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Bundesbank: Wer folgt auf Weber?

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Bundesbank-Krise Das große Geld-Theater

Mit Axel Weber scheitert nicht nur eine Persönlichkeit auf tragische Weise, sondern auch ein Notenbanker-Typus: der des Anti-Inflations-Falken. Die Aufgabe für seinen Nachfolger wird damit nicht leichter. Denn die Rolle der Notenbanken hat sich fundamental verändert.

Axel Weber geht, zum 30. April wird er als Präsident der Bundesbank abtreten. Die Bundesbank legt Wert darauf, dass ihr Präsident aus freien Stücken geht, nicht auf Druck der Bundesregierung.

Das ändert nicht daran, dass dieser Schritt eine große Entäuschung ist. Nicht nur weil Weber für einen Top-Job bei der Deutschen Bank  im Gespräch ist, einer Bank, die er bislang selbst beaufsichtigt. Auch weil er sich in der heißen Phase der Bankenkrise und seit 2004 als Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) hohes Ansehen erworben hat.

Doch als es darum ging, Euro-Staaten vor dem Umkippen zu retten, als nicht nur immer weitere Rettungsschirme aufgespannt wurden, sondern auch die EZB mit dem Kauf von Anleihen der Krisenstaaten intervenierte, stand Weber in latenter - und teils öffentlich ausgesprochener - Opposition zum neuen europäischen Mainstream.

Klare Kante statt Konsens - das Scheitern des Falken

Klare Kante statt Konsens, das war Webers Kurs. Aber ohne Konsens und Kompromis läuft nun mal nichts im Euro-Land, schon gar nicht im EZB-Rat mit seinen 23 Mitgliedern. Der nächste Karriereschritt als Notenbanker - die EZB-Präsidentschaft - geriet deshalb für Weber außer Reichweite.

Mit Weber, so muss man es sehen, scheitert nicht nur eine Persönlichkeit auf tragische Weise, sondern auch ein Typus von Notenbanker: der des Anti-Inflations-Falken. In der Tradition der Deutschen Bundesbank, die Weber schon als junger Gelehrter als Institution bewunderte, sah er sich als Hüter der Geldwertstabilität.

Es ist nur so: Die Arbeit des Zentralbankers ist viel schwieriger geworden. Nur das Ziel zu verfolgen, die Inflation niedrig zu halten, wird der komplexen Post-Krisen-Welt nicht mehr gerecht. Geldwertstabilität und sonst nichts - dieses Ziel lässt sich, realistisch gesehen, gar nicht mehr durchhalten.

Was der neue Bundesbankchef können muss

Der künftige Bundesbank-Präsident muss mit dieser neuen Komplexität umgehen können.

Gefragt ist ein Notenbanker, der drei Eigenschaften in sich vereint: Er braucht Prinzipientreue, Pragmatismus und Pioniergeist. Klingt widersprüchlich? In der Tat: So schwierig ist das staatliche Geldmanagement geworden.

Beginnen wir mit der Prinzipientreue: Nach wie vor hat die deutsche Tradition des konservativen Notenbanking ihren Platz. Ja, es sollte sogar an Bedeutung gewinnen. Das Prinzip, wonach die Geldmenge nicht stärker wachsen sollte als die Wirtschaft (plus angepeilter Inflationsrate), gewinnt wieder mehr Anhänger. Denn dass es überhaupt zur Finanzkrise kam, liegt auch an der über viele Jahre übermäßigen Liquiditätsversorgung; ohne diese Abkehr von der Politik des knappen Geldes hätte es weder derart große Bubbles noch einen dramatischen Anstieg der Verschuldung gegeben. Die oft verlachte "Geldmengensteuerung", die die Bundesbank vor Beginn der europäischen Währungsunion verfolgte, hat durchaus ihre Berechtigung.

Aber diese traditionelle deutsche Orthodoxie reicht nicht mehr als Maßstab für Geldpolitik. Gefordert ist auch ein gutes Stück Pragmatismus.

Kritische, unabhängige Geister mit abgeschlossener Vermögensbildung

Rolle der Notenbanken hat sich fundamental verändert

Denn die Rolle der Notenbanken hat sich durch die Finanzkrise fundamental verändert. Neben der Geldwertstabilität haben sie nun ein zweites Ziel: die Finanzmarktstabilität zu gewährleisten. Sie müssen Flächenbrände im Bankensektor ebenso verhindern wie ungeordnete Staatsinsolvenzen. Zu unkalkulierbar sind die realwirtschaftlichen - und sozialen - Folgen solcher Zusammenbrüche.

So war es für die EZB unabweisbar, Anleihen von pleitebedrohten Euro-Staaten vom Markt zu kaufen. Natürlich sind solche Interventionen mit erheblichen und womöglich unkalkulierbaren Risiken für die Geldwertstabilität verbunden. Aber die Risiken, die eine Kette von Staatspleiten nach sich ziehen würde, sind viel unmittelbarer und größer. Im Übrigen: So wie das Euro-Land verfasst ist, gab es zunächst keinen Mechanismus, dem Austrocknen der Bondmärkte an der Euro-Peripherie entgegenzuwirken. Außer der EZB war niemand handlungsfähig.

Wer mit traditionsbewussten Bundesbankern spricht, stellt fest, dass sie die neuen Aufgaben für Teufelszeug halten. "Mir gefällt die ganze Entwicklung überhaupt nicht", sagte mir vor einiger Zeit ein ehemaliger deutscher Währungshüter. Die Notenbanken würden "zu stark in die Politik hineingezogen". Das bekomme ihnen "gar nicht", weil die Unabhängigkeit gefährdet sei, wenn sie nicht mehr allein der Geldwertstabilität verpflichtet seien, sondern nun allerlei Kompromisse machen müssten.

Axel Weber hat das nicht so eng gesehen. So entwarf er maßgeblich den Rettungsschirm für die deutschen Banken. Aber die Geldpolitik der EZB wollte er aus diesem Geschäft möglichst heraushalten.

Mitten drin im politischen und regulatorischen Geschäft

Notenbanken kommen nicht mehr umhin, mehrere Ziele zu verfolgen, die sich zuweilen in krasser Weise widersprechen. Sie sind mitten drin im politischen und im regulatorischen Geschäft.

Das bringt neue Konflikte mit sich - mit Finanzministern und Regierungschefs, aber auch mit den mächtigen Spielern auf den Finanzmärkten, insbesondere den Großbanken. (Gerade deshalb verbietet sich ein unmittelbarer Wechsel ins private Geldbusiness.) Spitzennotenbanker müssen diese Konflikte aushalten. Sie dürfen sich nicht vereinnahmen lassen, weder von politischen noch von Geschäftsinteressen. Und sie müssen bei all dem in der Lage sein, geschlossen als Kollektiv - ob im Bundesbank-Vorstand oder im EZB-Rat - zu handeln.

Dazu bedarf es einer gewissen Bulligkeit und persönlichen Unabhängigkeit. Notenbankchef ist ein Job für Leute mit abgeschlossener Vermögensbildung, die am Ende einer langen Karriere stehen. Für Leute, die danach nichts mehr werden wollen und nichts mehr werden müssen. Und die auch aus früheren Lebensabschnitten niemandem etwas schuldig sind. Nur dann sind sie wirklich unabhängig.

Neben all diese Eigenschaften sollte idealerweise auch noch ein intellektueller Pioniergeist treten. Denn das alte Paradigma - die reine Lehre der Inflationssteuerung - ist in der Finanzkrise krachend gescheitert. Notenbanker bewegen sich heute in unkartierten Gewässern. Sie müssen bereits sein, Neues zu wagen. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hat das bislang in kluger Weise praktiziert. Ob es der Euro-Bank nach ihm gelingen wird, hängt entscheidend von der Figur an der Spitze ab.

Für die Zukunft müssen Ökonomen und Notenbanker ein neues Paradigma entwickeln, einen neuen intellektuellen Rahmen, an dem sich Notenbanker orientieren können. Dazu müssen die Notenbankchefs kritische, offene Geister um sich scharen - Vordenker in der Frage, was eigentlich die Rolle des Geldes in der Wirtschaft ist und wie es gemanagt werden sollte.

Wer entspricht diesem - zugegebenermaßen - hochgradig anspruchsvollen Profil? Unter den bislang gehandelten Kandidaten am ehesten wohl Klaus Regling, der Chef des Euro-Rettungsfonds.

Aber auch ein Mann wie Peer Steinbrück, der krisengestählte Ex-Finanzminister, nebenher auch ein fähiger Ökonom - aber der ist Sozialdemokrat und damit wohl nicht vermittelbar.

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