Dienstag, 17. September 2019

Zeitarbeit Eine Branche rettet ihr Geschäftsmodell

Linke Tür, rechte Tür: Wir wissen nicht, was diese freundlichen Mitarbeiter verdienen

4. Teil: Zur Einigung verdammt

Außerdem will sie ein Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte durchsetzen, wie viele Zeitarbeiter ein Unternehmen anheuern darf. Große Sympathie hegt sie für die Idee, dass Bundesländer ihre Wirtschaftsförderung solchen Unternehmen entziehen, die zu viele Leiharbeiter beschäftigen, wie es ab sofort in Thüringen unter einem SPD-Wirtschaftsministers gelten soll.

Das Thema Equal Pay wird also wieder hochkochen. Am Ende könnte sich auch die Bundesregierung einschalten. Im Vermittlungsausschuss zur Hartz IV-Reform hatte sie eine Protokollerklärung verfasst. Darin wurden die Tarifparteien aufgefordert, den Einsatz von Zeitarbeit in den einzelnen Branchen verantwortlich zu regeln und Missbräuche wirksam zu bekämpfen. Hierbei solle besonders berücksichtigt werden, nach welcher angemessenen Verleihdauer Equal Pay gelten solle.

Sollten die Tarifparteien in der diesjährigen Tarifrunde keine befriedigenden Ergebnisse erzielen, werde sich die Regierung der Sache annehmen, hieß es in der Erklärung. Schulz von USG hält das "für einen unzulässigen Eingriff in die Tarifautonomie, die am Ende zu Lasten gering qualifizierter Arbeitnehmer gehen wird".

Er sieht für zeitarbeitsaffine Branchen schwarz, wenn Equal Pay kommt. "Dann verlassen viele Unternehmen das Land". Ein bedeutender Logistikkunde von USG habe einen großen Standort bereits verkleinert und ins benachbarte Osteuropa verlagert. Auch, wenn es für viele Unternehmen natürlich wünschenswert sei, nah am Puls der boomenden deutschen Wirtschaft zu bleiben, schränkt Schulz ein: "Noch überwiegen die Standortvorteile die Kostenvorteile".

Werkverträge im Kommen

Branchenkenner aber meinen: Equal Pay wäre wohl nicht das Ende der Zeitarbeit. Der bürokratische Aufwand würde vermutlich steigen, sowohl für Verleiher, als auch für Entleiher der Arbeitskräfte, da man sich plötzlich mit komplizierten Eingruppierungen in das jeweils richtige Tarifwerk befassen müsste. Aber sicher fänden die Fans der Zeitarbeit ohnehin Mittel und Wege diese Regelungen zum umgehen. Greift etwa die Equal Pay-Regel nach sechs Monaten, könnte man die Verträge auf fünf Monate und 30 Tage befristen und nahtlos einen neuen Kollegen an den betreffenden Arbeitsplatz entsenden.

Ein probates Mittel ist in solchen Fällen auch ein Ausweichen auf Werk- oder Dienstverträge - übrigens schon jetzt etwa im Logistikgeschäft kein Fremdwort. Bezahlt wird dann nicht mehr nach Arbeitszeit, sondern pro bewegtes Päckchen. Das Zeitarbeitsunternehmen verleiht dann keine Arbeitkräfte mehr, sondern organisiert die gewünschte Leistung in Eigenregie in den Räumen und mit den Hilfsmitteln des Kunden.

In fast 40 Prozent der Betriebe werden Werk- und Dienstverträge als Flexibilisierungsinstrument eingesetzt, hat die IG Metall in einer Umfrage bei ihren Branchenunternehmen festgestellt. Dazu Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall: "Neben der Leiharbeit infiziert eine neue Krankheit den Arbeitsmarkt. Auch dies geht vor allem zu Lasten der Stammbelegschaften".

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