Deutschlands Millionäre Wir da oben - Ihr da unten

In Deutschland leben rund 800.000 Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million Euro. Über ihre Lebenswelt ist jenseits der Klischees wenig bekannt. mm-Redakteur Christian Rickens hat sich in seinem neuen Buch der Welt von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg genähert.
Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg: Abgang nach Plagiatsaffäre

Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg: Abgang nach Plagiatsaffäre

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Hamburg - Am 22. April 2010 um kurz nach zwei ist Karl-Theodor zu Guttenberg mal wieder ganz bei sich. Der Bundesminister der Verteidigung hat an diesem Tag eine mittelblaue Krawatte mit einem hellblauen Hemd kombiniert. Der figurbetonte hellgraue Anzug, für Guttenberg inzwischen fast so etwas wie ein Markenzeichen, lässt ihn in Kombination mit den braunen Schuhen und den dunklen, mit Gel zurückgekämmten Haaren fast südländisch erscheinen: ein Geschäftsmann, der sich vom Mailänder Corso ins politische Berlin verirrt hat.

Der Minister soll vor dem Kundus-Untersuchungsausschuss des Parlaments auszusagen. Kurz nachdem er den Job als Verteidigungsminister übernommen hatte, hat Guttenberg den Angriff in Kundus für gerechtfertigt erklärt. Einige Tage später revidierte er seine Meinung, entließ seinen Staatssekretär und den Bundeswehr-Generalinspekteur, weil die ihm angeblich wichtige Informationen vorenthalten hatten.

SPD, Grüne und Linkspartei wollen die Gelegenheit nutzen, um Guttenberg als Opportunisten zu entlarven. Als jemanden, der schnell mit einer populären Meinung bei der Hand ist, sie bei Bedarf ebenso schnell ändert und dann enge Mitarbeiter opfert, um seine eigene Voreiligkeit zu vertuschen.

Doch Guttenberg hat die Sache im Griff. Mit unerschütterlicher Gelassenheit begegnet er in den folgenden Stunden den immer gleichen Vorwürfen, den die Abgeordneten der Opposition an ihn herantragen. Guttenberg lässt sich nicht in Widersprüche verstricken, immer wieder zitiert er Aussagen aus seinem Eröffnungsstatement.

Ein Ausschussmitglied weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als den Minister zu rüffeln: Es sei doch ziemlich unhöflich, auf wechselnde Fragen die immer gleichen Antworten vom Blatt abzulesen. Statt einer Antwort lächelt Guttenberg nur freundlich. Er unhöflich? Absurder Gedanke! Sie haben lange kein Rezept gefunden gegen den "Baron aus Bayern", wie man ihn in der linken Hälfte des Bundestags nennt. Es musste erst ein Juraprofessor aus Bremen den Job erledigen, der auch jedem Journalisten und jedem Oppositionspolitiker offen gestanden hätte: Mit Hilfe von Google die Doktorarbeit des Ministers unter die Lupe zu nehmen.

Ein Aufsteiger, der von oben kommt: Viele wünschen sich Guttenberg zurück

Bis zu seinem Rücktritt war Guttenberg laut Umfragen der beliebteste Politiker Deutschlands, und überraschenderweise scheint die Plagiatsaffäre daran relativ wenig geändert zu haben: Zwar halten laut Forsa rund zwei Drittel der Deutschen Guttenbergs Rücktritt für richtig. Nur ein Drittel sagt, er sei vor allem über eine Medienkampagne gestolpert. Doch ebenfalls knapp zwei Drittel wünschen sich, dass Guttenberg in absehbarer Zeit wieder ein wichtiges Amt in der Bundesrepublik übernehmen soll. Guttenbergs diskreter Charme der Aristokratie, er wirkt noch immer.

"Es ist, als ob das frische Gesicht mit dem markanten Kinn beim Wahlvolk in eine Marktlücke gestoßen wäre", urteilte das Magazin stern, normalerweise alles andere als CSU-freundlich, bereits 2009 über Guttenberg. "Ein Adeliger ohne Allüren. Millionenschwer, mit einer Familientradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Ein Aufsteiger, der von oben kommt. Das gab es noch nie."

In der Tat: Guttenbergs Aufstieg lässt sich ohne seine Herkunft nicht denken. Da muss sich einer nicht verbiegen, heißt es, wenn Wirtschaftsminister Guttenberg nach einer politischen Niederlage in Sachen Opel mal eben seinen Rücktritt anbietet, da ist jemand finanziell nicht auf Abgeordnetendiät und Ministergehalt angewiesen und für sein Ego nicht auf Chauffeur und Leibwächter. Der Adelstitel und das Familienvermögen gelten als Ursachen für jene innere Stärke, die es Guttenberg erlaubt, nach außen auch mal Schwäche zu zeigen - und so die Regeln des Politikbetriebs zu durchbrechen.

Vor knapp 40 Jahren hingegen fiel der öffentliche Blick auf die Familie Guttenberg wesentlich kritischer aus.

"Es fällt schwer, bei der Polemik des Herrn Baron von Guttenberg nicht zu beklagen, dass die Deutschen niemals eine Revolution zustande gebracht haben, die dieser Art von Großgrundbesitzern die materielle Grundlage entzogen hätte." Das Zitat stammt von Altbundeskanzler Helmut Schmidt und bezieht sich auf den Großvater des heutigen Verteidigungsminister, der ebenfalls Karl-Theodor hieß, ebenfalls für die CSU im Bundestag saß und unter Kiesinger als Staatssekretär im Kanzleramt diente.

Mitarbeiter wie Leibeigene

Vor allem um diesen Karl-Theodor den Älteren geht es in einem Kapitel jenes 1973 erschienenen Buchs, dessen Titel längst zum geflügelten Wort wurde: Ihr da oben - wir da unten. Der mittlerweile verstorbene Spiegel-Redakteur Bernt Engelmann sieht sich in diesem Reportagenband bei den Reichen der alten Bundesrepublik um, bei den Gerlings und Hortens, den Flicks und Oetkers - und eben bei der Familie Guttenberg.

Der junge Undercover-Reporter Günter Wallraff liefert den Gegenschnitt: Er spricht mit den einfachen Arbeitern und Angestellten im Dienst der großen Dynastien. Im Falle der Guttenbergs geht es vor allem um die Mitarbeiter in den Kurbetrieben von Bad Neustadt an der Saale, die damals der Familie Guttenberg gehörten.

Eigentlich seltsam, dass keiner der vielen Journalisten, die über Guttenbergs Auf- und Abstieg sinnieren, jemals auf Engelmanns und Wallraffs damaligen Bestseller gestoßen zu sein scheint.

Die beiden Autoren zeichnen darin das Bild eines Karl-Theodor zu Guttenberg senior, der seine Mitarbeiter wie Leibeigene behandelt, Überstunden nicht bezahlt, Betriebsräte zu verhindern sucht, Lehrlinge als billige Hilfsarbeiter missbraucht und selbst langjährige Beschäftigte wegen kleinster Vergehen feuert. Das adelige Standesbewusstsein zeigt sich vor allem darin, dass sich der Herr Baron bei einer Betriebsfeier vor den Augen der Belegschaft Rehbraten servieren lässt - für alle anderen gibt's Würstchen.

Die Kurbetriebe haben die Guttenbergs längst verkauft. Dennoch bleibt es verblüffend, dass heute niemand mehr den Weg von Engelmann und Wallraff geht und adelige Abstammung und ererbtes Vermögen zunächst einmal als etwas Verdächtiges ansieht.

Wer mit solchem Background in die Politik ging, und das auch noch für die Union, dem wurde in den 70er-Jahren von linken Publizisten unterstellt, dass es ihm vor allem um die Verteidigung seiner spezifischen Oberschichtsinteressen gehe, um die Wahrung von Macht und Mehrung von Vermögen. Heute dagegen gelten Stammbaum und Vermögen der Guttenbergs selbst in einst linken Magazinen wie dem stern als Indiz für materielle und geistige Unabhängigkeit.

Altes Geld als optimale Marschausrüstung für eine Karriere in der Res publica: Sicher kein Zufall, dass Guttenberg nach eigenem Bekunden gerne Platon liest - im altgriechischen Original natürlich.

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