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Fotostrecke: Diese Meiler wurden 2011 abgeschaltet

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Energiepolitik Experten streiten über Kosten des Atomausstiegs

Fachleute und Berater überschlagen sich mit Prognosen, bis wann ein Atomausstieg in Deutschland möglich ist. Eine Regierungskommission drückt aufs Tempo, auf Energieeffizienz spezialisierte Firmen auch. Ökonomen warnen dagegen davor, die Kosten zu verniedlichen.

Berlin - Regierungsberater fordern einen radikalen Umstieg in ein Zeitalter der erneuerbaren Energien. Mittelfristig sei eine Energieversorgung ohne Atomkraft, Kohle und Erdöl möglich, zeigten sich die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) überzeugt.

Am Donnerstag überreichten sie Umweltminister Norbert Röttgen und Forschungsministerin Annette Schavan ihr Hauptgutachten "Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation". Die beiden CDU-Politiker werteten die Studie als Unterstützung in der momentanen Energiedebatte.

Zur Erreichung einer nachhaltigen und demokratischen Industriegesellschaft fordern die Berater einen umfassenden Gesellschaftsvertrag. "Das fossil-nukleare System muss durch ein effizient-erneuerbares System ersetzt werden. Und dafür müssen die Weichen in den nächsten Jahrzehnten gestellt werden", sagte der Vorsitzende des Beirats, Hans-Joachim Schellnhuber, in Berlin. Er fügte hinzu, dass ein Ausstieg aus der Atomkraft sicherlich bis 2020 vollendet werden könne.

In einer ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Studie kommt die Umweltorganisation Greenpeace zu dem Schluss, dass Deutschland sogar bis 2015 aus der Atomkraft aussteigen könne, "ohne dass dadurch negative Folgen für die Sicherheit der Stromversorgung, den Klimaschutz oder die Energiekosten entstehen". Alles andere wäre "ein fauler Kompromiss", sagte Andree Böhling, Energieexperte bei Greenpeace.

Experte: "Stromeinsparungen von bis zu 40 Prozent möglich"

Auch nach Ansicht Schellnhubers würden bei einem Umstieg auf erneuerbare Energien und einer effizienten Energienutzung "nicht alle Lichter ausgehen". Das Wohlstandsniveau werde dadurch nicht gefährdet. Er zeigte sich überzeugt, dass Stromeinsparungen von bis zu 40 Prozent möglich seien.

Nach Einschätzung führender Ökonomen wird der angestrebte Atomausstieg mit der Abschaltung älterer Meiler dem Wirtschaftsstandort Deutschland zunächst schaden. "Man muss sich ganz klar sein, dass kurzfristig damit Produktionspotenzial wegfällt. Das heißt, der Wohlstand, den wir haben, wird teurer", sagte der Ökonom Kai Carstensen vom Münchner ifo-Institut bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens in Berlin.

Wenn Kernkraftwerke vom Netz gingen und billiger Atomstrom wegfalle, erhöhe das die Energiekosten für die Industrie. Der Preisanstieg könne durch Stromimporte oder mehr erneuerbare Energien etwas gedämpft werden. Grundsätzlich müsse man sich aber fragen, ob Branchen, die besonders viel Strom verbrauchen, auch künftig in Deutschland noch wettbewerbsfähig seien.

Bürger nehmen Hochspannungsleitungen vor der Haustür in Kauf

Ifo-Konjunkturchef Carstensen kritisierte, derzeit werde der Bevölkerung suggeriert, der Umstieg von Atom- auf Ökostrom sei praktisch kostenlos zu haben. "Das glaube ich mittelfristig nicht." Auf lange Sicht gehöre zur Rechnung aber auch, dass bei der Kernenergie hohe Kosten für die Endlagerung dazu kämen.

Eine Initiative von Firmen, die ihr Geld mit Energieeffizienz verdienen, hält den Ausstieg aus der Atomkraft bis 2020 für wirtschaftlich gewinnbringend umsetzbar. So könnten in diesem Zeitraum jährlich 68,3 Milliarden Kilowattstunden Strom durch Effizienzmaßnahmen eingespart werden, heißt es in dem am Donnerstag in Berlin veröffentlichten "Zehn-Punkte-Sofortprogramm" der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz. Das entspreche der Jahresproduktion von etwa zehn Atomkraftwerken (AKW).

Durch Effizienzmaßnahmen im Wärmebereich sei zudem die Einsparung von jährlich 155 Milliarden Kilowattstunden Wärmeenergie möglich. Nach Meinung der Experten würde das den zusätzlichen CO2-Ausstoß durch neue Gaskraftwerke kompensieren, die neun weitere AKW ersetzen müssten. Insgesamt könnten durch die im Zehn-Punkte-Programm vorgeschlagenen Maßnahmen pro Programmjahr 19,3 Milliarden Euro Energiekosten eingespart werden, hieß es.

Mehrheit der Bürger will bis 2020 aussteigen

"Energieeffizienz ist der Schlüssel für einen schnellen Atomausstieg ohne zusätzliche CO2-Emissionen und Energieimporte", sagte Initiativen-Chef Carsten Müller. "Sie ist außerdem die sauberste, billigste und sicherste Energiequelle." In der deutschen Energiepolitik müsse die eingesparte Kilowattstunde absolute Priorität vor jedem teuren Meter Netzausbau haben.

Eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent der Bundesbürger ist derweil dafür, angesichts der Katastrophe von Fukushima noch vor dem Jahr 2020 komplett aus der Atomkraft auszusteigen. Das Ergab eine Umfrage des Instituts Yougov für die Deutsche Nachrichten-Agentur.

Dafür sind die Bürger bereit, Stromtrassen und höhere Preise in Kauf zu nehmen: 66 Prozent würden es hinnehmen, dass in der Nähe der eigenen vier Wände eine Stromautobahn errichtet wird. Bis zu 3600 Kilometer neuer Höchstspannungsleitungen sind nötig, um zum Beispiel künftig Windstrom von der See in den Süden Deutschlands zu schaffen.

Mit rund 48 Prozent ist fast die Hälfte der Befragten bereit, bis zu 40 Euro mehr pro Jahr für den Strom zu bezahlen, wenn dadurch die Energiewende beschleunigt wird - darunter besonders viele Frauen. Jeder Zweite wünscht sich, dass sich ein schnellerer Atomausstieg nicht negativ auf den Klimaschutz auswirkt, mehr CO2-Ausstoß durch vermehrte Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken also vermieden wird. Für die Umfrage wurden 1086 Bürger befragt.

Derzeit stehen 8 der 17 Akw wegen des dreimonatigen Atom-Moratoriums der Bundesregierung still. Aufgrund einer planmäßigen Revision liefert zudem die Anlage im bayerischen Grafenrheinfeld für einige Wochen keinen Strom. Bis Mitte Juni entscheidet die Regierung, welche Meiler für immer vom Netz müssen und wie lange die anderen noch laufen dürfen.

nis/dpa-afx/dapd

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