E10-Desaster Biosprit-Chaos - VW weist Vorwürfe zurück

Im Biosprit-Desaster meldet sich Volkswagen zu Wort. Der Konzern weist die Schuldvorwürfe am Informationschaos zurück und sieht den Verbraucher in der Pflicht. Denn jeder Autofahrer könne leicht erkennen, ob sein Auto Biosprit vertrage oder nicht.
Schädlich oder nicht? Die Verbraucher sind angesichts der unterschiedlichen Expertenmeinungen verunsichert und kaufen kaum den neuen Biokraftstoff

Schädlich oder nicht? Die Verbraucher sind angesichts der unterschiedlichen Expertenmeinungen verunsichert und kaufen kaum den neuen Biokraftstoff

Foto: dapd

Wolfsburg/Berlin - Die Einführung des Biosprits E10 entwickelt sich zu einem Debakel - und keiner will dafür verantwortlich sein. Nach der Politik, dem ADAC und der Mineralölwirtschaft hat nun auch der erste Autobauer die Verantwortung an dem Chaos zurückgewiesen.

Europas größter Autobauer Volkswagen hat am Montag Vorwürfe mangelnder Informationen über die Einführung des Biosprits E10 zurückgewiesen. Es sei eine Servicenummer eingerichtet worden und es sei eine Liste der nicht E10-tauglichen Motoren beim ADAC hinterlegt worden, sagte ein Sprecher in Wolfsburg.

Bei Volkswagen betreffe das nur "einen sehr, sehr geringen Anteil" von Autos. Es gehe dabei um in den Jahren von 2001 bis 2005 gebaute Modelle von Lupo, Polo, Golf, Bora und Touran mit FSI-Motoren. In diesen Autos mit direkt einspritzenden Benzinmotoren sei die Einspritzpumpe nicht auf E10 angelegt.

Zuvor hatte die Mineralölwirtschaft den Autobauern am Informationschaos die Schuld gegeben. "Wir können nur den Kontakt zwischen Autofahrer und Hersteller herbeiführen", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), Klaus Picard, dem Bayerischen Rundfunk. Die Tankstellen könnten keine "kompetente Auskunft" über die Verträglichkeit von E10 für bestimmte Autos geben. "Der Autobauer hat das Auto hergestellt, und er kennt es."

Der VW-Sprecher wiederum lud die Verantwortung bei den Verbrauchern ab. Jeder Autofahrer könne mit der Angabe der Motor-Kennbuchstaben, die aus dem Kfz-Schein erkenntlich seien, erfahren, ob sein Auto Biosprit-tauglich sei. Die betroffenen Fahrer hätten aber nicht aktiv angeschrieben werden können, weil VW die Anschriften der Fahrer nicht habe - aus datenschutzrechtlichen Gründen, sagte ein Sprecher.

Biosprit wird zur Belastungsprobe für Schwarz-Gelb

Vor dem Benzin-Gipfel am Dienstag stellen die Koalitionspartner FDP und CSU die weitere Einführung von E10 grundsätzlich infrage. FDP-Generalsekretär Christian Lindner sagte, E10 müsse auf den Prüfstand. "Wenn nötig, muss die ganze Biosprit-Strategie und insbesondere ihr Zeitplan überdacht werden", sagte er der "Rheinischen Post" (Dienstagausgabe). Der Verkehrsexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring, forderte, die Einführung von E10 nach dem Chaos an den Tankstellen zu stoppen. "Die Verbraucher müssen zunächst Klarheit und Sicherheit bekommen", sagte er dem "Tagesspiegel". Auf ein paar Monate komme es nicht an.

Der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europa-Parlament, Markus Ferber, erklärte am Montag in Brüssel: "Angesichts des Chaos mit dem E10-Sprit muss die Einführung gestoppt werden." Die EU verlange erst ab dem Jahr 2020 einer höhere Beimischung von Bioethanol. Öl- und Autoindustrie hätten neun Jahre Zeit, einen Sprit zu entwickeln, den jeder Motor verträgt.

Röttgen will Verunsicherung der Verbraucher abbauen

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will E10 jedoch weiterhin bundesweit durchsetzen. "Fast alle Autos vertragen das neue Benzin, und wir haben dafür gesorgt, dass die rund 7 Prozent älteren Modelle, die es nicht vertragen, unbefristet weiter das alte E5 tanken können", sagte der Minister der "Saarbrücker Zeitung". Beim Benzin-Gipfel, zu dem Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) eingeladen hat, müsse es jetzt darum gehen, "die Verunsicherung beim Verbraucher gemeinsam abzubauen".

Die Mineralölwirtschaft forderte die Bundesregierung auf, die Ablehnung der Autofahrer ernst zu nehmen. "Wir haben es heute schon mehr mit einer fehlenden Akzeptanz, denn mit fehlender Information zu tun", sagte Verbandssprecher Picard. Die Ölkonzerne hätten die Vorgabe der Politik zur Einführung von E10 "gegen den Wunsch der breiten Bevölkerung umsetzen müssen".

Für den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir ist "das E10-Konzept der Bundesregierung gescheitert". Röttgens Plan sei unausgegoren, sagte Özdemir der "Rheinischen Post" und verwies auf andere Möglichkeiten zum Klimaschutz: "Wir brauchen benzinsparende Automobile, wir brauchen ein Tempolimit auf den Autobahnen, wir brauchen die Förderung von Elektromobilität und des öffentlichen Verkehrs."

Brandenburgs Verbraucherschutzministerin Anita Tack (Linke) forderte einen Verkaufsstopp für E10. Die Einführung sei weder umwelt- noch verbraucherschutzpolitisch begründet, sagte sie am Montag in Potsdam.

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