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Atomkraft: Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke

Foto: Wolf-Dietrich_Weissbach/ picture-alliance / dpa

Atompolitik Energiekonzerne warnen Politik vor Alleingang

Nach der nuklearen Katastrophe in Japan fordern auch Stimmen aus Union und FDP ein Abschalten alter Meiler in Deutschland - und einen schnelleren Übergang zu alternativen Energiequellen. Die Energiekonzerne kritisieren derlei Pläne scharf und warnen vor übereilten Schritten. 

Berlin - Nach der Atomkatastrophe in Japan hält die Bundesregierung nicht mehr bedingungslos an ihrem heftig umstrittenen Beschluss zur Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke fest. Auf die Frage, ob es auch ein Moratorium für den Regierungsbeschluss zur Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke geben könne, sagte Vize-Kanzler Guido Westerwelle (FDP) am Montag: "Ich kann mir das vorstellen."

Er sprach sich für die Einsetzung einer neuen Expertengruppe aus, die die Sicherheitsstandards aller AKWs in Deutschland überprüfen soll. Entscheidend für das weitere Vorgehen seien dann die Ergebnisse dieser unabhängigen Expertenkommission. "Wir brauchen eine neue Risikoanalyse", sagte der FDP-Chef. Er bezog das vor allem auf die Überprüfung der Kühlsysteme der Atomkraftwerke, die in Japan offensichtlich teilweise versagt haben.

Westerwelle und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sprachen sich auch für einen rascheren Übergang von der Atomkraft zu regenerativen Energiequellen aus, als dies bisher von der Bundesregierung geplant war. "Es hat sich eine neue Lage ergeben", sagte Brüderle dazu. Konkret verlangte er einen schnelleren Ausbau der Stromnetze und eine rasche Weiterentwicklung der CCS-Technologie. Damit soll der für die Umwelt sehr schädliche CO2-Ausstoß, der bei der Kohle-Verbrennung entsteht, unter die Erde verpresst werden.

Zuvor hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) eine Expertenkommission einberufen, die sich mit den Konsequenzen für das Bundesland beschäftigen soll. "Sollte sich eine bisher nicht bekannte Fehlerquelle herausstellen, werden alle nötigen Konsequenzen vorbehaltlos gezogen", so der CDU-Politiker.

Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) verlangt als Konsequenz aus den Störfällen in Japan einen rascheren Umstieg auf erneuerbare Energien. "Japan verändert alles", sagte Söder der "Süddeutschen Zeitung". Zwar gebe es energiepolitisch noch keine "seriöse Alternative", um jetzt schon in Deutschland auf Atomstrom zu verzichten. Allerdings müsse der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen "schneller umgesetzt werden, als bisher geplant". Söder knüpft die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke an die Bedingung, dass die Sicherheitsmaßstäbe zunächst neu bewertet werden. "Es braucht einfach noch einmal eine grundlegende Debatte über alle möglichen Risiken und Schutzmechanismen dazu."

EU-Energiekommissar: "Ich schließe gar nichts aus"

EU-Energiekommissar Günther Oettinger schließt als Konsequenz aus der Atomkatastrophe in Japan die vorzeitige Schließung älterer deutscher Kernkraftwerke nicht aus. Die alten Kraftwerke seien zwar ständig und umfassend nachgerüstet worden, dennoch müsse ohne jede Vorbedingung deren Sicherheit geprüft werden, sagte Oettinger am Montag im Deutschlandfunk. "Ich schließe gar nichts aus", sagte er auf die Frage nach einem Abschalten von Anlagen.

"Grundversorgung bei Abschalten alter AKWs nicht gefährdet"

Ein sofortiges Abschalten der sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke würde nach Ansicht des Sachverständigenrats für Umweltfragen die Grundversorgung der Bundesrepublik nicht gefährden. Es müsste in diesem Fall auch nicht auf importierten Atomstrom zurückgegriffen werden. Das erklärte der Generalsekretär des Sachverständigenrates für Umweltfragen bei der Bundesregierung, Christian Hey, am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd.

Wegen der Atomkrise in Japan hat Oettinger Vertreter der Industrie und der Mitgliedsstaaten für Dienstag zu einem Dringlichkeitstreffen nach Brüssel gerufen. Wenn es erforderlich sei, werde die EU Vorsorgemaßnahmen ergreifen, sagte der EU-Energiekommissar weiter. An dem Treffen würden Kraftwerkshersteller und Verkäufer von Atom-Technik sowie Mitarbeiter der nationalen Aufsichtsbehörden teilnehmen.

Brüssel hat bereits am Wochenende das EU-Frühwarnsystem "Ecurie" aktiviert, das für Störfälle in europäischen Meilern eingerichtet wurde.

Ungeachtet der massiven Vorbehalte der deutschen Bevölkerung hatte Oettinger bislang dafür geworben, die Kernkraft als wichtigen Pfeiler der europäischen Energieversorgung zu erhalten. Angesichts des "neu erwachten Interesses" in Europa müsse ihr Potenzial "offen und objektiv" bewertet werden, hatte der Kommissar bei der Vorstellung seiner Energiestrategie im Herbst mitgeteilt. Die EU müsse ein weltweit führender Anbieter von Nukleartechnolgie bleiben.

Die europäische Atomlobby sah sich - zumindest bis zum Erdbeben in Japan - im Aufwind. Frankreich bezieht rund 80 Prozent seines Stromes aus der Kernkraft, Staatspräsident Nicolas Sarkozy setzt sich massiv für den Export der Technik ein. Er schloss erst vor drei Jahren ein Abkommen mit dem bedrängten libyschen Staatschef Muammar al Gaddafi für den Aufbau einer Atomanlage. Aber auch Großbritannien, die Slowakei, Tschechien, Finnland und Schweden setzten wieder vermehrt auf Kernenergie.

RWE warnt vor Alleingang Deutschlands

Die Kernenergiebranche hingegen warnt vor übereilten Schlussfolgerungen. "Jeder deutsche Reaktor ist auf jeden Fall besser ausgerüstet als der in Fukushima", sagte der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, dem "Handelsblatt". An der Verlängerung der Laufzeiten solle nicht gerüttelt werden. Die Lage in Japan sei einmalig. "Eine Verkettung solcher außergewöhnlichen Naturkatastrophen ist für Deutschland nicht vorstellbar."

Der größte deutsche Energiekonzern Eon  weist Forderungen nach einer Rücknahme der Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke zurück. "Dafür gibt es keinen Grund. Unsere Anlagen werden nach höchsten Sicherheitsstandards betrieben", sagte ein Sprecher. Selbstverständlich flössen die Erkenntnisse aus Japan in die ständigen Überprüfungen der Sicherheit der Anlagen ein. Die Lage sei aber noch unübersichtlich. "Wir wissen noch viel zu wenig, um jetzt schon Schlussfolgerungen aus dem Unglück ziehen zu können."

Auch für den Chef des Energiekonzerns RWE , Jürgen Großmann, sind die Störfälle in Japan nicht mit der Situation in Deutschland vergleichbar. "In Japan war nicht das Erdbeben der Hauptschadensgrund, sondern der Tsunami - und so etwas gibt in Deutschland nicht", sagte er der "Bild"-Zeitung. Trotzdem müssten auch die Kraftwerke hierzulande sogar gegen äußerst unwahrscheinliche Ereignisse wie schwere Erdbeben ausgelegt sein. Zugleich warnte der Manager in der Diskussion über die Sicherheit von Atomkraftwerken vor einem Alleingang Deutschlands.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, verlangt nach der Nuklearkatastrophe in Japan einen Ausstieg aus der Atomkraft. "Eine Technik wie Atomkraft, die hundertprozentige Sicherheit erfordert, entspricht nicht dem Maß des Menschen", sagte Schneider der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Folgen eines möglichen Unfalls seien so, "dass wir auch mit einem Rest an Risiko nicht leben können". Es dürfe deshalb keine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken in Deutschland geben. Zudem fehle noch immer eine Lösung für die Lagerung von Atommüll, sagte Schneider der Zeitung.

rei/dpa/reuters/dapd
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