Einwanderungswelle BA-Chef Weise beruhigt deutsche Jobsucher

Ab dem 1. Mai werden Osteuropäer zwar ohne Beschränkung in Deutschland arbeiten dürfen. Dennoch werden nach Meinung des Arbeitsagentur-Chefs Frank Weise weniger Zuwanderer zu uns kommen, als die Bundesrepublik für ihre gut laufende Wirtschaft benötige. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt appelliert deshalb an die Bundesbürger.
BA-Chef Frank Weise: Wenig Druck auf die Löhne durch Zuwanderung

BA-Chef Frank Weise: Wenig Druck auf die Löhne durch Zuwanderung

Foto: dapd

Düsseldorf - Die Bundesrepublik erholt sich wirtschaftlich von der Krise, die Unternehmen hierzulande stellen ein, wie lange nicht mehr und die Arbeitslosigkeit sinkt. All das zusammen macht Deutschland derzeit insbesondere gemeinsam mit Frankreich zu den Wachstums- und Wohlstandstreibern in Europa. Entsprechend begehrt, glauben offenbar zumindest viele Bundesbürger, würde Deutschland ab dem 1. Mai als Einwanderungsland, wenn Hunderttausende Osteuropäer unbeschränkt hierzulande arbeiten dürfen. Der Furcht vor der neuen Völkerwanderung ist jetzt Frank Weise entgegengetreten, der Chef der Bundesagentur für Arbeit.

"Deutschland ist weniger attraktiv, als viele glauben. Junge, gut ausbildete Osteuropäer gehen oft lieber nach England, wo sie auch geringere Sprachprobleme haben", sagte Weise der "Rheinischen Post".

Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur, rechnet dann auch mit zunächst 100.000 bis 150.000 Arbeitskräften aus Polen, Tschechien, Ungarn, Slowenien, der Slowakei, Estland, Lettland und Litauen, die ab dem Wegfall der Beschränkungen am 1. Mai nach Deutschland kommen könnten. "Gerade in einem Land mit einer sinkenden Zahl von Menschen im arbeitsfähigen Alter können wir diese Arbeitskräfte gut gebrauchen", sagte Alt. In den darauffolgenden Jahren dürfte die Zahl langsam wieder sinken.

Wie unbegründet die Sorge sei, dass billige osteuropäische Arbeitskräfte einheimischen Kräften die Arbeitsplätze wegnähmen, habe sich in Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Irland und Schweden gezeigt: Dort können sich Osteuropäer schon seit Jahren ohne Arbeitserlaubnis einen Job suchen. "Das blieb dort alles in einem verkraftbaren und undramatischen Rahmen. Und ich glaube, dass beispielsweise der Großraum London vom Zugang polnischer Arbeitnehmer profitiert hat", sagte Alt. Schon jetzt gebe es einen Wettbewerb westeuropäischer Länder um Fachkräfte aus Osteuropa.

Wanderungsziele Rhein-Ruhr-Gebiet, Süddeutschland, Berlin

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sieht in der bevorstehenden Öffnung des Arbeitsmarktes dann auch vor allem eine Chance für die deutsche Wirtschaft. "Die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit wird sich gesamtwirtschaftlich positiv auswirken und dazu beitragen, unseren Fachkräftebedarf zu sichern", sagte Hundt. Vor allem in gewerblich-technischen Berufen würden händeringend Fachkräfte gesucht. Gleiches gelte für Ingenieure und Pflegefachkräfte.

Hundt warb für Offenheit gegenüber ausländischen Arbeitskräften. "Die bei uns dringend benötigten Fachkräfte müssen das Signal bekommen, dass sie hier tatsächlich erwünscht sind", sagte der Arbeitgeberpräsident. Die Sorge, dass massenhaft Arbeitskräfte zu niedrigen Löhnen nach Deutschland strömen, sei unberechtigt, glaubt auch Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHT). Weil andere europäische Staaten ihre Arbeitsmärkte früher als die Bundesrepublik für Osteuropa geöffnet haben, müsse in Deutschland nicht mit einem verstärkten Ansturm gerechnet werden.

Das allerdings gilt auch nach Meinung der Arbeitsagentur nicht für alle Regionen Deutschlands gleichermaßen. "In Grenzregionen zu Polen, Tschechien und Slowenien werden deutsche Arbeitnehmer sich auf schärferen Wettbewerb einstellen müssen", sagte Agenturchef Weise, der "Rheinischen Post". Vor allem in der Zeitarbeit werde der Druck auf die Löhne steigen. "Zeitarbeitsfirmen aus dem Baltikum stehen bereits in den Startlöchern", gibt Weise an.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erwartet, dass es polnische Arbeitskräfte nach Öffnung der Grenzen vor allem in westdeutsche Wirtschaftszentren zieht. Die wichtigsten Ziele dürften der Kölner Raum, das Ruhrgebiet, Rhein/Main sowie Stuttgart, München und Berlin sein. Das IWH erwartet, dass jährlich rund 250.000 Menschen aus Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa kommen.

Ab dem 1. Mai können Polen, Tschechen und andere Osteuropäer ohne Beschränkungen in Deutschland arbeiten. Der tschechische Ministerpräsident Petr Necas beschwichtigte Ängste vor einer Billiglohn-Zuwanderung aus Osteuropa. "Die Deutschen müssen keinen Zufluss billiger tschechischer Arbeitskräfte befürchten", sagte er.

kst/dpa-afx/afp/rtr/dapd