine Kaufförderung auch marktkonform", sagt Bentenrieder. Auch die Opposition fordert eine Kaufförderung, Grünen-Fraktionschef Trittin hält 5000 Euro für angemessen.

Die Bundesregierung sieht das anders, Verkehrsminister Peter Ramsauer etwa lehnt Kaufprämien rundweg ab - man wolle in Zeiten knapper Kassen in keinen Subventionswettlauf eintreten. Auch die Nationale Plattform Elektromobilität, ein Beratergremium der Regierung aus Industrie und Wissenschaft, sieht Kaufprämien kritisch. Und schlägt stattdessen andere Vergünstigungen vor, bei der Besteuerung und im innerstädtischen Verkehr.

Unternehmen warten auf Forschungsmilliarden

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) findet für solche Vorschläge wohlwollende Worte. "Die Maßnahmen, die die Politik in ihrem Programm vorschlägt, sind wichtige erste Schritte in die richtige Richtung", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Schließlich bedeuten die Vorschläge immerhin einen Ausbau der bisherigen Hilfen. Und könnten gleichzeitig der Einstieg ein eine weitere Förderung sein. Denn die Maßnahmen sollen jährlich auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden. Und wenn die angestrebte Zahl von einer Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen bis 2020 in weite Ferne rückt, könnte sogar die Kaufprämie wieder auf den Tisch kommen.

Experten halten es für möglich, dass das Timing kein Zufall ist - schließlich bringen die deutschen Autobauer ihre Modelle erst noch auf den Markt. Mercedes etwa plant die Serienproduktion des E-Smart für 2012, BMW will 2013 mit dem ersten Modell seiner neuen E-Auto-Marke "BMW i" starten. Der deutsche Markt wäre dann zwar nicht unbedingt ein Leitmarkt, aber immerhin mit einheimischen Modellen bestückt.

Im internationalen Vergleich scheinen die Anstrengungen bislang jedenfalls überschaubar, vor allem China hat die Elektromobilität als einen der Zukunftsmärkte schlechthin entdeckt. Bis 2020 sollen 2,7 Millionen E-Mobile auf den Straßen rollen. Und dafür greift Peking tief in die Tasche: In den kommenden fünf Jahren will die Regierung umgerechnet rund elf Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung rund um Hybrid- und Elektroautos locker machen. "China gibt richtig Gas", sagt Unternehmensberater Bentenrieder.

China hofft auf das große Geschäft

Für das Land ist die E-Mobilität in mehrfacher Hinsicht interessant: Die lokal emissionsfreien Autos könnten viele Millionenstädte von ihrem Abgasdunst befreien. "Außerdem hofft China auf das große Geschäft mit E-Autos, weil der technologische Rückstand gegenüber den etablierten Autobaunationen geringer ist als bei Autos mit klassischem Verbrennungsmotor", sagt Bentenrieder. Und im fernen Osten könnte es dann auch mit der praktischen Umsetzung ganz schnell gehen.

Beispiel Peking: Die Hauptstadt-Oberen hatten erst Ende vergangenen Jahres angekündigt, 2011 die Neuzulassungen von Autos massiv zu beschränken, um das tägliche Verkehrschaos auf Pekings Straßen nicht weiter zu verschlimmern. Seit Januar müssen Autobesitzer ihr neues Kennzeichen per Lotterielos gewinnen, bevor sie sich in den Stau stellen dürfen. Experten halten es nur noch für eine Frage der Zeit, bis die ersten chinesischen Städte ausschließlich Elektroautos reinlassen.

In Deutschland warten die Unternehmen derweil auf die zugesagte Forschungsmilliarde. "Ich bin sehr gespannt, wann die ersten Gelder aus der Förderung fließen", sagt Auto-Wirtschaftsforscher Dudenhöffer.

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