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Politbeben: Wirtschaftslenker über das grüne Wunder

Machtwechsel in Baden-Württemberg Wie Firmenchefs mit Grün-Rot (über)leben wollen

Ein Regierungswechsel unter grüner Führung galt vielen Unternehmern und Managern in Baden-Württemberg als schlimmstmögliches Wahlergebnis. Am Tag nach dem Wechsel fallen die Töne überraschend versöhnlich aus. Mancher  Firmenchef sieht nun sogar neue Möglichkeiten.

Hamburg - Eine besondere Nähe zur politischen Linken lässt sich dem baden-württembergischen Schraubenmilliardär Reinhold Würth kaum nachsagen. Das langjährige FDP-Mitglied galt vielen Grünen und Sozialdemokraten eher als Feindbild. Hatte er doch Teile seiner Firma in eine österreichische Stiftung eingebracht, war er doch wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden. Wertschätzung erfuhr Würth eher vom scheidenden Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU). Er lobte Würth auf der Feier zu seinem 75. Geburtstag als Mäzen und für die Tatsache, dass der Schwabe 60.000 Arbeitsplätze geschaffen hat.

Umso überraschender fällt die Meinung des Unternehmers über die zu erwartende Koalition und ihre Protagonisten aus. "Die Parteivorsitzenden sind loyale Baden-Württemberger und werden ihrem Versprechen folgend die Bürgergesellschaft pflegen und weiterbauen", lobt Würth in einer Stellungnahme für manager magazin. Den Unternehmen werde die neue politische Führung nicht schaden. "Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden." Grüne und SPD seien genauso auf florierende Firmen als Steuerzahler angewiesen wie die Vorgängerregierung.

Wer nach dem grün-roten Wahlsieg in Baden-Württemberg einen Aufstand von Unternehmern und Managern gegen die sich abzeichnende neue Regierung erwartet hat, sieht sich zumindest an Tag Eins nach dem Politbeben getäuscht - das legt nicht nur Würths Reaktion nahe.

Wirtschaft setzt auf Pragmatismus der neuen Regierung

Zwar bringen viele Wirtschaftsgrößen aus Baden-Württemberg ihre Enttäuschung über das Ende von Schwarz-Gelb im Wirtschafts-Musterländle zum Ausdruck. Unisono attestieren Firmenchefs der abgewählten Regierung eine jahrzehntelang währende gute Politik. Schwerwiegende Nachteile oder gar einen Verlust der Spitzenstellung des Bundeslandes aufgrund des sich abzeichnenden Wechsels erwarten jedoch die wenigsten.

Dahinter steckt zum Teil die weit verbreitete Überzeugung, dass sich die Grünen inzwischen ausreichend von ihren radikalen Wurzeln entfernt haben. "Die Grünen sind weitaus angepasster als früher", sagt der Geschäftsführer des Ulmer Gartengeräteherstellers Gardena, Martin Bertinchamp, gegenüber manager magazin. Wie Würth ist der Manager überzeugt, dass sich die neue Regierung ins eigene Fleisch schneiden würde, wenn sie Unternehmen beispielsweise stark belastet. "Das können sie sich nicht erlauben."

Darauf hofft auch die Autoindustrie. Deren Topmanager hielten sich im Wahlkampf zurück. Die Beschäftigten kämpften dagegen teilweise für den Wechsel. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, der sich für die SPD ins Zeug gelegt hat, erwartet nun, dass die neue Regierung pfleglich mit der Branche umgeht. "Ganz klar ist doch, dass die Unternehmen Gewinne machen müssen", sagte er gegenüber manager magazin. "Produktivität und Flexibilität sind keine Schimpfworte."

Kritik an Atomkraft wächst auch bei Unternehmern

Baden-Württemberg, so offenbar das Kalkül vieler Manager, sei zu erfolgreich, als dass es sich von einer neuen Landesregierung herunterreißen lassen könnte. Was sich in den vergangenen Jahren bewährt hat, würde auch ein grüner Ministerpräsident nicht umwerfen. Trotz des erbitterten Wahlkampfs sehen viele Firmenlenker auch in Grünen und Roten Landeskinder, die im Interesse aller handeln werden.

Und das trotz einer überwiegenden Abneigung gegen zahlreiche wirtschaftspolitische Vorhaben. "Die Regierungsprogramme lesen sich teilweise schon erschreckend", sagt der Chef des Stuttgarter IT-Mittelständlers GFT Technologies , Ulrich Dietz. "Aber in vielen Fragen sind einer Landesregierung die Hände gebunden, alles werden sie also gar nicht umsetzen können."

Besonders eine mögliche Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystem, eine schuldengetrieben Haushaltspolitik sowie ein Verzicht auf das Bahnprojekt Stuttgart 21 lässt manchen Manager frösteln, obwohl die meisten keine direkten Nachteile für ihre Firmen erwarten.

Allerdings wagten sich manche Unternehmer, die sich vor der Wahl entschieden gegen Rot-Grün ausgesprochen hatten, am Montag nicht aus der Deckung, so die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller. Sie hatte den Grünen vor der Wahl einen "dirigistischen Kern voll linker Ideen" attestiert und für die Wiederwahl von Schwarz-Gelb plädiert.

Tunnelbauunternehmer Martin Herrenknecht - einer der möglichen Profiteure des Bahnprojekts Stuttgart 21 - ließ die Frage offen, ob er nach einem Regierungswechsel wie angekündigt in die Schweiz auswandern werde. "Als Demokrat akzeptiere ich das Wahlergebnis in Baden-Württemberg selbstverständlich", teilte er manager magazin mit und zeigte sich ansonsten skeptisch.

Grüne und SPD müssten nun beweisen, dass sie echte Verantwortung für Baden-Württemberg übernehmen könnten: "Nur 'Aussteigen' und 'Dagegen' sein und den Demonstranten hinterherlaufen, das reicht dafür sicher nicht aus. Jetzt wollen wir konkrete, realisierbare und verantwortungsvolle Konzepte und Lösungen von ihnen sehen, egal ob es um Stuttgart 21, Bildung oder Energiepolitik geht."

Atomausstieg: Würth warnt vor Westwind

Sofern der harte Kern der Mappus-Unterstützer nicht auswandern, sondern den Dialog mit der neuen Landesregierung suchen will, werden seine Protagonisten zu einem milderen Tonfall finden müssen als vor der Wahl.

Leichter werden es Firmenchefs haben, die zumindest punktuell inhaltliche Überschneidungen mit Grünen und Roten sehen. Bosch-Chef Franz Fehrenbach hat beispielsweise schon vor der Wahl deutlich gemacht, dass er die Risiken der Kernenergie für nicht tragbar hält. Diese Überzeugung wird ihm manche Tür in der neubesetzten Staatskanzlei öffnen.

Den Ausbau grüner Technologien sehen viele Manager ebenfalls als Chance unter Grün-Rot. "Ein bisschen mehr Druck durch grüne Politik täte der Industrie gut, damit sie noch stärker auf Umwelttechnik setzt", findet beispielsweise GFT-Technologies-Chef Dietz: "Wenn wir in diesem Sektor weiter vorpreschen, haben wir auf dem Weltmarkt gute Perspektiven."

Der geplante Atomausstieg hat daher auch in der Wirtschaft Anhänger. "Der Atomausstieg muss nicht unbedingt ein Nachteil sein", sagt Gardena-Manager Bertinchamp. "Deutschland ist innovativ und bringt immer wieder neue Technologien hervor. Es ist gut denkbar, dass deutsche Firmen international bei den Erneuerbaren Energien führend sein werden und wir daher langfristig profitieren."

Den Zukauf von Atomstrom aus dem Ausland zugunsten eines sehr raschen Ausstiegs halten dagegen die meisten für "scheinheilig und unlauter", wie es der Gesellschafter des Uhrenherstellers Junghans, Hans-Jochem Steim, formuliert. Reinhold Würth drückt es lakonisch aus: "Netto verschieben wir unser Atomrisiko an unsere französischen Freunde - vergessen wir dabei nicht die in Baden-Württemberg vorherrschenden Westwindwetterlagen."