Freitag, 23. August 2019

Längeres Leben Rente mit 67 soll Rausschmiss-Subventionen ersetzen

Verlängerte Arbeitszeit: Aktuell gehen die Deutschen im Schnitt mit nicht einmal 62 Jahren in Rente

Länger arbeiten, weniger Rente: Viele empfinden den demografischen Wandel als Bedrohung. Ökonom Axel Börsch-Supan sagt manager magazin dagegen, warum die höhere Lebenserwartung eine große Chance ist, die Probleme einer alternden Gesellschaft zu lösen. Politik und Wirtschaft müssten dafür aber zwingend umdenken.

mm: Herr Börsch-Supan, noch immer gibt es viele Menschen, die finanziell nicht für das Alter vorsorgen. Einen Teil von ihnen wird der Staat - sprich der Steuerzahler - später wohl alimentieren müssen. Ist die jetzt wieder verstärkt diskutierte private Zwangsvorsorge eine Lösung?

Börsch-Supan: Nein, diese Idee halte ich für sehr problematisch. Verpflichtet der Staat seine Bürger, aus einem vorgegebenen Kanon an Vorsorgeprodukten eines zu kaufen, rutscht er damit unweigerlich in die Haftung. Er spannt damit indirekt einen Rettungsschirm über Banken, Versicherer und andere Vorsorgedienstleister auf, die bei der Kapitalanlage dann vermutlich größere Risiken eingehen werden, als sie es ohne eine Zwangslösung täten. Denn sie wissen genau: Geht die Sache schief, wird der Staat am Ende in die Bresche springen, um die Vorsorgesparer nicht hängen zu lassen. Ein Obligatorium in der kapitalgedeckten Altersvorsorge würde mehr wettbewerbspolitischen Schaden anrichten, als sozialpolitischen Nutzen bringen.

mm: Wäre das in angelsächsischen Ländern praktizierte Opt-out-Modell eine Alternative, damit mehr Menschen für das Alter vorsorgen?

Börsch-Supan: Opt-out heißt, der Beschäftigte wird von sich aus nicht tätig, sondern nimmt automatisch an der vorgegebenen Altersvorsorge teil - es sei denn, er widerspricht explizit. Aber auch hier müsste der Staat eine aus meiner Sicht höchst problematische Vorauswahl treffen und schaffte damit ein Monopol.

mm: Haben Sie einmal hochgerechnet, was Vorsorgeverweigerer den Staat kosten können?

Börsch-Supan: Nein, aber im Grunde ist die Antwort recht einfach. Jeder Vorsorgeverweigerer kann den Staat später maximal den Sozialhilfesatz kosten. Und mehr sollte es auch nicht sein.

mm: Die Menschen hierzulande sollen nicht nur privat vorsorgen, sondern künftig auch bis 67 arbeiten. Gerade Letzteres war vielen in der Vergangenheit nicht vergönnt. Daher empfinden sie den demografischen Wandel und die Antworten der Politik darauf auch als Bedrohung. Können Sie das nachempfinden?

Börsch-Supan: Ich meine nicht, dass wir den demografischen Wandel als eine Bedrohung begreifen sollten. Wir werden schließlich nicht nur älter, sondern bleiben im Vergleich zu früher nachweislich auch länger gesund. Fragt man ältere Menschen, wie sie ihren Gesundheitszustand einschätzen, geben mittlerweile immerhin knapp drei Viertel der 67-Jährigen an, sie fühlten sich sehr gut oder gut. Von daher ist die Rente mit 67 eine völlig logische Konsequenz. Die Tatsache, dass die Lebenserwartung steigt, birgt auch eine große Chance, viele der Probleme zu lösen, die mit der Alterung der Bevölkerung einhergehen. Diese Chance sollten wir nutzen.

mm: Das müssen Sie erläutern.

Börsch-Supan: Es gibt keinen Zweifel, wir müssen auf den demografischen Wandel reagieren. Und aus volkswirtschaftlicher Sicht gibt es da keine effektivere Form, als die Erwerbsquote möglichst dauerhaft zu erhöhen. Dänemark hat das erfolgreich praktiziert.

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