Fachkräftemangel Negativrekord hemmt Einstellungen

Spezialisten der Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind in Deutschland derzeit offenbar kaum zu finden. Erstmals waren im Februar so viele Fachkräfte mehr gesucht als vermittelbar, wie noch nie seit der Jahrtausendwende - zur Freude der Spezialisten selbst. 
Informatikstudentin der TU Chemnitz: Beste Berufsaussichten

Informatikstudentin der TU Chemnitz: Beste Berufsaussichten

Foto: Wolfgang Thieme/ dpa/dpaweb

Hamburg - Während es bei den Unternehmen im Aufschwung brummt, suchen sie händeringend nach hochqualifizierten Fachkräften. Im Februar konnten mehr als 117.000 Jobs für Spezialisten der Fachgebiete Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) nicht besetzt werden. Binnen Monatsfrist nahm die MINT-Lücke um 21.000 Personen zu - der höchste Zuwachs seit dem Jahr 2000. Auf diese aus seiner Sicht alarmierende Entwicklung wies das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Montag in Berlin hin.

Die anhaltende Nachfrage habe den Arbeitsmarkt für MINT-Fachkräfte "praktisch leer gefegt", sagte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös. Dies sei kein konjunkturelles Problem, sondern ein grundsätzliches. Die hohe, nicht befriedigte Nachfrage ist nach den IW-Zahlen jedoch für die Beschäftigten finanziell von Vorteil: Sie konnten ihren Einkommensvorsprung gegenüber Gering- und Mittelqualifizierten seit dem Jahr 2000 um 20 Prozent ausbauen. Im Vergleich zu Akademikern in anderen Bereichen hatten sie 2009 ihren Einkommensvorteil um zehn Punkte auf 25 Prozent gesteigert.

"Der Fachkräftemangel in MINT-Berufen wird zum Bremsklotz für die konjunkturelle Erholung", warnte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Der Fachkräftemangel lasse sich nicht mehr "unter den Teppich kehren". BDA-Bildungsexpertin Barbara Dorn bedauerte die mit durchschnittlich 27 Prozent immer noch zu hohe Zahl von Studienabbrechern im MINT-Bereich. Es sei "kein Beweis von Qualität", wenn bei Prüfungen im Fach Maschinenbau 80 Prozent durchfallen. Es gehe auch nicht an, dass Hochschulen die Studierenden schon im zweiten oder dritten Semester "hinauskomplimentieren", sagte Dorn. Deshalb seien gestufte Abschlüsse wichtig.

Atempause durch "Rente mit 67"

Trotz der hohen Nachfrage nach Spezialisten gab es im Januar noch 86.700 arbeitslose MINT-Kräfte. Sie seien schwer zu vermitteln, weil sie - meist wegen längerer Erwerbslosigkeit - nicht die geforderte Qualifikation mitbringen, hieß es zur Begründung. Immerhin seien im Vergleich zu 2004 aktuell nur noch halb so viele MINT-Spezialisten arbeitslos wie damals. Von der 2012 beginnenden Anhebung des Rentenalters ("Rente mit 67") erwartet die Wirtschaft eine Linderung der Not: Werde ein Jahr länger gearbeitet, blieben damit 50.000 Hochqualifizierte länger im Beruf.

Zustimmung aus der Wirtschaft gab es für die Ankündigung der Bundesregierung, ausländische Berufsabschlüsse in Deutschland unbürokratischer als bisher anzuerkennen, um die Fachkräftelücke zu schließen. Dies will das Bundeskabinett in dieser Woche beschließen. Dabei müssten auch die Bundesländer mitziehen, forderte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Sons. Sie plädierte für ein Punktesystem zur Zuwanderung wie in Australien und Kanada sowie für eine Absenkung der Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung von qualifizierten Ausländern von derzeit 66.000 auf 42.000 Euro im Jahr.

kst/rtr/dpa-afx/afp
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