Donnerstag, 14. November 2019

Mythos Schwerarbeit Deutschland ist Europas Freizeitpark

Dividenden im Jahr 2013: Xxxx
dpa

Diese Zahlen bekommen deutsche Arbeitnehmer nicht gerne unter die Nase gerieben: Frauen und Männer arbeiten hierzulande im Schnitt weniger als in Südeuropa und gehen früher in Rente. Deutschlands Wirtschaftskraft liegt nach Expertenmeinung deshalb in den Produkten der hiesigen Unternehmen.

Hamburg - Das mögen weder Deutschlands Gewerkschaften, die hiesigen Arbeitnehmer, noch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hören: In der Bundesrepublik wird nicht etwa mehr gearbeitet, als in den wirtschaftlich angeschlagenen Staaten wie beispielsweise in Griechenland, Portugal oder Spanien. Im Gegenteil, die Arbeitszeit in Deutschland ist nach Statistiken internationaler Organisationen im Schnitt so niedrig, wie in kaum einem anderen führenden Industriestaat. Das haben französische Banker jetzt erneut ausgerechnet.

Laut der Natixis-Bank, deren Experten sich in erster Linie auf Zahlen des Statistikamts Eurostat und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) beziehen, beträgt die jährliche Arbeitszeit eines Deutschen im Durchschnitt 1390 Stunden. Ein Grieche arbeitet demnach durchschnittlich 2119 Stunden im Jahr, ein Italiener 1773 Stunden, ein Portugiese 1719, ein Spanier 1654 und ein Franzose 1554 Stunden. Damit widerlegen die Banker die Kritik von Bundeskanzlerin Merkel an der Arbeitsmoral in den krisengeschüttelten südlichen Euro-Ländern, obwohl immer mehr Menschen in Deutschland 50-Stunden-Wochen leisten. Der Schnitt liegt offenbar weitherin unter dem Durchschnitt der Staaten der Europäischen Union - und das gewaltig.

Immerhin: Laut der Bank-Studie entspricht die Produktivität eines deutschen Arbeiters "dem Durchschnitt der südlichen Länder". Und die Arbeitsproduktivität liege nach Stunden gemessen über dem Durchschnitt einiger Staaten, sei jedoch nicht höher als beispielsweise in Frankreich und Griechenland.

Auch bei der Rente liege Merkel mit ihrer Kritik nicht richtig, heißt es in der Studie weiter. Demnach scheiden die Deutschen derzeit im Durchschnitt mit 62,2 Jahren aus dem Erwerbsleben, die Portugiesen mit 62,6 und die Spanier mit 62,3 Jahren. Griechenland liege derzeit mit 61,5 Jahren zwar noch knapp darunter, doch steuere Athen mit der im Frühjahr 2010 beschlossenen Rentenanhebung bereits dagegen.

"Die Deutschen arbeiten viel weniger als die Südeuropäer. Sie arbeiten auch nicht intensiver", zieht der Autor der Studie, Natixis-Chefökonom Patrick Artus, das Fazit. Nach seinen Worten zielt Merkel mit ihrer Kritik an den "wahren Problemen" der notleidenden südlichen Euro-Staaten vorbei.

Deutschlands starke Wirtschaftsleistung liege vielmehr an den Innovations- und Spezialisierungsbemühungen seiner Spitzen-Industrien, den hohen Sparleistungen des privaten Sektors sowie an seinen gut ausgebildeten Arbeitskräften.

Merkel hatte Mitte Mai die nach ihrer Ansicht großzügigen Urlaubs- und Rentenregelungen der südeuropäischen Länder kritisiert und gesagt, dass sich die Euro-Krise nur dann lösen lasse, wenn sich alle "ein wenig gleich anstrengen".

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