Nach der japanischen Katastrophe Können wir uns den Atomausstieg leisten?

Angst beherrscht die deutsche Energiepolitik, gerade im Wahljahr 2011. Das ist verständlich. Aber der Weg aus der Atomwirtschaft wird kein leichter sein. Wer aussteigen will, muss einige schwierige Fragen beantworten.
Explosion im Kernkraftwerk Fukushima: Japan und Deutschland gehören zu den fünf größten Atomstromproduzenten

Explosion im Kernkraftwerk Fukushima: Japan und Deutschland gehören zu den fünf größten Atomstromproduzenten

Foto: REUTERS TV / Reuters

Hamburg - Raus, raus, nur noch raus. Auf die japanische Nukleartragödie reagieren viele in Deutschland mit heftigen Emotionen. Möglichst schnell und am besten überall auf der Welt sollten die Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Angst breitet sich aus: Wenn es die Hightech-Nation Japan treffen kann, warum soll dann nicht irgendeine Katastrophe, und sei es ein terroristischer Anschlag, auch hierzulande eine Reaktorhavarie verursachen können?

Diese Angst wird in der näheren Zukunft die Politik bestimmen. Nicht nur, aber gerade auch in Deutschland. Der verunsicherten Bevölkerung muss - im Landtagswahljahr 2011 - etwas geboten werden. Ankündigung wird auf Ankündigung folgen: Die 17 Meiler in Deutschland werden sicherheitstechnisch überprüft und der verschobene Atomausstieg neu diskutiert. Gutachten und Gegengutachten werden geschrieben, Deals ausgehandelt zwischen Politik und Kraftwerksbetreibern. Es wird nach Aktion aussehen, das zumindest.

So schlimm die japanische Katastrophe sein mag, so ist doch zweierlei klar: Erstens wird es auf die Schnelle keinen Ausstieg geben, schon gar nicht im internationalen Maßstab. Und dieser Ausstieg wird, zweitens, sehr teuer. Dazu ist über Jahrzehnte zu viel in die Atomnutzung investiert worden.

Seit der ersten Ölkrise 1973 ist die Kernenergie weltweit massiv ausgebaut worden. Mehr als verzehnfacht hat sich die Produktion von Atomstrom, wie die Internationale Energie Agentur (IEA) vorrechnet. In den 70er und 80er Jahren gingen viele neue Meiler ans Netz, seit den 90er stagniert der Ausbau zwar, gewinnt aber seit einigen Jahren international wieder an Fahrt, weil die Atomenergie - bei Normalbetrieb - als emissionsarme und vergleichsweise klimafreundliche Energie gilt.

Auf die Kernenergie entfällt heute ein Siebtel der weltweiten Stromerzeugung. Viel weniger als auf die fossilen Energieträger Steinkohle (41 Prozent) und Gas (21 Prozent). In Japan wird - ebenso wie in Deutschland - knapp ein Viertel des Elektrizitätsbedarfs aus Kernspaltung gewonnen. Beide Länder gehören zu den Top 5 der globalen Atomstromproduzenten, zusammen mit den USA, Frankreich und Russland.

Natürlich können auch die Intensivnutzer aus der Kernspaltung aussteigen. Doch dieser Weg wird kein leichter sein. Unangenehme Fragen werden aufgeworfen:

  • Noch mehr Kohlekraftwerke bauen? Heute basieren 42 Prozent der deutschen Elektrizitätserzegung auf Braun- und Steinkohle, so das Umweltbundesamt. Kohle hat den Vorteil, dass sie weltweit reichlich verfügbar ist, Lieferengpässe also nicht auftreten sollten. Aber ihre Verfeuerung ist CO2-intensiv, heizt den Treibhauseffekt an, mit mutmaßlich schwerwiegenden Langfristfolgen. Wer diese Schäden vermeiden will, wird auf - teure, kaum erprobte, risikoreiche - neue Technologien wie die CO2-Einlagerung in unterirdischen Kavernen setzen. Gegen solche Überlegungen gibt es bereits heute massiven Widerstand in den betroffenen Regionen.
  • Noch mehr Gaskraftwerke bauen? Das wäre deutlich klimaschonender als Kohle und wegen des aktuell großen Angebots an Gas aus heutiger Sicht sogar mit überschaubaren Kosten verbunden. Bislang liegt der Gasanteil an der deutschen Stromerzeugung bei nur 14 Prozent. Aber die Versorgung ist langfristig mit Fragezeichen behaftet. Sie hängt stark am deutschen Hauptlieferanten Russland, auch alternative Ursprungsländer wie Aserbaidschan, von wo aus künftig per Pipeline ("Nabucco") Gas gen Westen strömen soll, gehören nicht zu den stabilsten Weltgegenden.
  • Noch mehr Windräder? Die Windenergie macht bislang deutlich unter 10 Prozent an der hiesigen Elektroproduktion aus. Insgesamt kamen die erneuerbaren Energie 2008 auf einen Anteil von immerhin 17,4 Prozent. Wer mehr will, muss die Netze massiv ausbauen, um Strom aus dem windreichen Norddeutschland ins dichtbesiedelte West- und Süddeutschland transportieren, idealerweise auch speichern zu können. Das wird enorm teuer: Rund 200 Milliarden Euro müssten nach Branchenschätzungen in diesem Jahrzehnt europaweit in die Aufrüstung der Netze investiert werden. Kosten, die die schwächelnden Stromkonzerne nicht selbst werden tragen können, sondern die letztlich vom Steuerzahler - oder vom Verbraucher - getragen werden müssen.

Die wieder anschwellende Ausstiegsdebatte wirft unangenehme Fragen auf. Wer sie ernsthaft führen will, muss sich mit den schwierigen Alternativen ernsthaft auseinandersetzen.

Bislang wurde die deutsche Stromdebatte in dem Glauben geführt, es gebe große Überkapazitäten bei der Stromerzeugung und jede Menge Geld zu verbauen. Nur aus dieser Grundhaltung heraus konnte es passieren, dass die Solarstromerzeugung mit vielen Milliarden Euro gefördert wurde, dass sie trotz dieses gigantischen Mitteleinsatzes aber nicht mal 1 Prozent zur gesamten deutschen Stromerzeugung beiträgt. Eine extrem ineffiziente Verwendung knapper Mittel.

Derartige Verschwendung werden wir uns nicht mehr leisten können. Ein rascher Ausstieg aus der Kernenergie wird Kapazitätsengpässe verursachen, die sich nur mit hohen Ersatzinvestitionen schließen lassen. Gelder, die nicht mehr vorhanden sind: weder bei den Stromkonzern noch bei den gestressten Staatshaushalten.

Um nicht missverstanden zu werden: Man kann trotzdem aus der Atomwirtschaft aussteigen. Aber eine Debatte, die vor allem mit großen Emotionen - "Atom=böse", "Sonne=gut" - geführt wird, wird dieses Ziel nicht erreichen.

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