Deutsche Wirtschaft Erst Boom - dann Katzenjammer

Nach wie vor signalisiert der manager-magazin-Konjunkturindikator einen zügigen Aufschwung. Doch bereits heute zeichnen sich die negativen Folgen des Booms ab: Die Inflationsgefahren steigen deutlich. Möglich, dass der zunächst willkommene Aufschwung mit erheblichen Schmerzen endet.
Von Carsten-Patrick Meier
Noch läuft es rund: Die Nachfrage nach Stahlröhren für Windkraftanlagen dürfte weiter zunehmen - die gesamte Anlagen- und Maschinenbaubranche hat noch volle Auftragsbücher

Noch läuft es rund: Die Nachfrage nach Stahlröhren für Windkraftanlagen dürfte weiter zunehmen - die gesamte Anlagen- und Maschinenbaubranche hat noch volle Auftragsbücher

Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa

Hamburg - Die Weltwirtschaft läuft nach wie vor auf vollen Touren, trotz hoher Rohstoffpreise und Japan-Katastrophe. Der ungebrochene Aufwärtstrend hat seinen Grund vor allem in der Geldpolitik. Seit Anfang 2009 sind die expansiven Impulse vonseiten der Notenbanken stark. In allen großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften liegen die Geldmarktzinsen bei oder in der Nähe von Null, im Euroraum seit der jüngsten Zinserhöhung der EZB etwas darüber. Real gerechnet dürfte der Weltgeldmarktzins derzeit mit weniger als minus 1 Prozent deutlich im negativen Bereich liegen.

Derart niedrige Realzinsen hat die Weltwirtschaft zuletzt in den 1970er Jahren gesehen. Aber damit nicht genug: Die Notenbanken, allen voran die amerikanische, treten auch in großem Stil als Käufer auf den Wertpapiermärkten auf. Dies wirkt zusätzlich dämpfend auf die Renditen von Finanzanlagen und die Finanzierungskosten.

Es ist also wenig verwunderlich, dass der deutsche Aufschwung nach wie vor anhält: Der manager-magazin-Konjunkturindikator, den wir von Kiel Economics monatlich erstellen, signalisiert nach wie vor ein Wachstum von 3,5 Prozent für 2011, deutlich mehr als nahezu alle anderen Vorhersagen.

Mehr als andere Länder profitiert die sehr offene deutsche Volkswirtschaft vom weltweiten Wachstumstrend. Bereits in unserer Konjunkturprognose vom vergangenen Dezember (www.kiel-economics.de) haben wir darauf hingewiesen, dass sich vor dem Hintergrund der historisch niedrigen Zinsen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften die Konjunktur vor allem in den Schwellenländern weiter beschleunigten könnte. Der Wachstumsschub wirkt auf Deutschland zurück: zunächst mit einer willkommenen konjunkturellen Belebung, mittelfristig aber mit gravierenden Abwärtsrisiken aufgrund von Blasenbildung an den Rohstoff- und Wertpapiermärkten. Auf den Boom folgt später der Katzenjammer.

Lebenshaltung rund um den Globus hat sich deutlich verteuert

Momentan sind wir noch in der angenehmen Phase dieses Szenarios. Tatsächlich hat die Konjunktur, vor allem in den Schwellenländern, bereits Ende 2010 wieder deutlich an Fahrt aufgenommen, und die Stimmungsindikatoren deuten auf eine weitere Beschleunigung hin. Zudem haben die Rohstoffpreise im vergangen Halbjahr sehr kräftig angezogen: Der unterstellte Ölpreis liegt inzwischen in Regionen um die 120 Dollar pro Barrel, die Preise für andere Rohstoffe sowie für Nahrungsmittel sind zum Teil noch stärker gestiegen.

In der Folge hat sich die Lebenshaltung rund um den Globus deutlich verteuert. Auch die Börsenkurse haben sich merklich erhöht. Die Katastrophe in Japan und die politischen Unwägbarkeiten im arabischen Raum haben diese konjunkturelle Aufwärtsbewegung zuletzt etwas gedämpft, ohne allerdings den Trend in Frage zu stellen.

Für die nähere Zukunft besteht nun das Risiko, dass sich diese Entwicklung zunächst fortsetzt. An den fundamentalen Voraussetzungen hat sich kaum etwas geändert. Die Zinsen in den Schwellenländern sind weiter zum Teil deutlich höher als in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften und laden zum Kapitaltransfer in die ersteren ein - solange erwartet wird, dass die Gewinne aus der Zinsdifferenz nicht durch zukünftige Abwertungen der Schwellenländerwährungen ausgeglichen werden. Das über diese "Carry Trades" bereitgestellte günstige Kapital stimuliert den konjunkturellen Aufschwung in den Schwellenländern weiter und wirkt über verschiedene Kanäle auf fortgeschrittene Volkswirtschaften wie Deutschland zurück.

Der direkte Kanal ist der Handel: Die boomenden Schwellenländer importieren Waren aus Deutschland und anderen Ländern. Der Anteil der Emerging Markets am deutschen Export ist deutlich gestiegen, er ist jedoch mit weniger als 20 Prozent immer noch vergleichsweise gering. Wichtiger könnten deshalb indirektere Kanäle sein: Effekte, die über die Rohstoffpreise und über Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit ablaufen.

So steigen durch die Nachfrage der Schwellenländer die Weltmarktpreise für Rohstoffe und Nahrungsmittel. Dadurch jedoch steigt tendenziell die relative Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industriebetriebe, da ihre Konkurrenten in den Schwellenländern deutlich energie- und arbeitsintensiver produzieren: Hohe Energiepreise schlagen sich stärker dort nieder als hier; steigende Nahrungsmittelpreise lassen die Löhne dort schneller steigen. Beides treibt die Produktionskosten in den Schwellenländern und verbessert im Gegenzug die deutsche Wettbewerbsfähigkeit.

Carry-Trades sorgen für Aufwertung in Brasilien und Indien

Dazu kommt ein zweiter indirekter Kanal: Die Carry-Trades haben bereits dazu geführt, dass die Währungen wichtiger Schwellenländer wie Brasilien und Indien deutlich aufgewertet haben, sei es durch die Kapitalzuflüsse selbst, sei es, weil die Notenbanken die Zinsen erhöht haben, um den durch das günstige Kapital befeuerten Aufschwung zu dämpfen. Hält diese Entwicklung an, dürfte sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gegenüber den Schwellenländern dadurch ebenfalls weiter verbessern.

Was wären die konjunkturellen Folgen dieser Entwicklung? Das Ergebnis ist auf den ersten Blick überraschend: Der Produktionsanstieg in Deutschland fällt in diesem Szenario stärker aus als in unserem Basisszenario. Gleichzeitig würde sich der Preisauftrieb weiter beschleunigen: zum einen durch die außenwirtschaftlich bedingten Teuerungsimpulse infolge höherer Preise für Rohstoffe, Nahrungsmittel und für Importwaren aus Schwellenländern; zum anderen durch einen höheren Lohnanstieg.

Lohnsteigerungen gewinnen an Bedeutung

Noch dürfte sich die Lohndynamik in Grenzen halten, doch ab kommendem Jahr dürfte sie jedoch hohe Bedeutung gewinnen. Es ist vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen, dass sich die Inflationserwartungen auf einem höheren Niveau verfestigen und Lohnanstieg und Inflation über einen längeren Zeitraum spürbar über dem Zielwert der EZB liegen.

Wie gesagt: Auf den Boom folgt der Katzenjammer.

Mittelfristig besteht das Risiko eines gravierenden konjunkturellen Rückschlags. Der monetär gespeiste Boom dürfte weltweit zu einer starken Inflationsbeschleunigung führen. Irgendwann werden die Notenbanken den Überhitzungstendenzen entgegen treten. Dann kann es zu einer raschen Umkehr der Kapitalströme mit erheblichen Verlusten kommen. Die Konjunktur in den Schwellenländern würde dann drastisch einbrechen; die fortgeschrittenen Volkswirtschaften wären ebenfalls empfindlich getroffen.

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