Die Wirtschaftsglosse Lena? Wer ist Lena?

Lena? Lena Valaitis? Oder Nena? Es gibt tatsächlich Menschen, die solche Fragen stellen. Unglaublich, aber wahr. Und am Ende des Tages ist es sogar gut und wichtig, dass es sie gibt.
Lena - muss man nicht kennen

Lena - muss man nicht kennen

Foto: dapd

Sie sind 40 oder älter, männlich und hier genau richtig. Sie stellen Fragen, die außer Ihnen kaum jemand zu stellen wagt. "Wer ist Lena?" zum Beispiel.

Sie sind ein absoluter Outsider, draußen, in fast jeder Hinsicht: Sie lesen als einziger am Frühstückstisch den Wirtschaftsteil einer Zeitung (Zeitung!). Sie haben an Lebenserfahrung, Sparguthaben und Körpergewicht hinzugewonnen, nicht aber an Sex-Appeal: Junge Frauen drehen sich in der Regel nur noch nach Ihnen um, wenn Ihnen etwas zustößt oder Sie sich verletzen. Sie ahnen, dass die Welt sich nicht mehr ausschließlich um Sie dreht - und Sie sind dabei, ihren Frieden damit zu schließen.

Apropos Frieden. Selbstverständlich kennen Sie zahlreiche Interpreten und Songs des europäischen Schlagerwettbewerbs - und zwar aus einer Zeit, als der "Eurovision Song Contest" noch absolut uncool war. Tausende Ihrer Hirnzellen sind auf ewig blockiert mit "Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne, für diese Erde, auf der wir wohnen" - Wissen, das ihnen nichts, aber auch gar nichts mehr bringt. Sie sehen noch Nicole und Lena Valaitis vor sich, und natürlich Dschinghis Khan. Jetzt wollen Sie natürlich schnell den Text wegklicken und Schluss machen, klar, aber es nützt doch nichts, es muss ja raus: "Lasst uns Wodka holen, hohoho, denn wir sind Mongolen, hahaha, und der Teufel holt uns früh genug."

All das ist fest verankert in ihrem Kopf, ihrem kulturellen Code. Germany: Zero Points. Und dann, irgendwann, als dieser verheerende Schlagerwettbewerb begann, doch noch irgendwie cool zu werden, Ende des letzten Jahrtausends muss es gewesen sein, da waren sie fatalerweise mit anderen Dingen beschäftigt.

Sie waren ein echter Experte, als dieser Contest megaout war, und jetzt ist er megain , und Sie sind draußen. Jedward? Eric Saade? Lena, Taken by a Stranger? Leerstelle, da haben Sie nichts zu bieten. Sie kennen Nena vielleicht, und den Film "Stranger than Paradise", doch das bringt Sie nicht mehr nach vorne.

Aber all das ist gar nicht schlimm. Sie sind ein Fremder für diejenigen, die dicht dran sind am Puls der Zeit. Doch es liegt am produktiven Wesen der Veränderung, dass es Fremde gibt und geben muss wie Sie. "Heute hat Lena gewonnen. Oder letztes Jahr, ich weiß es nicht." So etwas dürfen Sie ruhig sagen.

Ohne die Fremden, die Outsider, die, nun ja, in gewisser Weise Zurückgebliebenen wie Sie wäre die Welt viel ärmer. Emotional, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Es gäbe niemanden mehr, der am heutigen Samstagabend noch ein nettes, stilles Lokal aufsucht, statt den Song Contest zu verfolgen. Niemanden, der noch CDs kauft. Fotoalben. Oder ein Faxgerät. Es gäbe keine Plattenläden mehr, und keinen Menschen, der wie Sie mit Zeilen wie "Did I see you walking with the boys, though it was not hand in hand" noch etwas anzufangen wüßte. Vielleicht schreibt Lena ja heute Geschichte. Aber Geschichte sind auch Sie, und Sie machen uns reich.

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