Längeres Leben Rente mit 67 soll Rausschmiss-Subventionen ersetzen

Länger arbeiten, weniger Rente: Viele empfinden den demografischen Wandel als Bedrohung. Ökonom Axel Börsch-Supan sagt manager magazin dagegen, warum die höhere Lebenserwartung eine große Chance ist, die Probleme einer alternden Gesellschaft zu lösen. Politik und Wirtschaft müssten dafür aber zwingend umdenken.
Verlängerte Arbeitszeit: Aktuell gehen die Deutschen im Schnitt mit nicht einmal 62 Jahren in Rente

Verlängerte Arbeitszeit: Aktuell gehen die Deutschen im Schnitt mit nicht einmal 62 Jahren in Rente

Foto: DPA

mm: Herr Börsch-Supan, noch immer gibt es viele Menschen, die finanziell nicht für das Alter vorsorgen. Einen Teil von ihnen wird der Staat - sprich der Steuerzahler - später wohl alimentieren müssen. Ist die jetzt wieder verstärkt diskutierte private Zwangsvorsorge eine Lösung?

Börsch-Supan: Nein, diese Idee halte ich für sehr problematisch. Verpflichtet der Staat seine Bürger, aus einem vorgegebenen Kanon an Vorsorgeprodukten eines zu kaufen, rutscht er damit unweigerlich in die Haftung. Er spannt damit indirekt einen Rettungsschirm über Banken, Versicherer und andere Vorsorgedienstleister auf, die bei der Kapitalanlage dann vermutlich größere Risiken eingehen werden, als sie es ohne eine Zwangslösung täten. Denn sie wissen genau: Geht die Sache schief, wird der Staat am Ende in die Bresche springen, um die Vorsorgesparer nicht hängen zu lassen. Ein Obligatorium in der kapitalgedeckten Altersvorsorge würde mehr wettbewerbspolitischen Schaden anrichten, als sozialpolitischen Nutzen bringen.

mm: Wäre das in angelsächsischen Ländern praktizierte Opt-out-Modell eine Alternative, damit mehr Menschen für das Alter vorsorgen?

Börsch-Supan: Opt-out heißt, der Beschäftigte wird von sich aus nicht tätig, sondern nimmt automatisch an der vorgegebenen Altersvorsorge teil - es sei denn, er widerspricht explizit. Aber auch hier müsste der Staat eine aus meiner Sicht höchst problematische Vorauswahl treffen und schaffte damit ein Monopol.

mm: Haben Sie einmal hochgerechnet, was Vorsorgeverweigerer den Staat kosten können?

Börsch-Supan: Nein, aber im Grunde ist die Antwort recht einfach. Jeder Vorsorgeverweigerer kann den Staat später maximal den Sozialhilfesatz kosten. Und mehr sollte es auch nicht sein.

mm: Die Menschen hierzulande sollen nicht nur privat vorsorgen, sondern künftig auch bis 67 arbeiten. Gerade Letzteres war vielen in der Vergangenheit nicht vergönnt. Daher empfinden sie den demografischen Wandel und die Antworten der Politik darauf auch als Bedrohung. Können Sie das nachempfinden?

Börsch-Supan: Ich meine nicht, dass wir den demografischen Wandel als eine Bedrohung begreifen sollten. Wir werden schließlich nicht nur älter, sondern bleiben im Vergleich zu früher nachweislich auch länger gesund. Fragt man ältere Menschen, wie sie ihren Gesundheitszustand einschätzen, geben mittlerweile immerhin knapp drei Viertel der 67-Jährigen an, sie fühlten sich sehr gut oder gut. Von daher ist die Rente mit 67 eine völlig logische Konsequenz. Die Tatsache, dass die Lebenserwartung steigt, birgt auch eine große Chance, viele der Probleme zu lösen, die mit der Alterung der Bevölkerung einhergehen. Diese Chance sollten wir nutzen.

mm: Das müssen Sie erläutern.

Börsch-Supan: Es gibt keinen Zweifel, wir müssen auf den demografischen Wandel reagieren. Und aus volkswirtschaftlicher Sicht gibt es da keine effektivere Form, als die Erwerbsquote möglichst dauerhaft zu erhöhen. Dänemark hat das erfolgreich praktiziert.

"Unternehmen müssen umdenken"

mm: Wie haben die Dänen das geschafft?

Börsch-Supan: Zum Beispiel belohnt der dänische Staat seine Bürger, wenn sie über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten mit einer höheren Rente, als wir es in Deutschland tun. Das zeigt Wirkung, die Menschen sind bereit, länger zu arbeiten. Dänemark hat zudem eine deutlich höhere Frauenerwerbstätigkeit, dafür aber auch die Voraussetzungen durch eine bessere Kinderbetreuung geschaffen. Da liegt bei uns viel im Argen. Schließlich sind die Ausbildungswege der jungen Menschen kürzer, sodass sie im Schnitt zwei Jahre früher ins Berufsleben einsteigen als hierzulande. Die Dänen gehen als nicht nur früher in den Job, sondern im Schnitt auch noch zwei Jahre später in Rente als die Deutschen. All diese Faktoren erhöhen die Erwerbsquote in dem Land und entlasten die Sozialsysteme nachhaltig.

mm: Diese Einsicht fiel so einfach vom Himmel?

Börsch-Supan: Nein, natürlich nicht. Das ist das Ergebnis eines gut zehnjährigen und mitunter schmerzhaften Reformprozesses, der Ende der 80er Jahre begann. Dänemark steckte tiefer in der Wirtschaftskrise als Deutschland, hatte nicht so viel Speck angesetzt und musste schneller reformieren.

mm: Nennen wir es mal den "dänischen Weg". Der kann nur zum Ziel führen, wenn die Wirtschaft mitspielt. Glauben Sie, die Unternehmen in Deutschland sind gut auf den demografischen Wandel vorbereitet? Reichen ihre Anstrengungen zur Integration und Fortbeschäftigung älterer Mitarbeiter aus?

Börsch-Supan: Nein, das tun sie nicht. Es gibt Unternehmen, die sich viel Mühe geben, ältere Mitarbeiter zu halten und zu integrieren. Aber sie sind eher die Ausnahme als die Regel, da ist wirklich ein Umdenken nötig. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Unternehmen hier reagieren werden, spätestens wenn sie merken, dass ihnen der Arbeitskräftenachwuchs ausgeht.

mm: Was können Unternehmen tun, um ältere Mitarbeiter besser zu integrieren?

Börsch-Supan: Viel, sie können zum Beispiel die Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe altersgerechter gestalten. Das klingt jetzt vielleicht trivial, aber oft helfen schon kleine Veränderungen: ordentliche Pausen, ausreichend Sitzgelegenheiten, größere Schriften. Die Unternehmen müssen sich einfach mehr hineindenken, was ältere Mitarbeiter brauchen, und sie müssen ihre Personalpolitik darauf einstellen. Jüngere Mitarbeiter machen nicht alles besser. Nachlassende Konzentrationsfähigkeit, weniger Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Techniken oder ein vermindertes Reaktionsvermögen können ältere Mitarbeiter ausgleichen. Zum Beispiel durch mehr Erfahrung, durch mehr Gelassenheit insbesondere in Ausnahmesituationen, wie unsere Untersuchungen gezeigt haben. Zudem verfügen sie vielfach über eine bessere Menschenkenntnis. Es gibt keinen Beweis dafür, dass ältere Mitarbeiter weniger produktiv sind.

mm: Die Realität sieht doch anders aus. Nicht selten sind es gerade die älteren, teureren Mitarbeiter, derer sich ein Unternehmen zu entledigen versucht, wenn's mal wieder kneift. Wie also die goldene Mitte zwischen kurzfristigem Kostendenken und nachhaltiger Personalpolitik finden?

Börsch-Supan: Qualifizierte, ältere Mitarbeiter vor die Tür zu setzen - das werden sich viele Unternehmen künftig sehr gut überlegen. Spüren sie empfindlich, dass ihnen die jüngeren Arbeitskräfte fehlen, werden sie in längeren Zeiträumen denken lernen und auch stärker auf eine altengerechtere Personal- und Beschäftigungspolitik umstellen. Da bin ich ganz sicher, auch wenn dies nicht das Hauptproblem ist.

"Wer nicht arbeiten will soll zahlen"

mm: Was ist denn das Hauptproblem?

Börsch-Supan: Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass der Staat den Prozess des notwendigen Umdenkens konterkariert, wenn er Regelungen aufrechterhält, die eine Frühverrentung erleichtern. So erhält ein deutscher Arbeitnehmer pro Jahr späterer Verrentung lediglich 3,6 Prozent mehr Altersbezüge. Bei einer unterstellten Rentendauer von 20 Jahren im Schnitt müsste es aber mindestens ein Zwanzigstel, also mindestens 5 Prozent sein. Ansonsten subventioniert der Staat nach wie vor die Frühverrentung. Unterschätzen Sie nicht die Unternehmen, sie sind sehr anpassungsfähig und stellen sich auf den Markt ein. Wenn der Staat es aber einfacher macht, früher in Rente zu gehen, als länger zu arbeiten, ist das der falsche Weg.

mm: Laut OECD gehen Frauen in Deutschland im Schnitt mit 60,5 Jahren und Männer mit 61,8 Jahren in Rente. Was glauben Sie, wird bis zum Jahr 2029 das durchschnittliche Renteneintrittsalter auf 67 Jahre steigen?

Börsch-Supan: Nein, das wird nicht passieren. Die Hoffnung ist, dass die Menschen im Jahr 2029 im Schnitt mit 64 Jahren in Rente gehen. Man möchte die bis dahin um drei Jahre ansteigende Lebenserwartung mit einer um zwei Jahre längeren Lebensarbeitszeit flankieren. Wir gewinnen also ein zusätzliches Jahr Rente, das halte ich für einen weisen Weg. Denn unser ganzes Leben ist - vereinfacht ausgedrückt - im Verhältnis zwei zu eins aufgeteilt: Wir arbeiten doppelt so viele Jahre, wie wir in Rente sind. Diese Proportion konstant zu halten, ist das Kunststück. Es geht nicht darum, den Menschen etwas wegzunehmen. Es geht darum, die Lebensproportionen konstant zu halten.

mm: Steigt der Schnitt auf 64 Jahre, werden damit nach wie vor viele Rentner empfindliche Einbußen bei der gesetzlichen Rente hinnehmen müssen.

Börsch-Supan: Der Schnitt wird sich nicht auf 67 heben lassen, weil es auch in Zukunft Menschen geben wird, die aus gesundheitlichen Gründen nicht so lange arbeiten können. Wer nachweislich aus Gesundheitsgründen früher aus dem Berufsleben ausscheiden muss, für den muss der Staat eine Kompensationslösung finden. Es geht darum, dass jene, die arbeiten können, es aber nicht wollen, auch dafür zahlen müssen. Das ist nur gerecht, alles andere sollte die Solidargemeinschaft nicht tragen.

mm: Viele Menschen sorgen mit einer Lebensversicherung vor, um die durch Reformen entstehende Rentenlücke zu schließen. Die Rendite dieser Verträge hat durch Niedrigzinspolitik und Finanzkrise stark gelitten. Haben die heute 40- bis 45-Jährigen noch eine Chance, die größer gewordene Rentenlücke zu schließen?

Börsch-Supan: Ja, das ist realistisch, wir haben das durchgerechnet. Die größten Schwierigkeiten haben derzeit jene, die wenige Jahre vor der Verrentung stehen. Selbst wenn die Renditen wieder anziehen sollten, können sie in der verbleibenden Zeit nicht so viel sparen, um damit die Rentenlücke zu schließen.

mm: Das ist doch bitter, oder nicht?

Börsch-Supan: In einem langen Leben passieren aber nun einmal historisch einschneidende Ereignisse. Die Finanzkrise war so ein Schnitt. Den haben weder die schönen Hochrechnungen der gesetzlichen Rentenversicherung noch die der kapitalgedeckten Altersvorsorge berücksichtigt. Das Rad der Geschichte lässt sich aber nicht zurückdrehen, und nicht jeder Verlust im Leben lässt sich kompensieren. Denken Sie mal an Ihre Eltern oder Großeltern - was mussten die alles hinnehmen? Auch sie mussten die veränderten Verhältnisse akzeptieren und ihr Leben anpassen. Diese Generation hat nun die Aufgabe, sich an den demografischen Wandel anzupassen.