Donnerstag, 19. September 2019

Zeitarbeit Mindestlohn gibt es schon

Maschinenbau:
Getty Images
Maschinenbau:

900.000 Zeitarbeiter in Deutschland sollen einen Mindestlohn erhalten. So sieht es der Hartz-IV-Kompromiss vor. Die Branche gibt sich gelassen. Denn eine Lohnuntergrenze existiert faktisch schon jetzt, und das Reizthema Equal Pay ist vorerst vom Tisch.

Hamburg - Ein Stundenlohn von 7,60 Euro ist nicht die Welt. Es ist der Preis, der einer ungelernten Zeitarbeitskraft in Westdeutschland für eine Stunde Leiharbeit laut Tarif gezahlt wird. Im Osten der Republik sind es 6,65 Euro. Gewerkschaften geißeln Zeitarbeit als "Lohndrückerei" zulasten der Stammbelegschaften. Sie betrachten Zeitarbeit als "Hauptverkehrsstraße in prekäre Beschäftigung".

Andererseits dürfte die Zeitarbeit in Deutschland bereits Zehntausenden das Tor zur regulären Arbeitswelt samt Festanstellung geöffnet haben. Künftig sollen Leiharbeiter zwar nicht die gleiche Bezahlung wie Stammkräfte, aber doch einen "Mindestlohn" erhalten.

Die Branche sieht das gelassen. "Wir freuen uns, dass es endlich einen Mindestlohn geben wird. Wir haben dies schließlich seit Jahren gefordert", sagt Volkert Enkerts, Präsident des Bundesverband Zeitarbeit (BZA). Und auch der Zeitarbeitsverband IGZ begrüßt die Einigung von Bundesregierung und Opposition auf einen Mindestlohn für Leih- und Zeitarbeiter als "wichtiges Signal" für die Branche, wie Hauptgeschäftsführer Werner Stolz erklärt.

Schutz vor Billigkonkurrenz aus dem Osten

Der Interessenverband IGZ und der BZA repräsentieren mit ihren Mitgliedsfirmen mindestens 550.000 der rund 900.000 Zeitarbeiter in Deutschland. Sie haben mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Tarifverträge für die Zeitarbeiter abgeschlossen. Wer die vereinbarten Tariflöhne nicht zahlt, muss seine Arbeitsnomaden nach dem Grundsatz "Equal Pay" entlohnen, also so wie die Stammbelegschaften in der jeweiligen Firma.

Das kommt in der Praxis allerdings kaum vor. Die Zeitarbeitstarife sehen, je nach Entgeltgruppe, auch Stundenlöhne von bis zu 17 Euro und mehr vor. Laut BZA-Sprecher Michael Wehran dürfte mindestens die Hälfte der Zeitarbeitnehmer in Deutschland tatsächlich aber den untersten Entgeltgruppen zuzurechnen sein.

Die vordergründig entspannte Reaktion der Zeitarbeitsfirmen hat vor allem zwei Gründe. Erstens war die auch in schwarz-gelben Parteikreisen trotz Zeitarbeitstarifverträgen bestehende Forderung einer gleichen Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaften nach dem Prinzip "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nicht Gegenstand des beschlossenen Hartz-IV-Gesamtpakets. Zum anderen scheint mit dem Mindestlohn die Gefahr gebannt, dass zum 1. Mai dieses Jahres osteuropäische Zeitarbeitsunternehmen ihre Leiharbeiter nach Deutschland schicken - zu deutlich geringeren Tariflöhnen als 7,60 Euro.

Eine Befürchtung, die vor allem die hiesigen Zeitarbeitsverbände hegen. Schon lange vor der ab 1. Mai geltenden vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit für acht mittel- und osteuropäische Staaten warnten sie vor "Dumpinglöhnen" durch die neuen Wettbewerber und "Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt" für den Fall, dass der Mindestlohn für die Branche in Deutschland nicht kommen sollte.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung