Atomkatastrophe in Japan Deutschlands (un)mögliche Energiewende

Die Bundesregierung hat ihre Energiepolitik binnen weniger Stunden auf den Kopf gestellt. Im Eiltempo sollen nun vor allem erneuerbare Energien Atomkraftwerke ersetzen. Das Vorhaben gleicht einem ökonomischen Husarenritt - in beinahe jedem denkbaren Szenario wird Strom deutlich teurer.
Hochspannungsmasten in Süddeutschland: Um Strom aus Windenergie in den Süden zu transportieren, müssten mehr als 3000 Kilometer neuer Leitungen gebaut werden

Hochspannungsmasten in Süddeutschland: Um Strom aus Windenergie in den Süden zu transportieren, müssten mehr als 3000 Kilometer neuer Leitungen gebaut werden

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Hamburg - In nie gekannter Weise hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die deutsche Energiewirtschaft und sämtliche Energieexperten überrumpelt. Sieben ältere Atommeiler sollen bereits in den kommenden Tagen vom Netz gehen. Womöglich werden sie nie wieder Strom liefern.

Damit wirft die Bundesregierung nicht bloß sämtliche Kalkulationen der Konzerne Eon , RWE , Vattenfall  und EnBW  über den Haufen, sondern auch das eigene Energiekonzept, das sie im vergangenen Herbst vorgelegt hatte. Es sah den verlangsamten Ausstieg aus der Atomkraft und den schrittweisen Übergang in ein nicht-nukleares Energiezeitalter vor, bei dem regenerative Energien eine entscheidende Rolle spielen.

Nun soll und muss auf einmal alles viel schneller gehen. Während der drei Monate, in denen die alten Reaktoren still stehen, will die Regierung zusammen mit Experten erörtern, wie das gelingen soll. Schon jetzt zeichnet sich ab: Das könnte nur unter außergewöhnlichen Anstrengungen gelingen.

"Kurzfristig kann man insgesamt bis zu vier oder fünf Kernreaktoren vom Netz nehmen", sagte die Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, gegenüber manager magazin. "Dies entspricht dem Überschuss an Strom, den Deutschland im Moment hat." Schon mit dem gegenwärtigen Moratorium geht die Regierung demnach offenbar an die Grenze des Machbaren.

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Anders sieht es der Chef der halbstaatlichen Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler. Die Leistung der sieben alten Atomkraftwerke seien problemlos zu ersetzen. "Wir können das. Wir haben noch genügend Kraftwerke kurzfristig im System", sagte Kohler. Er verwies darauf, dass Deutschland im vergangenen Jahr mehr Strom exportiert als eingeführt habe.

Insgesamt trug die Kernenergie 2010 gut 22 Prozent zur deutschen Bruttostromproduktion bei, so die Zahlen der Dena. Auf Stein- und Braunkohle entfielen zusammen gut 42 Prozent, der Wert für Erdgas erreichte 14 Prozent. Als wichtigster erneuerbarer Energieträger kam die Windenergie gerade einmal auf 6 Prozent, Wasserkraft und Biomasse kommen zusammen auf knapp neun Prozent, die üppig geförderte Fotovoltaik lediglich auf 1,9 Prozent.

Die Verteilung der gegenwärtigen Stromerzeugung illustriert, wie groß die Aufgabe ist, die sich die Bundesregierung nun gestellt hat. Die Kosten für den Umstieg sind trotz der bisher - in absoluten Zahlen - bescheidenen Erfolge bereits jetzt immens. Für 2011 prognostizieren die deutschen Transportnetzbetreiber eine Summe von 12,4 Milliarden Euro, mit der die Stromkunden den Ausbau der Erneuerbaren finanzieren sollen - über die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebene Umlage.

Renaissance der Kohlekraft für wahrscheinlich

Die Fotovoltaik verschlingt davon mehr als die Hälfte, und ihr Ertrag ist bisher denkbar gering. Allein für die zwischen 2000 und 2020 installierten Anlagen, komme die für 20 Jahre garantierte Förderung deutsche Stromverbraucher mit 85,4 Milliarden Euro zu stehen, hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) errechnet. Für jede Kilowattstunde zahlen Stromkunden vor allem deshalb eine EEG-Umlage von 3,5 Cent, im Jahr macht das für eine Familie Mehrkosten in Höhe von bis zu einigen Hundert Euro.

Eine Summe, die viele Verbraucher angesichts der Dramatik bei einem Atom-GAU inzwischen sicher nicht ungern zahlen - allerdings ist die Gegenleistung vor allem wegen der geringen Ausbeute der Solarenergie (noch) zu gering.

Sollte die Regierung mit einem schnellen Atomausstieg ernst machen, muss sie eiligst nach Alternativen suchen. Großer Hoffnungsträger unter den Erneuerbaren sind vor allem Windparks auf dem offenen Meer. Bisher sind zwar zahlreiche Anlagen genehmigt, erst wenige jedoch ans Netz gegangen - wie die Testanlage Alpha Ventus vor Borkum.

Bis zum Jahr 2019 könnte die installierte Leistung auf gut 9000 Megawatt anwachsen, erwartet das RWI in einem vor dem Atomunfall in Japan erstellten Szenario. Dies entspräche einer Leistung von etwa sieben Atomkraftwerken.

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Die Kosten fielen einer RWI-Rechnung für manager magazin zufolge vergleichsweise niedrig aus: Sie betrügen in der Hochphase der Förderung (2018) etwa 1,6 Milliarden Euro im Jahr und würden sich auf netto 18,6 Milliarden Euro summieren, sofern der allgemeine Strompreisanstieg mäßig stiege. Diese so genannten EEG-Differenzkosten fielen geringer aus, wenn der allgemeine Strompreis stärker steigt, weil die Diskrepanz zwischen anfangs teurem Windstrom und dem allgemeinen Strompreis geringer ausfiele.

Bisher scheiterte der massive Ausbau der Windenergie auf dem Meer an den hohen Investitionskosten sowie dem Ausbau neuer Höchstspannungsleitungen durch die Republik. Auch die Fragen, wie überschüssiger Strom zu speichern und eine Grundlast zu gewährleisten wäre, gelten bisher als ungeklärt. Die Regierung müsste darauf setzen, dass zumindest die politischen Widerstände und manche ökonomischen Probleme angesichts der Katastrophe in Japan in den Hintergrund rücken.

Trotz aller Anstrengungen könnte die Regierung aber möglicherweise nicht darum herumkommen, zwischenzeitlich wieder verstärkt auf fossile Energieträger zu setzen. "Die frühe Abschaltung der Reaktoren müsste durch einen teilweise Zubau von Kohlekraftwerken kompensiert werden", sagte DIW-Expertin Kemfert. Erschwerend komme hinzu, dass in den nächsten Jahren zahlreiche alte Kohlemeiler vom Netz gehen sollen.

Kernkraftwerksbetreiber nehmen Entwicklung vorweg

Wie viel ein rascher Umstieg unterm Strich kosten wird, lässt sich derzeit kaum beziffern. Dass es teuer wird, steht dagegen fest. Das gilt nicht nur aufgrund einer möglichen massiven Förderung alternativer Energieträger. Auch Kohlekraft hat einen hohen Preis. Durch deren Zubau "würden die CO2 Emissionen steigen - und somit auch die CO2 Preise, das würde die Strompreise tendenziell steigen lassen", sagte Kemfert.

Der Auffassung ist auch der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar. "Die Strompreise für die privaten Verbraucher werden mittelfristig spürbar steigen", sagte Straubhaar der "Saarbrücker Zeitung". "Je mehr Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie jetzt beschleunigt, desto stärker wird die Bevölkerung mit einem Anstieg der Energiepreise konfrontiert sein."

Zu einem Preisanstieg werde allerdings auch ohne eine völlige Abkehr von der Kernkraft kommen. Sie ließe sich nur mit neuen Sicherheitsstandards betreiben - und auch diese würden teuer. So teuer, dass manche Betreiber ihre Kraftwerke vielleicht aus eigenem Antrieb schließen würden. So tat es gestern jedenfalls bereits EnBW mit der Anlage in Neckarwestheim.

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