In den Startlöchern Wanderungsziel Hochlohnland Deutschland

Nur in wenigen europäischen Staaten wird besser verdient als hierzulande, die bollernde deutsche Wirtschaft macht weitere Lohnerhöhungen möglich. Jetzt sagen Deutschlands Statistiker den Bundsbürgern eine Einwanderungswelle voraus - zu stark sei die Sogwirkung ihrer hohen Löhne für viele Osteuropäer.
Reichstag in Berlin: Die derzeit günstige wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik macht Deutschland als Ziel für Einwanderer nach Expertenmeinung wieder interessanter

Reichstag in Berlin: Die derzeit günstige wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik macht Deutschland als Ziel für Einwanderer nach Expertenmeinung wieder interessanter

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Wiesbaden - Gute Bezahlung und viele offene Stellen machen Deutschland für Arbeitnehmer aus Osteuropa so attraktiv wie kaum ein anderes Land in der Europäischen Union (EU). Das glaubt zumindest das Statistische Bundesamt nur wenige Tage vor der vollen Freizügigkeit auf dem EU-Arbeitsmarkt: Vom 1. Mai an dürfen viele Osteuropäer in Deutschland ohne Einschränkungen arbeiten - alte Übergangsregelungen wie etwa die Hürde einer Arbeitserlaubnis entfallen dann.

Den Bundesstatistikern zufolge lag das deutsche Verdienstniveau 2008 EU-weit auf Platz fünf: Nur Dänemark, Luxemburg, die Niederlande und Großbritannien schnitten nach Angaben vom Donnerstag noch besser ab. Jüngere Zahlen für die Jahre 2009 oder 2010 konnte die Behörde noch nicht vorlegen. Da zuletzt allerdings die Löhne in der Bundesrepublik relativ deutlich gestiegen sind, dürfte sich der Trend zum EU-Hochlohnland Deutschland eher verfestigt haben. Und die Aussichten für die Zukunft deuten hierzulande ebenfalls auf relativ starke Lohnerhöhungen verglichen mit Deutschlands Partnerländern in der EU: Die Bundesrepublik und Frankreich führen die Wirtschaftsentwicklung im Euro-Land derzeit an.

Ein Blick auf die Verdienstunterschiede zwischen Deutschland und Osteuropa verdeutlicht die draus entstehende Sogwirkung im Detail: So verdienen etwa die Arbeitnehmer in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen im Jahr 2008 im Schnitt nur ein Drittel des deutschen Niveaus. Das Nachbarland Polen kam nur auf 44 Prozent. An der Spitze der osteuropäischen Länder rangierte Slowenien - doch auch dort betrug der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst nur etwa zwei Drittel des deutschen Wertes. Alle diese Zahlen sind bereits kaufkraftbereinigt, Preisunterschiede in den Ländern sind also schon herausgerechnet.

Auch die im EU-Vergleich relativ niedrige Arbeitslosenquote von 7,1 Prozent im Jahr 2010 und der Fachkräftemangel machten Deutschland attraktiv, schreiben die Statistiker. So lag die Erwerbslosenquote im vergangenen Jahr in den drei baltischen Staaten zwischen 16,9 und 18,7 Prozent - und damit mehr als doppelt so hoch wie hierzulande. Zudem stellen die Unternehmen hierzulande offenbar weiter ein, beispielsweise in der Industrie. Viele Experten rechnen deshalb damit, dass die Arbeitslosenzahl schon bald die Drei-Millionen-Schwelle durchbricht.

Insgesamt 1,2 Millionen Einwanderer

Mit der sogenannten Arbeitnehmerfreizügigkeit haben von Mai an Bürger aus den sogenannten EU-8-Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik und Ungarn uneingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. 2010 lebten und arbeiteten bereits 425 000 Bürger aus diesen EU-8 in Deutschland. Rund drei Viertel (315 000) kamen aus Polen. Die Nachbarn im Osten stellten bereits damals nach den Italienern (365 000) die zweitgrößte Gruppe der aus der EU stammenden ausländischen Arbeitnehmer. Die zum 1. Mai für die EU-8-Staaten aufgehobenen Einschränkungen gelten für Rumänien und Bulgarien noch bis Ende 2013 weiter.

Die Arbeitsmarktexperten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln rechnen insgesamt mit 1,2 Millionen Einwanderern nach Deutschland bis zum Jahre 2020. Nach ihrer Meinung vergleichsweise wenige: In den 90er Jahren seien mehr als drei Millionen Menschen arbeitsuchend in die Bundesrepublik gekommen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet "nicht mit einer riesigen Zuwanderungswelle", wie Experte Stefan Hardege betonte.

Arbeitgeberverbände erhoffen sich von den erwarteten Zuwanderungen einen Wachstumsimpuls, Gewerkschaften und die Linkspartei warnen vor dem Zuzug. Er bringe "Lohndumping" mit sich.

Offenbar fürchten tatsächliche viele Beschäftigte hierzulande nach einer IW-Umfrage um ihre Lohnvorteile gegenüber den Zuwanderern. Insgesamt 40 Prozent aller Befragten befürchten, dass sich die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auf den eigenen Arbeitsplatz negativ auswirken wird. Diese Sorgen müsse man ernst nehmen, sagte das Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Annelie Buntenbach: "Wir brauchen dringend den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn, gleichen Lohn für gleiche Arbeit in der Leiharbeit und die Aufnahme aller Branchen in das Entsendegesetz."

Linksparteichef Klaus Ernst warf der Bundesregierung vor, sie habe die Arbeitnehmerfreizügigkeit sozial nicht ausreichend abgesichert, weil ein Schutzschirm für die Beschäftigten vor Lohndumping durch einen übergreifenden Mindestlohn fehle.

kst/rtr/dpa/apd

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