Mittwoch, 13. November 2019

Darmkeime Ehec setzt seinen Seuchenzug fort

Ehec-Bakterien: Mediziner testen experimentelle Therapie
DPA

Mindestens 17 Menschen sind bis Donnerstag allein in Deutschland an der gefährlichen Ehec-Darminfektion gestorben. Der Keim könnte aus einer Kreuzung zweier Bakterienstämme entstanden sein, heißt es. Derweil verhängen immer mehr Länder einen Importstopp für Gemüse aus Europa.

Hamburg/Berlin/London - Die Ursache für die dramatischen Ehec-Erkrankungen ist noch nicht identifiziert. Aber Wissenschaftler haben neue Details über den gefährlichen Ehec-Darmkeim enthüllt. Das für den aktuellen Ausbruch potentiell tödlicher Durchfallerkrankungen verantwortliche Ehec-Bakterium ist offenbar keine reine Mutation des seltenen Serotyps O104:H4. Vielmehr handelt es sich bei dem jetzt identifizierten Bakterium vermutlich um eine Kreuzung aus zwei bekannten Serotypen des Escherichia-coli-Bakteriums.

Das hätten vorläufige genetische Untersuchungen ergeben, sagte am Donnerstag die WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse. Ein solcher Stamm sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Der neue Stamm weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen, erklärte sie weiter.

Das neue Bakterium weise zwar die gleichen Oberflächenmerkmale auf wie der seltene Serotyp O104:H4, weshalb es vom Münsteraner Konsiliarlabor des Robert Koch-Instituts als solches identifiziert wurde. Zusätzlich hat es aber im Laufe der Zeit Gene eines anderen Escherichia-coli-Stamms erworben. Das könnte seine Aggressivität möglicherweise erklären. Gelungen war die Identifizierung des neuen Bakterienstammes Wissenschaftlern aus Deutschland und China. "Es handelt sich um einen besonderen Typ eines Ehec-Erregers", sagte Bakteriologe Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) am Donnerstag.

Weiteres Ehec-Todesopfer in Hamburg, Bangen in Baden-Württemberg

Der lebensgefährliche Darmerreger hat inzwischen in Hamburg ein weiteres Todesopfer gefordert. In der Nacht zum Donnerstag sei eine ältere Patientin gestorben, sagte Rolf Stahl, Ärztlicher Leiter der 3. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Damit ist die Zahl der Todesfälle in Hamburg auf drei und bundesweit auf mindestens 17 gestiegen.

Entwarnung will man in Hamburg nicht geben. "Der Trend, den wir Anfang der Woche erhofft hatten, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurückgeht, hat sich leider nicht bestätigt", sagte UKE-Chef Jörg Debatin. In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten Ehec-Infektionen und Verdachtsfälle derzeit bei rund 2000.

In Baden-Württemberg starb in der Nacht zu Donnerstag 55 Jahre alte Frau, die in der Uniklinik Heidelberg wegen des Hämolytisch-Urämischen Syndroms (HUS) behandelt wurde, teilte das Sozialministerium am Donnerstag mit. HUS ist eine schwere Folge einer Infektion mit dem Darmbakterium Ehec. Allerdings gebe es bislang noch keine Hinweise darauf, dass die Patientin auch mit einem Ehec-Erreger infiziert war, betonte das Ministerium.

Aus Großbritannien werden sieben Infizierte gemeldet. Drei der Infizierten hatten sich nach Angaben der britischen Gesundheitsbehörde in Deutschland aufgehalten, bei den anderen handle es sich um deutsche Staatsbürger.

Russland lässt kein Gemüse mehr aus Europa rein

Inzwischen haben Experten bestätigt, dass auf allen vier in Hamburg getesteten Gurken nicht die Keime entdeckt wurden, die bei den Patienten festgestellt worden waren. Eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin sagte, auf allen vier verdächtigen Gurken in Hamburg seien Ehec-Erreger festgestellt worden - aber eben nicht der Erregertyp O104, der für den derzeitigen Krankheitsausbruch verantwortlich ist. "Die Quelle der anhaltenden Infektionen ist noch nicht ermittelt", erklärte der Präsident des Bundesinstituts, Andreas Hensel. "Es gilt weiterhin zu klären, an welcher Stelle in der Lebensmittelkette die Belastung mit Keimen erfolgt ist."

Derweil weiten immer mehr Länder ihre Einfuhrverbote für Gemüse aus Europa aus. So hat Russland Gemüseimporte aus der EU am Donnerstag bis auf weiteres verboten komplett. Seit Montag galt bereits ein Einfuhrverbot für Gemüse aus Spanien und Deutschland. Mit dem Schritt will die Regierung ein Übergreifen der Darminfektionen mit dem EHEC-Erreger auf Russland verhindern. In Russland wurden bislang keine Infektionen gemeldet.

Das Einfuhrverbot gelte ab sofort für unbestimmte Zeit, sagte eine Sprecherin der Behörde für die Überwachung von Verbraucherrechten am Donnerstag. Der Leiter der Behörde, Gennadi Onischtschenko, sagte russischen Nachrichtenagenturen, die "unpopuläre Maßnahme" bleibe in Kraft, bis europäische Stellen Moskau über die Quelle der Infektion und ihren Verbreitungsweg informiert hätten.

Ein Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli bezeichnete das Verbot als unverhältnismäßig. Russland bezieht 30 bis 40 Prozent seines Obst und Gemüses aus der EU.

Arabische Emirate verhängen Importstopp für Gurken

Die Vereinigten Arabischen Emirate verhängten einen vorübergehenden Importstopp für Gurken aus Deutschland, Spanien, Dänemark und den Niederlanden. Die amtliche Nachrichtenagentur WAM erklärte am Donnerstag, das Ministerium für Umwelt und Wasser habe das Einfuhrverbot am Mittwoch verhängt. Andere Produkte aus den betroffenen Ländern dürfen in die Emirate eingeführt werden, sofern der Importeur Nachweise vorlegen kann, dass sie frei von E.-coli-Bakterien sind. Das Außenministerium der Golfföderation warnte die Bürger des Emirats davor, bei einem Aufenthalt in Europa Gemüse zu essen.

Rei/dpa/reuters/dapd

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