Lutz Reiche

Rente mit 68 Die Älteren im Betrieb entdecken

Die Forderung nach der "Rente mit 68" greift zu kurz. Statt nach Kassenlage das Renteneintrittsalter weiter anzuheben und damit für reale Rentenkürzungen zu sorgen, ist Kreativität gefragt: Viele ältere Menschen wollen länger arbeiten - wenn man sie nur lässt und ihnen im Betrieb die passenden Modelle bietet.
Ausgemustert? Betriebe brauchen intelligente Modelle, um ältere Beschäftigte möglichst lange im Betrieb zu halten - statt sie mit Ende 50 in den Vorruhestand zu schicken

Ausgemustert? Betriebe brauchen intelligente Modelle, um ältere Beschäftigte möglichst lange im Betrieb zu halten - statt sie mit Ende 50 in den Vorruhestand zu schicken

Foto: Arno Burgi/ dpa

Die Bevölkerungsentwicklung gilt unter Experten als vergleichsweise vorhersehbar. Wenn man den Experten Glauben schenken darf, sieht die deutsche Zukunft ganz schön alt aus. Will sagen: Die deutsche Bevölkerung schrumpft nicht nur, sondern wird im Schnitt immer älter.

Die vielen alten Menschen stellen für unsere Gesellschaft eine "Herausforderung", ein "Risiko" dar. Genauer gesagt: für das Rentensystem, das Gesundheitssystem, die Krankenkassen, die Pflegeversicherung. Genauer gesagt: Für die jungen Erwerbstätigen, die in diese Systeme gar nicht so viel einzahlen können, um die Ausgaben zu decken.

Die Senioren haben selbst viele Jahre in die Sozialsysteme eingezahlt und naturgemäß ein Recht auf Rente. Nur: Der "Generationenvertrag" funktioniert nicht mehr, weil er die reale Bevölkerungsentwicklung - immer mehr alte Menschen, immer weniger junge Beitragszahler - nicht einkalkuliert. So stellt es sich im Kern in der ökonomischen Analyse dar.

Die einzige Lösung aber, die die politische Diskussion seit Jahren beherrscht, ist ein immer weiteres Heraufsetzen des Renteneintrittsalters. Die Deutschen müssen länger arbeiten, raunen viele Ökonomen - wissend, dass in der betrieblichen Realität die meisten Beschäftigen deutlich früher in Rente gehen, als es der Gesetzgeber vorsieht - und Abschläge bei den Altersbezügen hinnehmen. Die von den fünf Wirtschaftsweisen jetzt erhobene Forderung nach der "Rente mit 68" dürfte diese Kluft eher noch vergrößern. Was die Ökonomen vorschlagen, ist also nichts anderes als eine weitere reale Rentenkürzung. Und das ist nicht sonderlich kreativ.

Fatale Vorruhestandsmodelle

Viele große Konzerne, die eine längere Lebensarbeitszeit fordern, halten gleichzeitig an internen "Vorruhestandsmodellen" fest: Sie halten an der Praxis fest, Beschäftigten mit knapp 60 Jahren den schrittweisen Ausstieg aus dem Unternehmen zu erleichtern, oder diese bei der nächsten Restrukturierung als erste auszusortieren.

Kreativer wäre, den Druck auf Unternehmen zu erhöhen, länger an älteren Arbeitskräften festzuhalten, anstatt diese primär als Kostenfaktor zu betrachten. Die Unternehmen werden nicht umhin kommen, Produktions- und Arbeitsabläufe stärker an die Bedürfnisse älterer Menschen anzupassen - schon aus Eigeninteresse. Wieso erhöhen die Wirtschaftsweisen nicht den Druck auf die Regierung, gezielt mehr Geld in Kinderbetreuung zu investieren, um damit die Erwerbsquote von Frauen zu erhöhen? Wieso fordern sie die Politik nicht auf, jedwede Form der subventionierten Frühverrentung zu unterbinden und stattdessen den Menschen eine höhere Rente anzubieten, sollten sie länger arbeiten wollen?

Ärgerlich wird die Angelegenheit, wenn dieselben Ökonomen zum Thema Fachkräftemangel sich gebetsmühlenhaft für einen erleichterten Zuzug qualifizierter, jüngerer Facharbeiter aus dem Ausland aussprechen - und die Diskussion damit verengen. Zweifelsohne, wir brauchen Zuwanderung und Fachkräfte aus dem Ausland. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Leistungen, Erfahrungen und Werte, die ältere Mitarbeiter in die deutsche Arbeitswelt einbringen, zusehends weniger gewürdigt und eingefordert werden.

Viele älteren Mitbürger würden gerne länger arbeiten und auf diese Weise tatkräftig dazu beitragen, die Sozialsysteme und Staatskasse zu entlasten. Man muss ihnen in der betrieblichen Realität nur die Chance dazu geben - und dazu gehören intelligente Arbeitszeit- und Organisationsmodelle. Dazu gehört mehr Kreativität, als lediglich nach der "Rente mit 68" zu rufen.

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