Montag, 19. August 2019

Zeitarbeit Eine Branche rettet ihr Geschäftsmodell

Linke Tür, rechte Tür: Wir wissen nicht, was diese freundlichen Mitarbeiter verdienen

Es war knapp. Bevor am 1. Mai in der EU die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die jüngsten Mitgliedsländer greift, hat die Zeitarbeitsbranche den Mindestlohn errungen. Ihr Geschäftsmodell funktioniert weiter bestens. Die Gleichbezahlung mit Festangestellten ist abgewendet - vorerst.

München - "15 Euro verdient der festangestellte Monteur der linken Autotür in der Stunde, 8 Euro 50 der Leiharbeitnehmer auf der rechten Seite". Dieses Beispiel bringt Berthold Huber, 1. Vorsitzender der IG Metall, regelmäßig. "Nicht hinnehmbar", nennt er das und klagt: "Wir steuern auf eine neue, skandalöse Höchstmarke von einer Million Leiharbeiternehmern in Deutschland zu".

Ökonomen finden das ganz und gar nicht beklagenswert. Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, 2004 von einer rot-grünen Bundesregierung stark liberalisiert, hat vielen sehr konjunkturanhängigen Branchen eine ungeahnte Flexibilität beschert. Im Abschwung konnte man die Leiharbeiter nach Hause schicken und die Stammbelegschaft mittels Kurzarbeit halten.

Im Aufschwung sind die preiswerten Leiharbeiter schnell wieder zur Hand, ohne dass man sich in diesen unsicheren Zeiten gleich mit festen Arbeitverträgen belasten müsste. Mit Anerkennung schaut das Ausland auf das deutsche Konjunkturwunder, das sein starkes Drehmoment wohl vor allem dieser Flexibilität verdankt.

730.000 sozialversicherungspflichtige Leiharbeiter nennt die Bundesagentur für Arbeit per Januar 2011; das waren 2,6 Prozent aller Beschäftigten. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt für Februar 2011 sogar auf 870.000 Leiharbeiter. Und die Chefs der großen Zeitarbeitunternehmen sprechen von deutlichen Zuwächsen im laufenden Jahr und einem Ausbau der Marktposition. Mit Ausnahme des Fachkräftemangels scheinen sie im Moment kaum Sorgen zu plagen.

Ausbau der Marktposition

Noch im Februar dieses Jahres sah es so aus, als könnten diese goldenen Zeiten bald vorbei sein. Die SPD wollte wieder einsammeln, womit sie damals die Wirtschaft beglückte. Die Zeitarbeit mutierte für sie zum Faustpfand in den Verhandlungen über die Hartz IV-Reform im Vermittlungsausschuss des Bundesrates. Sie machte sich nicht nur für den Mindestlohn stark, den die Zeitarbeitsbranche wünschte, sondern auch noch für "Equal Pay", also eine schrittweise Gleichbezahlung von Zeitarbeitern und permanenten Mitarbeitern in den Unternehmen.

Und das wollen die Zeitarbeitsfirmen natürlich auf keinen Fall. Durch eigene Tarifverträge ihrer Verbände hatten sie sich ja glücklich vom Grundsatz der Gleichbehandlung und Gleichbezahlung befreit, wie er im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz schon seit 2004 festgeschrieben ist.

Besonders ärgerlich für die Zeitarbeitsfirmen: Sogar die sonst so liberale FDP erwärmt sich für Equal Pay, wenn dafür Mindestlöhne des Teufels blieben. Die CDU aber wollte nur den Mindestlohn billigen, einzelne Ministerpräsidenten hatten sich für Equal Pay ausgesprochen. Gleichzeitig hatten sich die Gewerkschaften auf das Thema Zeitarbeit eingeschossen und wollten es mit groß angelegten Protestaktionen unter dem Motto "Gleiche Arbeit, gleiches Geld" am Kochen halten.

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